Personenkontrolle der Polizei in Stuttgart.
Foto: dpa/Christoph Schmidt

BerlinDie Polizei will nach den Krawallen in Stuttgart Stammbaumforschung bei den Tatverdächtigen betreiben. Wie bitte?! Das ist blanker Rassismus. Denn was soll dabei rauskommen? Seit Jahren, jedenfalls solange ich denken kann, wird bei Verbrechen, wenn sie von Menschen mit Migrationsgeschichte begangen werden, die Herkunft genannt. Seitdem es mehr Eingewanderte gibt, die nun auch deutsche Staatsbürger sind, weist so mancher Polizeisprecher süffisant auf den deutschen Pass hin. Nach dem Motto: „Der hat zwar einen deutschen Pass, aber …“ Und nun Stammbaumforschung. Das ist gegen das Gesetz und ein Skandal.

Die absurde Idee vom reinen, deutschen Blut ging schon immer an der Realität vorbei und hat als Wahn die Welt und die Menschlichkeit an den Rand des Abgrunds geführt. Rassismus geht davon aus, dass Menschen genetische Merkmale haben, nach denen ihre ganze Existenz, ihr Wert, ihre Eigenschaften bestimmt werden können. Tausendmal als Unsinn bewiesen und doch hält sich diese Ideologie wie ein Seelengespenst des hässlichen Deutschtums.

Dass Rassismus in Deutschland ein Problem ist, wird heute niemand ernsthaft bestreiten. Die Diskussion der vergangenen Wochen war und ist dringend nötig. Veränderungen kommen ja nur zustande, wenn ein Problem nicht länger verleugnet werden kann und es genug Menschen gibt, die nachdrücklich und, wie man neudeutsch sagt, auch nachhaltig drängeln und drauf bestehen, dass sich hier etwas verändert. Und machen wir uns nichts vor – es gab keine Zeiten, in denen Rassismus auch in den Polizeistrukturen, weniger schlimm war.

Wenn Innenminister Seehofer behauptet, es brauche dazu keine Studie, dann ist es ein schwächlicher Versuch, die ewige Verleugnung fortzusetzen. Das Diskriminierungsverbot ist Verfassungsgrundsatz, nichts weniger. Dennoch stoßen diejenigen, die diesen Grundsatz auch im staatlichen Sektor einfordern auf heftigen Widerstand. Gewiss hat Rassismus etwas mit Moral zu tun, mit Ethik, mit Haltungen – ja vielleicht sogar mit Empathie. Aber man kann auch auf solche Kriterien verzichten und eine ganz andere Rechnung aufmachen. Denn Empathie und Moral mögen dem Durchsetzen von Gesetzen helfen, ersetzen sie aber nicht. Schließlich appelliert ja auch niemand an die Moral von Dieben, das Stehlen bitte zu lassen, sondern fordert die Durchsetzung des Gesetzes.

Es ist doch so: In Deutschland leben etwa 81 Millionen Menschen. Etwa eine Million davon sind Schwarz, 21 Millionen haben einen sogenannten Migrationshintergrund. Insgesamt ist das dann wohl ein gutes Viertel der Bevölkerung in diesem Land. Diesen wesentlichen Teil der Mitmenschen zu diskriminieren, ist keine Frage der Moral mehr. Hier geht es an die Substanz des Staatswesens und der Demokratie. Hier ist nicht Empathie oder Moral gefragt, sondern ein grundsätzliches Umdenken. Etwa so grundsätzlich wie bei der Frage, ob Frauen nicht vielleicht auch Menschen sind, denen Gleichberechtigung zukommen müsste.

Der grundsätzliche Umgang mit nicht-weißen Deutschen oder Menschen mit Migrationsgeschichte dämmert  noch irgendwo in den 1980ern in einem, in der Gegenwart völlig unangebrachten Halbschlaf. Und wie der Skandal von Stuttgarts Stammbaumforschern zeigt, wabern in einigen Institutionen obendrein noch die alten Träume von der Schuld des bösen Blutes herum. Wenn sich das nicht schnell ändert, dann gute Nacht.