Berlin - Jeder Mensch hat mal einen schlechten Tag, jede Partei auch, aber die Linke hat es am Sonntag schon besonders arg getroffen. Erst holte sie bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt kümmerliche elf Prozent. Ein Drittel ihrer Wähler verlor sie in dem Bundesland, das die SPD (!) in den 90er-Jahren nur mit ihren Gnaden regieren konnte.

Und wer saß abends bei „Anne Will“, um das Debakel zu erklären? Nicht Dietmar Bartsch als frisch gekürter Spitzenkandidat für die Bundestagswahl. Auch nicht Susanne Hennig-Wellsow als ziemlich frisch gewählte Parteivorsitzende. Sondern Sahra Wagenknecht, die frühere Fraktionsvorsitzende, seit Jahren als zuverlässiger Quälgeist eifrig um die innerparteiliche Polarisierung bemüht. Sie wiederholte dann ihre altbekannten Vorwürfe an die Genossinnen und Genossen: zu belehrend seien sie, zu weit weg von den Leuten. Diese Thesen sind bekannt. Warum Wagenknecht eingeladen war, sie mal wieder vorzutragen? Weil es neben ihr halt nicht besonders viele Linke mit Strahlkraft gibt.

Hat der ostdeutsche Zeitgeist die Linke rechts überholt?

Manche Linke bezeichnen Wagenknecht verächtlich als selbstständige Publizistin mit Bundestagsmandat und wischen ihre Kritik weg. Andere scharen sich in kleinen Grüppchen von Gleichgesinnten und werkeln dort an ihren Herzensthemen, meist unbehelligt von öffentlicher Wahrnehmung. Viele klammern sich an das, was sie noch haben: das eigene Mandat, die Erinnerung an Karl und Rosa, die prominenten Granden wie Gysi, Pau oder eben Wagenknecht.

Und allen zusammen fehlt es an einer gemeinsamen Idee, wie die Linke gewinnen könnte, was sie stetig verliert: Relevanz und Wahlen. Im Westen blieben die Erfolge eh aus, von regionalen Ausnahmen wie in Hamburg, Bremen oder Hessen abgesehen. Bundesweit steht sie in Umfragen teils bei nur 6 Prozent. Und jetzt kommt der Linken auch noch der Osten abhanden, das sicher geglaubte Stammland des realpolitischen Parteiflügels.

Liegt das am ostdeutschen Zeitgeist, der halt nach rechts gedriftet ist? Nur bedingt. Zwar liefen die zurückliegenden Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen genauso desaströs wie die in Sachsen-Anhalt. Aber es gibt ja weiterhin Thüringen, wo der aus Niedersachsen stammende Bodo Ramelow seit sieben Jahren regiert und in Umfragen vor der Wahl im September auf verblüffende 30 Prozent kommt. Und es gibt Berlin, wo die Linke zwar nicht in die Nähe dieser Werte kommt. Aber immerhin hat sie in der Hauptstadt eine ganze Legislaturperiode mitregiert, ohne dass ihre Popularität gesunken wäre. Für eine Partei mit utopischen Idealen sind das respektable Erfolge.

Die Erfolge der Linken sind das Ergebnis strategischer Arbeit

In beiden Bundesländern sind sie nicht etwa zurückzuführen auf das Spiel mit Anti-West-Ressentiments, mit dem es die sachsen-anhaltische Linke probierte. Die Grundlage des Erfolgs ist in beiden Ländern beharrliche strategische Arbeit. Die Linke hat vor Ort Bündnisse geschmiedet. Ramelow hat jahrelang besonders die Beziehungen zu den Gewerkschaften gepflegt, für die er einst selbst arbeitete. Die Berliner Linke hat erfolgreich unter anderem die Mieterbewegung an sich gebunden. So fest steht sie an ihrer Seite, dass selbst die Aufhebung des Mietendeckels durch das Bundesverfassungsgericht an der Partei abprallte.

Also einfach nachmachen im Rest des Landes? Einfach wäre das mit Sicherheit nicht. Die Linke mag in Ostdeutschland, wo sich nur wenige Menschen Parteien anschließen, vergleichsweise mitgliederstark sein. Einst war ihre Basis in Stadt und Land in den Elternbeiräten und Vereinsvorständen vertreten. Aber die Genossen sind in die Jahre gekommen, zahlen als Rentner zwar noch ihre Beiträge, mischen aber nicht mehr mit. Vom verlässlichen Netzwerk der einstigen Kümmererpartei ist nicht mehr viel übrig – und das gilt übrigens nicht nur auf dem flachen Land, sondern auch in den Ost-Berliner Außenbezirken.

Wissler und Hennig-Wellsow können das Überleben der Linken sichern

Schnelle Erfolge im Kampf gegen ihren Bedeutungsverlust wird die Linke kaum erzielen. Auch von den neuen Vorsitzenden Janine Wissler und Susanne Hennig-Wellsow, die ihre ersten 100 Tage im Amt gerade hinter sich haben, kann die Partei bestenfalls erwarten, dass sie zumindest die Grundlagen legen für das Überleben der Partei.

Das aber kann gelingen. Im Parteivorstand sitzen bereits mehrere Vertreter einer neuen Generation. Die lähmenden Flügelkämpfe der vergangenen Jahre scheren sie nicht. Sie haben konkrete Anliegen, die sie durchbringen wollen: in der Klimapolitik, in der Gleichstellungspolitik, zur sozialen Abfederung der Digitalisierung, zur Positionierung im Osten.

Wenn die Linke ihre Zukunft sucht, dann könnte sie in den eigenen Reihen fündig werden. Wenn sie in der gegenwärtigen Agonie verharrt, wird sie bald auch in Ostdeutschland einstellige Ergebnisse erzielen.