Ben Ferencz als Ankläger in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen. 
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BerlinBenjamin Ferencz, 100 Jahre alt, ist der letzte noch lebende Chefankläger der Nürnberger Prozesse. Als junger US-Soldat war der Jurist in Deutschland an der Befreiung mehrerer Konzentrationslager beteiligt. Am 8. Mai 1945, so erinnert sich der heute in Florida lebende Ferencz, sicherte er im Berghof, dem Wohnsitz Adolf Hitlers, Akten als Beweismaterial. 

Mr. Ferencz, wie geht es Ihnen? Wie stehen Sie die Corona-Krise durch?

Ich kann Ihnen diese Frage heute noch nicht beantworten. Ich mache gewöhnlich jeden Morgen 101 Liegestütze, für jedes meiner Lebensjahre eine. Danach kann ich dann sagen, wie es mir geht. Heute bin ich noch nicht dazu gekommen, Sie halten mich davon ab.

Der Zweite Weltkrieg endete in Europa vor genau 75 Jahren, am 8. Mai 1945. Können Sie sich an diesen Tag erinnern?

Ja, sehr genau. Ich war in Berchtesgaden. Ich habe ja damals schon für die US-Armee Kriegsverbrechen verfolgt, und wir haben im Berghof Aktenschränke sichergestellt, nachdem die 101. Luftlandetruppe Berchtesgaden eingenommen hatte.

Wie haben Sie den 8. Mai erlebt?

Wir wussten ja schon einige Wochen vorher, dass die Deutschen kapitulieren würden. Es gab in unserer Einheit deshalb keine großen Feiern. Wir wollten alle nur so schnell wie möglich nach Hause.

Was genau war Ihre Aufgabe in Berchtesgaden?.

Ich war ein ganz normaler  Feldwebel. Wegen meines Jurastudiums und meiner Spezialisierung auf Kriegsrecht hatte man mich allerdings damit betraut, Kriegsverbrechen zu untersuchen. Im Herbst 1945 bin ich aber nach New York zurückgegangen und im Dezember aus der Armee entlassen worden. Ich hatte damals keine Absicht, je wieder nach Deutschland zurückzukehren.

Warum haben Sie es dann doch getan?

Das Pentagon suchte Juristen, um die  Nachfolgeprozesse zu den Nürnberger Prozessen vorzubereiten, und mein Professor in Harvard, Sheldon Glueck, hat mich empfohlen. Ich war bei der Befreiung mehrerer Konzentrationslager dabeigewesen, um dort Unterlagen sicherzustellen. Ich hatte Material, um mehr als 3000 Nazi-Verbrecher anzuklagen.


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Benjamin Ferencz

ist 1920 in Ungarn geboren worden und mit seiner Familie 1921 nach New York ausgewandert. Er hat in Harvard Jura studiert und während des Zweiten Weltkrieges als Ermittler der US-Streitkräfte Kriegsverbrechen untersucht. In dieser Funktion war er an der Befreiung mehrerer Konzentrationslager beteiligt. Als erst 27 Jahre alter Anwalt war Ferencz 1947 Hauptankläger im Nachfolgeprozess zu den Nürnberger Prozessen gegen die SS-Einsatztruppen, die in Polen und der Ukraine Hunderttausende von Juden ermordet hatten. In seiner späteren Laufbahn hat Ferencz maßgeblich an der Gründung des Internationalen Strafgerichtshofes ICC in New York mitgewirkt. Ben Ferencz lebt heute in Florida.

Wann haben Sie zum ersten Mal etwas von den Konzentrationslagern gehört?

Ich habe schon als Jura-Student in Harvard davon gehört, wo ich 1943 meinen Abschluss gemacht habe. Sheldon Glueck war Mitglied einer internationalen Kommission von Juristen, die in London Beweise für Kriegsverbrechen sammelten. Außerdem haben die Deutschen ja kein Geheimnis daraus gemacht, dass sie die Juden vernichten wollen.

Der breiten amerikanischen Öffentlichkeit war das Ausmaß der Judenverfolgung aber vor dem Kriegsende nicht bekannt.

Jeder, der es wissen wollte, konnte es wissen. Die New York Times hat sogar darüber berichtet.

Als Sie es dann mit eigenen Augen gesehen haben, war es dennoch ein Schock.

Es war unvorstellbar. Es ist für mich bis heute unvorstellbar. Der Boden war mit Leichen übersät. Das Krematorium lief noch, es gab Berge von bis aufs Skelett heruntergehungerten Menschen davor. Ich hatte Schokolade in der Tasche und wollte sie den überlebenden Häftlingen geben. Aber die Sanitäter haben uns gewarnt. Die Häftlinge wären gestorben, wenn sie die Schokolade gegessen hätten.

Wie sind Sie damals mit diesen Eindrücken zurechtgekommen?

Man musste sich einreden, dass das nicht wirklich ist. Und dann habe ich mich einfach auf meinen Job konzentriert. Ich war da, um Beweise für Kriegsverbrechen zu sammeln. Also habe ich nach Akten gesucht und sie sichergestellt. Zum Glück waren die Deutschen sehr ordentlich und haben genau aufgeschrieben, wie viele Menschen sie ermordet haben.

Wofür wurden die Unterlagen verwendet?

Es gab lange vor den Nürnberger Prozessen in München Kriegsverbrecher-Prozesse durch die US-Armee. Wir haben sie die Lager-Prozesse genannt. Die Angeklagten waren die Offiziere, die die Lager kommandiert haben.

Was war die juristische Grundlage für diese Prozesse?

Das Militärgesetz. Die Ankläger und die Richter waren US-Offiziere. Sie haben die Anklage verlesen – meist Folter und Mord von Kriegsgefangen. Dann haben sie gefragt, ob die Angeklagten sich schuldig oder nicht schuldig bekennen. Meistens haben sie „nicht schuldig“ gesagt. Dann hat man die Beweismittel vorgelegt: Akten mit Unterschriften. Und das Urteil wurde verlesen – in der Regel Tod durch Erhängen. Es waren schnelle Verfahren, schnelle Urteile, und sie wurden schnell wieder vergessen, weil die Nürnberger Prozesse dann die Schlagzeilen dominierten.

In ihrem Eröffnungsplädoyer in Nürnberg haben Sie gesagt, dass es nicht um Rache gehe, sondern darum, durch internationale Gerichtsbarkeit das Menschenrecht zu garantieren, unabhängig von Rassen- oder Glaubenszugehörigkeit in Frieden und Würde zu leben. Hatten Sie nie Sehnsucht nach Rache?

Es ist ja eine ganze Zeit vergangen zwischen der Befreiung der KZs und dem Beginn des Tribunals. Das Tribunal begann erst 1947. Es ging uns damals darum, unmissverständlich klar zu machen, dass das Recht auf einen fairen Prozess ein Menschenrecht ist, das keine Ausnahmen kennt.

Woher kommt der tiefe Glaube an diesen Rechtsgrundsatz bei Ihnen?

Das ist einfach nur gesunder Menschenverstand. Wenn Sie einen Streit mit Ihrem Nachbarn haben, aber kein Gericht, zu dem Sie gehen können – wie wollen Sie diesen Streit beilegen? Und wenn beide Parteien überzeugt sind, dass sie im Recht sind und bereit sind, dafür zu sterben – ich rede etwa von Religion oder von Nationalismus –, was machen Sie dann? Deshalb war es für mich immer wichtig, dass wir eine international verbindliche Gerichtsbarkeit schaffen. Es gibt dazu keine Alternative.

Dachte man damals, dass ein fairer Prozess gegen die Naziverbrecher wichtig sei, um in Deutschland einen demokratischen Rechtsstaat zu errichten?

Ich glaube nicht, dass irgendjemand damals überlegt hat, wie die deutsche Gesellschaft aussehen soll. Churchill und Roosevelt wollten den Deutschen signalisieren, dass sie zur Rechenschaft gezogen werden. Sonst nichts. Es sollte Gerechtigkeit walten.

Sie waren damals 27 und hatten keine Prozess-Erfahrung. Woher haben Sie das Selbstbewusstsein genommen, einen solchen Prozess zu führen?

Ich habe gewusst, dass das, was ich tue, richtig ist. Ich war in den Lagern gewesen, ich hatte mit eigenen Augen gesehen, was dort geschehen ist.  Außerdem hatte ich ja schon während des Krieges Beweismittel gesammelt. Ich habe damals Telford Taylor, dem Ankläger in Nürnberg gesagt: Ich habe handfeste Beweise für den Massenmord an Millionen von Menschen, wir können diese Leute nicht laufen lassen. Daraufhin hat er mich gefragt, ob ich mir die Aufgabe zutraue. Und ich habe Ja gesagt.

Wie war damals Ihr persönlicher Eindruck von den Angeklagten?

Ich musste mir aus 3000 Fällen 22 aussuchen, weil wir nur Kapazitäten für einen Prozess hatten. Ich habe mir deshalb die obersten Entscheidungsträger ausgesucht. Viele von ihnen waren hoch gebildet und kultiviert. Ich erinnere mich an Dr. Dr. Rasch, der in Babi Yar 32.000 Menschen in zwei Tagen ermordet hatte. Oder Dr. Otto Ohlendorf, SS-General, dessen Einheit unter seinem Kommando mindestens 70.000 Menschen ermordet hatte. Er war gut aussehend, gebildet, und er hatte durchaus humanistische Impulse. Er war Vater von fünf Kindern. Er hat die Hinrichtung mit Auspuffgasen in Lkw untersagt, weil er das unmenschlich fand. Ich bin vor seiner Hinrichtung zu ihm gegangen und habe ihn gefragt, ob er etwas loswerden möchte. Dann fing er damit an, dass das alles zur Verteidigung des deutschen Volkes notwendig gewesen wäre. Ich habe mir das eine Minute lang angehört und habe mich dann verabschiedet. Seine Motivation war das, was alle Menschen in den Krieg treibt – Nationalismus.

Die Banalität des Bösen.

Ohlendorf war ein perfekter Gentleman, der 70.000 Menschen umgebracht hat. Die Begegnung hat mich gelehrt, dass im Krieg jeder zum Massenmörder werden kann. Das Problem ist der Krieg. Es ist meine tiefste Überzeugung, dass die Menschheit aufhören muss, Kriege zu führen. Es gab noch nie einen Krieg ohne Kriegsverbrechen.

Sie haben durch Ihre Arbeit dann die Grundlage für den ICC gelegt, den Internationalen Strafgerichtshof zur Verfolgung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Er wurde 1998 ins Leben gerufen.

Das war ein großer Moment für mich. Ich bin Kriegsveteran, ich habe die Schrecken des Krieges gesehen. Ich war sehr geehrt, dass ich das Schlussplädoyer für den ersten Fall vor dem ICC halten durfte. Ich habe dieselbe Formulierung gebraucht wie damals, 1947, als 27-Jähriger. Ich habe gesagt, dass dies ein Appell der Menschlichkeit an das Gesetz ist. Das war vor fünf Jahren, ich war damals 96. Es hat eine Weile gedauert.

Die USA haben sich von Anfang an geweigert, dem ICC beizutreten.

Ich finde das ganz fürchterlich. Wir müssen endlich auch in Amerika begreifen, dass wir alle Bewohner desselben Planeten sind. Wir sind eine Familie. Und es ist nicht schwer, die Ressourcen dieses Planeten so zu verteilen, dass wir alle in Frieden und Würde leben können. Das gelingt allerdings nur, wenn wir aufhören, jeden Tag Milliarden für die Rüstung auszugeben.