König Philippe von Belgien.
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BrüsselDie Geste war nicht zu vermeiden: Die ehemalige belgische Kolonie und heutige Republik Kongo feierte am 30. Juni den 60. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit. Gleichzeitig lodern im heutigen Belgien die Black-lives-matters-Bewegung sowie eine Diskussion über institutionellen Rassismus. Und das belgische Parlament beschloss am 17. Juni, eine Expertenkommission einzurichten, um die Gräueltaten des belgischen König Leopold II. (1835-1909) aufzuarbeiten, in dessen persönlichem Besitz sich der „Kongo-Freistaat“ vor der belgischen Kolonialzeit befunden hatte. 

Was sollte Philippe, König der Belgier tun? Sein jüngerer Bruder Laurent hatte noch vor dem Parlamentsbeschluss der Öffentlichkeit versichert, dass der königliche Großonkel Leopold II. natürlich keinesfalls für die Ausbeutung und den Terror im „Kongo-Freistaat“ verantwortlich gemacht werden könne, weil er doch nie persönlich dort gewesen sei. Da blieb Philippe, der seit 2013 König und genau so alt ist wie die Republik Kongo, keine Wahl. Er musste das Wort ergreifen. 

„In der Zeit des Freistaats Kongo wurden Akte der Gewalt und der Grausamkeit begangen, die heute immer noch auf unserer kollektiven Erinnerung lasten“, schrieb er in einem am Dienstag veröffentlichten Brief an Félix Tshisekedi, den Präsidenten der Demokratischen Republik Kongo. „Die Kolonialzeit, die folgte, hat ebenfalls Leiden und Erniedrigungen verursacht. Ich möchte mein tiefstes Bedauern für die Verletzungen der Vergangenheit ausdrücken, deren Schmerz heute durch die immer noch allzu gegenwärtigen Diskriminierungen in unseren Gesellschaften erneuert wird. Ich werde weiter gegen alle Formen des Rassismus kämpfen.“

 Damit äußerte sich erstmals ein Mitglied des belgischen Königshauses zu diesem Thema. Eine Bitte um Verzeihung ist das nicht. Es ist auch kein Wort im Namen aller Belgier. Es ist nicht einmal ein Wort im Namen der Familie. Der König sagt „ich“ und sagt  „kollektive Erinnerung“, wo es um persönliche Schuld des persönlich Besitzenden Vorfahren. Acht bis zehn Millionen Kongolesen sollen unter der Herrschaft von Leopold II. ums Leben gekommen sein. Anschließend war das Gebiet bis 1960 belgische Kolonie. Der Fraktionsvorsitzende der flämischen Liberalen, Patrick Dewael, findet, dass es nicht reiche, sich für die Vergangenheit zu entschuldigen, wie er laut Aachener Zeitung der Nachrichtenagentur Belga sagte. Nötig sei Wiedergutmachung. Aber auch die Entschuldigung steht irgendwie noch aus. (mit dpa)