Nicht Schauspieler, nicht Sänger, sondern Youtuber sind die eigentlichen Stars der jungen Generation. Sie sind trendiger, nahbarer und bieten ein sehr großes Identifikationspotenzial für junge Menschen. In Lifestyle-Vlogs (Video-Blogs) begleiten sie ihr Leben mit der Kamera und stellen die Clips anschließend für ein Millionenpublikum ins Netz.

Trotzdem passen viele von ihnen in dieses Schema, das die westliche Welt noch immer beherrscht: jung, attraktiv, weiß, hetero.

Eine von ihnen, die perfekt in dieses Schema passte: die US-Amerikanerin Ingrid Nilsen, 26 Jahre alt, bekannt geworden unter dem Nickname „missglamorazzi“. Ihre Spezialgebiete: Mode, Make-up, Homedekor. Diese Themen brachten ihr 3,3 Millionen regelmäßige Zuschauer. Sie zählt zu den bekanntesten Youtuberinnen der Welt.

Doch in letzter Zeit schien sie sich darüber hinaus zu entwickeln. Im neuen Videoformat „Five Minutes for us“ spricht sie fast täglich bewegende Themen des Alltags an. Sie gibt Tipps dazu, wie man den Verlust eines nahen Verwandten verkraftet oder endlich Selbstvertrauen gewinnt. Ihre Themen sind vielschichtiger geworden, auch ihr Modegeschmack ist nicht mehr so mädchenhaft wie früher. Ingrid Nilsen ist unter den Augen eines riesigen Publikums erwachsen geworden.

An diesem Dienstagabend kam kein „Five Minutes for us“-Video. Stattdessen lud Nilsen ein sehr persönliches Video hoch. Ihr Coming-out. Mit Tränen in den Augen erzählt sie, die in ihren Videos immer so viel Positivität und fröhliche Schrulligkeit ausstrahlt, wie viele Jahre lang sie ihre wahren Gefühle unterdrückt hat. Spricht über ihre Beziehungen zu Männern, denen sie sich nie ganz öffnen konnte. Sagt, dass sie schon seit frühester Kindheit wusste, dass sie Frauen liebt.

Es ist ein großer Schritt, dass sie sich der Welt zu erkennen gibt. Denn mit ihrem Outing macht sie sich verdammt angreifbar. Vor allem innerhalb einer Community wie der von Youtube, in der Cyberbullying und -mobbing an der Tagesordnung sind. Doch ihrer Vorbildfunktion ist sie mehr als gerecht geworden. Denn viele der Mädchen und jungen Frauen, die ihre Kernzielgruppe bilden, können aus dem mutigen Video hoffentlich Kraft schöpfen.

Die Weltgesellschaft ist noch nicht so weit, dass Homosexualität selbstverständlich angenommen wird. Doch mit jedem Outing, sogar mit jedem läppischen „Daumen hoch“ für ein Video mit dem Titel „I'm Gay“ kommen wir dem näher.