Als Deutschland wiedervereinigt wurde, war ich noch ein Kind. Mit meinen Eltern fuhr ich im Winter 1990 aus der Schweiz nach Berlin in die Ferien. Die Stadt kam mir damals riesig und leer vor, doch irgendwie fühlte sich die Leere euphorisch an. Aus einem Ort der tragischen Abfolge politischen Misslingens war der mögliche Ort eines Neuanfangs geworden.

Zehn Jahre später, im Sommer 1999, kam ich als Student nach Berlin. Jeden Tag fuhr ich mit dem Rad auf dem Weg zur FU über den Potsdamer Platz, damals eine gewaltige Baustelle. Während sich die Baulücken schlossen, taten sich die ersten Widersprüche auf. Im Frühjahr 1999 hatte die rot-grüne Regierung Deutschland in den Kosovokrieg geführt. Das Land hatte sich in das navigiert, was – nach der historisch bedeutungslosen „Bonner Republik“ – erwartungsheiß die „Berliner Republik“ genannt wurde.

Noch einmal zehn Jahre später traf ich den Berliner Philosophen Friedrich Kittler, um ihn für ein Buch über die Wende zu interviewen. Kittler benutzte damals einen Begriff, der sich mir einprägte: „historische Verschleifspuren“. Damit meinte er, dass alle großen Revolutionen – sind die Wochen der Runden Tische und der poetischen Deklarationen erstmal vorbei – verwaltungstechnisch einkassiert werden.

Selten aber geschah das debattentechnisch so unbemerkt wie im wiedervereinigten Deutschland. Der Wikipedia-Eintrag vermerkt im Absatz „Merkmale der Berliner Republik“ trocken: „Einschränkung der Grundrechte und des Asylrechts“, „erweiterte militärische Rolle“ und „Veränderung im Fünfparteiensystem“. Übersetzt heißt das in Auszügen: Aufstieg der neofaschistischen AfD, Einmarsch in Afghanistan und schändlicher Rückzug, Unterstützung der tödlichen Flüchtlingspolitik an den EU-Außengrenzen.

Die deutsche Geschichte ist eine der verlorenen Unschuld

Natürlich stehen auch klare Plus-Punkte wie „Energiewende“ oder „Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit“ auf der Liste. Doch grosso modo ist die deutsche Geschichte der vergangenen dreißig Jahre eine Geschichte der verlorenen Unschuld. Man hätte erwarten können, dass nach dem Bombardement von Belgrad die Trumpsche Devise in Kraft getreten wäre: Ist der Ruf erstmal ruiniert, lebt sich“s gänzlich ungeniert. Ein Triumphalismus der Realpolitik, wie in den USA oder Russland.

Doch es gibt in Deutschland eine Art debattentechnischen Kippschalter, der widersprüchliche politische Entscheidungsfragen in moralische Phantomschmerzen verwandelt. Immer wenn die guten Absichten der Berliner Republik von der Realität eingeholt werden, macht sich in Deutschland das Gefühl breit, reingelegt worden zu sein. Folgt man etwa den Parlamentsdebatten, kommt es einem vor, als mache der Bundestag keine Politik, sondern als widerführe sie ihm.

Die Wende hin zur Berliner Republik steht noch aus

Mit Dutzenden von Abstimmungen direkt für den zehntausendfachen Tod von Geflüchteten im Mittelmeer verantwortlich zu sein, ist die eine Sache. Aber darüber zu diskutieren, als sei das nicht ein politisches Verbrechen, sondern ein tragisches Ereignis, eine Art Naturkatastrophe, ist die andere. Das Gleiche mit dem Stadtschloss oder der Politik in Afghanistan: alles ist irgendwie passiert, wie ein Missgeschick.

Auch 30 Jahre nach der Wende steht der Übergang von der Bonner Republik, in der das Gegebene verwaltet wurde, zu einer gestaltenden Berliner Republik bewusstseinsmäßig noch aus. Und vielleicht ist die anstehende Bundestagswahl ja dafür da: Die Politik des scheinheiligen Feingefühls durch eine Politik der Verantwortung zu vertauschen. Mit all ihren moralischen Widersprüchen.