Berlin - Derzeit sind gerade sieben bis acht Prozent der Menschen in Deutschland vollständig gegen Corona geimpft, jeder Vierte hat gerade mal eine Erstimpfung – doch ab Juni sollen nach und nach alle drankommen, weil dann genug Serum vorhanden sein soll. Davon geht Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) jedenfalls aus. Doch was kommt, wenn alle einen Piks erhalten können? Fallen einige durchs Raster?

Jetzt schon warnen Sozialverbände sowie Intensivmediziner, dass die sozial Schwachen nicht den Kürzeren ziehen dürfen – da die Infektionszahlen gerade in sozialen Brennpunkten meist deutlich höher sind als in anderen Gegenden. Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts lag dort die Corona-Sterblichkeit um 50 bis 70 Prozent höher als in privilegierten Regionen.

Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, wundert das nicht. „Je ärmer die Menschen sind, desto weniger Möglichkeiten haben sie, sich vor dem Virus zu schützen“, sagt er. Und daher müssten sozial Benachteiligte beim Impfen mit an oberster Stelle stehen. 

Ulrich Schneider zur Berliner Zeitung: „Wenn die Impf-Priorisierung aufgehoben wird, macht es Sinn, dort, wo die Infektionsherde am höchsten sind, vor Ort zu impfen. Das geht am besten mit mobilen Impfteams.“ Das seien in der Tat Viertel, in denen Menschen leben, die weniger wohlhabend oder sogar arm seien. „Viele Corona-Infizierte leben, das liegt auf der Hand, in unterprivilegierten Stadtteilen“, so Schneider. Betroffen seien auch viele Menschen mit Migrationshintergrund. Schneider weiter: „Es geht ja letztendlich auch darum, Menschen übers Impfen aufzuklären. Das erreicht man nicht mit Flugblättern – auch nicht, wenn diese in allen Sprachen gedruckt sind. Man muss mit den Menschen reden.“

Weitere Orte, an denen man sich eher anstecken könnte, sind für ihn die Arbeit und die öffentlichen Verkehrsmittel. Eine Kassiererin im Supermarkt sei eher gefährdet als andere, sagt Schneider. „Wir würden begrüßen, dass, wenn genügend Impfstoff zur Verfügung steht, all das berücksichtigt wird. Für mich zählen dazu allerdings auch die Oberstufen-Klassen.“

VdK: Viele behinderte und alte Menschen sind noch immer nicht geimpft

„Die Corona-Pandemie trifft arme Menschen besonders hart: Sie leiden unter den größten Einkommenseinbußen, sitzen beengt in kleinen Wohnungen, ihre Kinder sind schlechter digital ausgestattet und von der Bildung abgeschnitten“, sagte VdK-Präsidentin Verena Bentele der Berliner Zeitung. „Im Gegensatz zu den Milliardenhilfen für die Wirtschaft, kriegen sie nur wenig staatliche Unterstützung: Die 150 Euro als Einmal-Bonus in der Grundsicherung sind ein Tropfen auf den heißen Stein.“

Dem Sozialverband VdK sei es „wichtig und richtig, dass alle, die einen besonderen Schutz brauchen, so schnell es geht, geimpft werden.“ Ferner spricht sie sich dagegen aus, die Impf-Priorisierung aufzuheben, „bevor wir nicht deutlich mehr Impfstoff zur Verfügung haben“. Verena Bentele: „Es gibt noch zu viele alte Menschen oder Menschen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen, die immer noch nicht geimpft sind. Selbst über 80-Jährige sind betroffen. Seit die Hausärzte impfen, nimmt die Impfkampagne Fahrt auf.“ Sie fügt hinzu: „Menschen aus Risikogruppen, die bisher durchs Raster gefallen sind, können jetzt endlich über ihre Hausärzte an ihre Impfung kommen. Jede und jeder aus einer Risikogruppe ist besonders auf die Impfung angewiesen und braucht Schutz. Sollten am Ende des Tages Impfdosen übrigbleiben, ist es sinnvoll, diese frei zu verbrauchen, bevor sie im Mülleimer landen.“

SPD: Impfen darf nicht zu einer sozialen Spaltung führen

Auch Bundessozialminister Hubertus Heil unterstützt die Idee, in sogenannten sozialen Brennpunkten Impfmobile einzusetzen. „Ich halte es für dringend geboten, dass das Thema Impfen nicht zu einer sozialen Frage in Deutschland wird“, sagte der SPD-Politiker. Er nannte es „eine ausgezeichnete Idee“, mobile Teams in solchen Regionen einzusetzen, beispielsweise Busse. Heil verwies auf die für Juni vorgesehene Aufhebung der Impfpriorisierung. Es gehe dann darum, schnell Termine zu bekommen. „Und wir müssen schon auf eine Balance achten, dass Impfen nicht zu einer sozialen Spaltung in Deutschland führt, sondern eine Chance für alle ist, durch diese Pandemie zu kommen.“

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz hatte zuvor ebenso vor einer sozialen Spaltung beim Impfen gegen das Coronavirus gewarnt. „Nicht das Vorhandensein von Ärzten im Freundes- oder Bekanntenkreis darf über die Vergabe von Impfterminen entscheiden, sondern einzig und allein die Priorität“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Für die Idee von Impfmobilen in sozial benachteiligten Stadtteilen der Großstädte hatten sich auch CDU-Chef Armin Laschet und Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) ausgesprochen. Laschet kündigte als Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen ebenso entsprechende Aktionen an.