Ein rohes Stück Fleisch auf einer Gabel (Symbolbild).
Foto: Getty Images

BerlinEssen und Ernährung ist ein sehr persönliches Thema. Jeder hat seine speziellen Vorlieben – und oft ein schlechtes Gewissen. Zu viel, zu fett, zu süß, das bemängelt nicht selten der eigene Arzt. Nun kommen noch die Forderungen der Umwelt hinzu. Unser derzeitiger Fleischkonsum belastet das Klima, denn für die Aufzucht des Schlachtviehs werden übermäßig Ressourcen verbraucht. „Darf ich noch Fleisch essen?“, lautete daher die Frage, die wir in dieser Woche stellten. Die Antworten darauf fielen moderater aus, als wir erwartet hatten.

Fleischesser, Vegetarier und Veganer sind ganz offensichtlich bereit, auch die Argumente der jeweils anderen Seite anzuhören. Viele wollen nicht auf ihr Fleisch verzichten, aber sie sind bereit, ihre Gewohnheiten zu ändern. Weniger, aber dafür besser! Für die Umwelt nehmen viele dabei auch in Kauf, mehr bezahlen zu müssen. Hilal Sezgin genügt dies allerdings nicht. Die Autorin und Streiterin für Tierrechte machte in dieser zweiten Woche unseres Diskussionsprojektes den Anfang.

BLZ/Tagesspiegel/BpB
30 Jahre Meinungsfreiheit

Vor 30 Jahren fiel die Mauer, aus der geteilten Stadt wurde ein geeintes Berlin. Gemeinsam mit dem Tagesspiegel und der Bundeszentrale für politische Bildung feiern wir die Meinungsfreiheit – mit guten Argumenten und großen Debatten. 


Ihr geht es nicht nur um die Umwelt, sondern um das Tierwohl, wenn sie fordert, dass niemand Geld für Blut und Qual ausgeben soll. Sezgin lebt vegan, wie auch unser Alltagsexperte Felix Domke, der dies allerdings nicht von seiner Umwelt fordert. Er hält es aber für notwendig, dass künftig sehr viel weniger Fleisch produziert wird, um die Emissionen zu senken und dem Treibhauseffekt entgegenzuwirken. Der Biobauer Jochen Fritz forderte mehr Respekt für Tiere, aber auch für jene, die sie halten und, ja, auch schlachten. Er findet, dass mit einer verantwortungsvollen Landwirtschaft, die artgerechte Tierhaltung möglich macht, viel verbessert werden könnte. Auch der Gastronom Boris Radczun plädierte für bewussteren Fleischkonsum.

Weniger Fleisch zu essen, das dafür hochwertiger und auch teurer ist, können sich viele Leserinnen und Leser der Berliner Zeitung vorstellen. Nahezu alle forderten, die Bedingungen der Tierhaltung zu verbessern.

Das sind die Reaktionen unserer Leser


Nicht auf Allesfresser herabblicken

Frau Sezgin, glauben Sie an Gott? Wenn ja, dann ist ihm auf jeden Fall ein Fehler bei der Herstellung des Menschen unterlaufen, denn er hat uns zu Allesfressern gemacht! Wenn die Nutztiere abgeschafft werden, entstehen neue Flächen, die vielleicht Ertrag im Ackerbau bringen (aber mit Sicherheit nicht alle diese Flächen). Aber reicht das aus, um acht(!!!) Milliarden Menschen zu ernähren, ohne die Felder natürlich zu düngen (denn natürlicher Dung fällt nicht mehr an)? Erklären Sie den Hungernden der Welt, dass sie auf gar keinen Fall Fleisch essen dürfen. Friedrich II. hat gesagt: „Bei mir kann jeder nach seiner Facon selig werden.“ Das dürfen auch Sie. Aber halten Sie sich und die anderen Veganer nicht für „Bessermenschen“, die auf uns „Allesfresser“ überheblich herabblicken und mit missionarischem Eifer selig machen wollen! Es ist alles viel komplizierter, als Sie und ich es uns denken. Verbote helfen aber nicht! Hans-Joachim Pohl, Berlin-Friedrichshain

Keine Profitgier, keine Überproduktion mehr!

Um von der Massentierhaltung und der damit einhergehenden Tierquälerei endlich wegzukommen, muss eine grundlegende Veränderung schnellstens vollzogen werden: Schluss mit der Profitgier! Schluss mit der Überproduktion! Carmen Thomas, per E-Mail

Die Frage beim Fleisch ist ja mal nicht, OB wir Fleisch essen, sondern WIE VIEL und in welcher Qualität. Wenn also alle den Fleischkonsum auf ein für uns UND den Planeten gesundes Maß reduzieren würden, wäre alles palletti ...

Jens Beyer, via Facebook

Weiter wie seit 5000 Jahren

Selbstverständlich werden wir, wie in den letzten 5000 Jahren, Fleisch essen, Rahmenbedingungen der Viehzucht sollten allerdings verbessert werden. Es wäre auch genügend da, ohne Massentierhaltung, so wie sie heute praktiziert wird. Norbert Burczyk, per E-Mail

Fleisch wird vor allem exportiert

Sicher ist Massentierhaltung nicht schön – weder für Menschen noch für Tiere. Wir produzieren in Deutschland aber vor allem für den Export. Das vergisst die Autorin (Hilal Sezgin, Anm.d.Red.). Nun, wenn wir es nicht tun, wird sich jemand anderes finden. Vermutlich dort, wo keine EU-Standards gelten. Dirk Sieper, per E-Mail

Früher tickten viele noch anders

Seit 1987 ernähre ich mich vegetarisch. Unser Sohn, der 1997 geboren wurde, bekam im Kindergarten dann oftmals nur Kartoffeln und Soße mit ein wenig Gemüse. Die Kinderärztin war der Meinung, dass das Kind wohl schlecht wachsen und spät anfangen würde zu laufen. Auch den Spracherwerb sah sie angesichts der vegetarischen Ernährung kritisch. Unser Sohn lief dann mit zehn Monaten, war kaum krank, sprach früh und ist heute 1,87 Meter groß. 1997 tickten viele noch anders, und sich vegetarisch zu ernähren, sorgte oft für Witzeleien oder Diskussionen. Ich halte es mit Louise Erdrich, die in einem ihrer Bücher sagen lässt, dass nichts gegessen würde, was träumt. Ob Fische träumen, weiß ich nicht. Da es sein könnte, esse ich sie auch nicht. Tiere werden zum Fressen gezüchtet, das finde ich absurd. Susanne Venker, per E-Mail

Danke, Frau Sezgin, für Ihre Worte. Ich bin Ende 60, lebe seit vielen Jahren vegan und vermisse gar nichts. Ich bin auch gesünder als manch ein 25-Jähriger ...

Ivanka Seka Glas, via Facebook

Der menschliche Körper braucht Fleisch

UNMÖGLICH...Wir sollten dabei bleiben und es genauso handhaben wie schon unsere Ur-Ur-Ur-Vorfahren, die sich ganz normal ernährt haben! Dieselben waren wahrscheinlich gesund und haben verstanden, was ein menschlicher Körper zur Ernährung braucht – Nämlich auch FLEISCH!!! Malte-Jürgen Wille, per E-Mail

Tierisches Eiweiß ist wichtig

Fleisch war evolutionär wichtig für die menschliche Entwicklung. Wir brauchen tierisches Eiweiß, um Mangelerscheinungen zu verhindern, und nicht, um der Pharmaindustrie Zusatzprofite durch Ergänzungspräparate zu ermöglichen. Christiane Heibel, per E-Mail

Die kranke Tierhaltung muss geändert werden

Ich denke schon, dass wir noch Fleisch essen dürfen. Was unbedingt geändert werden muss, ist die kranke Tierhaltung, die Massentierhaltung, der absolut zu verachtende massenhafte Tiertransport. Wenn die Tiere artgerecht gehalten werden und nur für den wirklichen Bedarf geschlachtet werden, ist das völlig in Ordnung. Wir haben hier in Berlin x Supermärkte, jeder mit einem totalen Überangebot an Fleisch, das gar nicht verkauft werden kann – das gehört abgeschafft. Erika Dunkeld, per E-Mail

Ich bin Vegetarier. Trotzdem würde ich sagen, ja, man darf Fleisch essen. Es sollte eben regional und bio sein.

Lupinebexs, via Instagram

Weiterdenken wäre wichtig

Es ist wie immer, es wird radikalisiert, nur noch schwarz und weiß. Natürlich können wir noch Fleisch essen, Dieselautos fahren und in den Urlaub fliegen. Aber alles in Maßen. Wir brauchen auch keine Überproduktion beim Fleisch, sondern Qualität. Bevor alles verboten wird, sollte man auch gucken, wie „umweltfreundlich“ der Anbau von Soja ist und die Herstellung von Batterien für Elektroautos, aber dann müsste man ja weiterdenken, und wer will das schon, besonders bei den Grünen. Christa Schirdewan, per E-Mail

Schlachtungen, die das Tier sanft töten

Ich möchte weiterhin echtes Fleisch essen. Kein veganes Ersatzprodukt. Das ist doch krank. Ich stelle Produkte her, die wie Fleisch schmecken ... Allerdings sollte es nur eine artgerechte Tierhaltung geben mit Schlachtungen, die das Tier sanft töten. Silvio Arndt, per E-Mail

Menschen sollen frei sein, Essen, Kleidung, Wohnort, Glaube usw. selber zu wählen. Solange keiner anderen Menschen schadet, darf seine/ihre Freiheit nicht gestört werden. Es gilt auch in Bezug darauf, anderen zu zwingen, bestimmte Sachen (z. B. Fleisch) nicht zu essen. 

Benyamin More, via Facebook

Fleischverzehr ist ein natürlicher Vorgang

Herr Domke ist wirklich ein toller Missionar. Er predigt seinen Glauben nicht nur, er lebt ihn auch! Das ist bekanntlich nicht bei allen Missionaren so. Er bemüht sich bei seiner Predigt wirklich um Milde, allerdings stößt er auf so viele verstockte Heiden, dass selbst er bei aller Sanftheit auf den Arm der weltlichen Obrigkeit zurückgreifen muss. Wie er so schön sagt: „... die Politik steht in der Verantwortung, die Rahmenbedingungen in Form geeigneter Instrumente auszuhandeln, um ... Verbrauchern so den Weg zu einem stärker pflanzenbasierten Lebensstil zu ebnen.“ Leider gehöre ich zu der Sorte Mensch, die glaubt, dass der Mensch ein natürliches Lebewesen ist. Der Eremit, der nur von Kräutern und Ameisen lebt, praktiziert gewiss einen bewundernswerten Lebensstil, der aber doch eher durch Religiosität als durch Natürlichkeit motiviert ist. Ein kurzer Blick in die Natur lehrt hingegen, dass der Verzehr anderer Tiere ein sehr natürlicher Vorgang ist. Und überhaupt: Was haben Herrn Domke die vielen unschuldigen Pflanzen getan, die er – obwohl sie einen unschätzbaren Beitrag zum Klima leisten! – dennoch zum alleinigen Ziel der menschlichen Fressgier und Fresslust machen will? Lieber Herr Domke, leben Sie Ihr Leben, und lassen sie die anderen so leben wie sie wollen. Walter Bühler, Berlin-Mitte

Selbstverpflichtung für freiwilligen Verzicht

Ich stimme den Beiträgen der Herren Radczun und Fritz zu. Es geht nicht um Fleischessen oder nicht, sondern um den Umgang mit dem Fleisch, dem Lebenden wie dann dem Toten zum Essen. Alle beide haben schöne Sachen geschrieben, wie es sein könnte, sollte. Aber dazu braucht es, und da sind wir wieder beim kapitalistischen Wirtschaftssystem, die Einschränkung der unternehmerischen Freiheit durch die Gesellschaft. Die rot-rote Regierung in Brandenburg hat es einerseits nicht vermocht und andererseits auch nicht gewollt (Täter: Vogelsänger), dass Massentierhaltung eingeschränkt oder gar unterbunden wird. Bürgerinitiativen gegen rot-rot und die nach Steuereinnahmen gierenden Bürgermeister waren nötig, aber wenig erfolgreich. Wird das jetzt mit Rot-Schwarz-Grün besser? Kaum anzunehmen. Wolfgang Schlenzig, Berlin-Mariendorf

Hinter „Fleisch essen“ und „Milch trinken“ steckt sehr viel mehr als Tiere töten für einen schnöden Gaumenkitzel aus Gewohnheit. Umweltverschmutzung, Ressourcenverschwendung, Klimaveränderung, multiresistente Keime. Und das betrifft uns alle. 

Doris Koinig, via Facebook

Das Überangebot gehört abgeschafft

Sehr wohl sollte aus meiner Sicht der Fleischkonsum reduziert werden. Leider wird, wie in diesem Beitrag, immer wieder suggeriert, dass es sich dabei um eine Scheibe Fleisch handelt. Ich habe noch nie einen Hinweis auf die endlosen Regale mit Fleischprodukten, insbesondere Wurst gelesen. Ich finde das irreführend. Ich will auf beides nicht verzichten, wie vermutlich die meisten. Jedoch bin ich der Meinung, dass das permanente Überangebot dringend abgeschafft gehört. Somit würden auch nicht Millionen Tonnen im Müll landen. I. Horvath, per E-Mail

Es hilft Tieren, den Konsum einzustellen

Ich bin ganz der Meinung von Frau Hilal Sezgin. Ich lebe seit vielen Jahren konsequent vegetarisch. Ich versuche auch zunehmend, vegan zu leben. Selbst kaufe ich keine tierischen Lebensmittel wie Käse, Milch, Eier etc. Allerdings finde ich es sehr schwierig, sich ausschließlich vegan zu ernähren, z. B. auf Besuch und auf Reisen. Aber ich denke, es hilft schon der Umwelt und den Tieren, wenn ich den Konsum so weit wie möglich einstelle. Das Gleiche würde ich Menschen empfehlen, denen es schwerfällt, auf Fleisch zu verzichten. Eine Einschränkung so weit wiemöglich, und Fleischkonsum nur aus biologischer und artgerechter Tierhaltung. Evelyn Kesten, per E-Mail