Ein Priester in Addis Ababa trägt während einer Sonntagsmesse einen Mundschutz.
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Berlin Das Gespräch mit „Menschen für Menschen“-Mitarbeiter Henning Neuhaus per Videokonferenz bricht zwischendurch ab. Das liegt allerdings an der deutschen Internetverbindung – in Addis Abeba funktioniert das Netz einwandfrei. Seit Mittwoch gilt wegen der Corona-Gefahr in Äthiopien der Ausnahmezustand. Doch wie schützen sich Menschen vor dem Virus in einem Land, das zu den ärmsten der Welt gehört und in dem fließendes Wasser ein Luxusgut ist?

Herr Neuhaus, noch sind die Corona-Fallzahlen – die offiziellen zumal – für Äthiopien relativ niedrig. Wie wird die Gefahr in der Bevölkerung wahrgenommen?

Die Menschen haben Angst. Ihnen ist sehr bewusst, dass es in ihrem Land eine hohe Dunkelziffer geben muss. Jeder weiß, dass die Testkapazitäten sehr begrenzt sind. Vor drei Tagen gab es den ersten Corona-Fall in einer kleinen Stadt südlich von Addis Abeba. Die Person hatte keinerlei Kontakte zu nachweislich Infizierten und war auch nicht auf Reisen. Daran sehen wir, dass das Virus überall auftauchen kann.

Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Die Stiftung Menschen für Menschen arbeitet vor allem in ländlichen Regionen. Dort gibt es keine Krankenhäuser nach westlichem Standard, keine Testkapazitäten. Wir können also nur versuchen, die Virusgefahr durch Präventivmaßnahmen einzudämmen. Wir verteilen Handdesinfektionsmittel und Mundschutze und klären die Menschen über die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen auf. Wir haben unsere Arbeit auf die Krise eingestellt, wir treiben Projekte voran, die die öffentliche Wasserversorgung sicherstellen sollen, wir organisieren Hilfslieferungen in den ländlichen Raum.

Foto: Menschen für Menschen
Zur Person

Henning Neuhaus (29) wuchs in Namibia, Äthiopien und Tansania auf. In Bayreuth studierte er Afrikawissenschaften und Ethnologie. Seit 2016 arbeitet Neuhaus für die Stiftung Menschen für Menschen, seit August 2018 in Äthiopien. Er lebt in Addis Abeba.

Wie steht es grundsätzlich um das äthiopische Gesundheitssystem?

In Äthiopien gibt es derzeit 435 Beatmungsgeräte – bei einer Einwohnerzahl von 105 Millionen. Deutschland hat etwa 25.000 Geräte. Die Zahl der Intensivbetten hier liegt bei etwa 150. Wenn es hier zu einem Massenausbruch des Virus kommt, haben wir ein ernstes Problem. Gut ausgestattete Krankenhäuser gibt es ohnehin nur in größeren Städten. Auf dem Land ist die Gesundheitsversorgung prekär.

In einer 100-Quadratmeter-Wohnung in Berlin fällt das empfohlene Abstandhalten und Zuhausebleiben verhältnismäßig leicht. Wie soll das in einem Land wie Äthiopien funktionieren, wo viel mehr Menschen auf engem Raum zusammenleben?

In einer großen Stadt wie Addis Abeba merkt man schon, dass die Leute ein Bewusstsein entwickelt haben. Vor den kleinen Kiosken, die hier überall zu finden sind, gibt es Absperrbänder, damit die Menschen nicht zu nah herankommen. Die Minibus-Taxis dürfen nur noch halb so viele Fahrgäste aufnehmen. Die Regierung hat auch recht früh reagiert, nachdem der erste Corona-Fall bekannt wurde, wurden sofort Bars und Nachtclubs geschlossen. Aber das Abstandhalten ist ein Problem, nicht nur wegen der verhältnismäßigen Enge, es leben oft auch mehrere Generationen in einem Haus.

Was heißt das für den Alltag der Menschen?

Es gibt hier viele Tagelöhner, die darauf angewiesen sind, jeden Tag Arbeit zu finden, um sich abends etwas zu Essen zu kaufen. Die können weder ihre Arbeit noch den Kontakt zu Menschen einstellen. Ein Schuhputzer etwa kann nicht einfach Abstand halten. Es gibt auch keine Form von staatlicher Unterstützung. Auch deshalb wäre ein Lockdown, wie es ihn gerade in Europa oder den USA gibt, in Äthiopien und anderen afrikanischen Ländern sehr schwer durchzusetzen. Auf dem Land ist das Konzept des Abstandhaltens noch abstrakter. Die Menschen müssen nach wie vor zum Wochenmarkt, um ihre Waren zu verkaufen, um sich zu versorgen. Und da herrscht zwangsweise großes Gedränge. Dort geht es ums tägliche Überleben.

Die EU will rund 15 Milliarden Soforthilfe bereitstellen. Das Geld war allerdings ohnehin schon für die Entwicklungshilfe vorgesehen, und soll nun für den Kampf gegen das Virus umgewidmet werden …

Durch die Corona-Krise verschwinden andere Probleme ja nicht einfach. Wir haben hier am Horn von Afrika zum Beispiel gerade eine Heuschreckenplage, die die Bauern in große Schwierigkeiten bringt. Was wir brauchen, sind zusätzliche Mittel.

Menschen für Menschen

Die Stiftung Menschen für Menschen wurde 1981 vom Schauspieler Karlheinz Böhm ins Leben gerufen. Die Organisation führt in Äthiopien langfristig angelegte Hilfsprojekte in den Bereichen Landwirtschaft, Wasser, Bildung, Gesundheit und Einkommen durch, die darauf ausgelegt sind, dass das Land in der Zukunft nicht mehr auf fremde Hilfe angewiesen ist. 

Allen Solidaritätsbekundungen zum Trotz hat man den Eindruck, dass die Corona-Pandemie dafür sorgt, dass sich einzelne Länder sehr stark auf sich selbst fokussieren. Was bedeutet das für die Entwicklungszusammenarbeit?

Während man in einzelnen europäischen Ländern jetzt schon davon spricht, die Einschränkungsmaßnahmen wieder zu lockern, habe ich das Gefühl, dass die Krise hier in Äthiopien gerade erst richtig losgeht. Während man sich in Deutschland schon wieder vorsichtig darauf freut, den Sommer draußen genießen zu können, wird sich in Äthiopien und anderen afrikanischen Ländern das Virus dann vermutlich erst richtig ausbreiten – mit allen Konsequenzen. Unsere Stiftung ist vor allem auf private Spenden angewiesen. Wir haben natürlich Sorge, dass Spender abspringen werden, weil sie selbst in finanzielle Probleme geraten sind.

Hat sich der Blick aus Äthiopien auf Europa durch die Krise verändert?

Die Äthiopier sind sehr stolz auf ihre eigene Geschichte und Kultur. Europa wurde hier nie als der Ort gesehen, an dem Milch und Honig fließt. Aber als im Fernsehen die Bilder zu sehen waren, wie in Italien an Covid-19 verstorbene Menschen mit Lastwagen wegtransportiert wurden, waren meine äthiopischen Kollegen geschockt. Sie haben mir gesagt, sie hätten immer gedacht, Länder wie Italien oder Frankreich könnten derartige Krisen problemlos meistern. Das verstärkt hier natürlich auch die Angst, was passieren wird, wenn das Virus mit aller Macht auf das vergleichsweise schwache äthiopische Gesundheitssystem trifft. Andererseits erlebe ich hier auch viel Optimismus und Zusammenhalt. Die Menschen sagen sich: Wir haben hier schon so viele Krisen überlebt – das schaffen wir auch.