Warten auf die Rückholung: Deutsche Backpacker campieren im South Brighton Holiday Park im neuseeländischen Christchurch. 
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ChristchurchDas Abitur in der Tasche, den Duft der weiten Welt in der Nase: Die Traumreise nach Neuseeland, die am 22. Januar begann und eigentlich bis zum 17. Juni dauern sollte, ist in einem zwölf Quadratmeter großen Einzelzimmer im YMCA Hostel in Christchurch zu Ende gegangen. Louis Mez hat nur zwei Stunden Ausgang pro Tag zum Einkaufen und Spazierengehen. Die Uhrzeit, wann er kommt und geht, wird peinlich genau in einer Liste eingetragen, seit Neuseeland vor einer Woche im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus eine totale Ausgangssperre für mindestens vier Wochen verhängt hat.

„Den Rest des Tages verbringe ich in meinem Zimmer“, sagt der 19-jährige Abiturient aus dem baden-württembergischen Geislingen an der Steige gelassen. „Zu Hause wäre es zwar schöner, weil ich dort Familie, Whirlpool, Klavier und Garten hätte, aber es ist auszuhalten. Bloß die Ungewissheit ist unerfreulich: Niemand weiß, wie es weitergeht. Aber ich bin optimistisch, dass ich bald wieder in Deutschland bin.“

Mindetsnes 12.000 Deutsche sitzen in Neuseeland fest

Louis Mez ist einer von mindestens 12.000 Deutschen, die am anderen Ende der Welt festsitzen und um ihre Rückkehr bangen, seit Neuseelands Regierung am vergangenen Freitag die Rückholaktion der Bundesregierung stoppte. Lediglich ein Lufthansa-Flug mit 370 Passagieren an Bord durfte am Sonnabend mit Ausnahmegenehmigung in Auckland abheben. Die weiteren Luftreisen nach Frankfurt am Main, die Air New Zealand durchführen sollte, wurden zunächst bis Dienstag und dann auf unbefristete Zeit ausgesetzt.

Auf Anfrage teilte das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten und Handel mit: „Wir verstehen gut, dass viele nach Hause wollen, aber die öffentliche Gesundheit hat höchste Priorität.“ Um den Stillstand zu beenden, telefonierte Deutschlands Außenminister Heiko Maas mit seinem neuseeländischen Amtskollegen Winston Peters, und am Dienstagmittag teilte Botschafter Stefan Krawielicki seinen wartenden Landsleuten mit, dass Bewegung in die Sache komme.

Das neuseeländische Außenministerium habe um Mitteilung der Zahl und der Aufenthaltsorte der ausreisewilligen Deutschen gebeten, sagte er, und: „Mit diesen Angaben können wir gemeinsam daran arbeiten, Transportwege zu den beiden Flughäfen zu finden, die die strengen Covid-19-Vorgaben so gut wie irgend möglich einhalten.“

Schiefe Logik

Auslöser für den radikalen Stopp der Flüge sollen die Fahrten der deutschen Touristen in Richtung der beiden internationalen Flughäfen in Auckland und Christchurch gewesen sein. Das verstehen die Urlauber nicht. Zum einen, weil ihnen vor dem „Lockdown“ gesagt wurde, sie sollten sich rechtzeitig in Unterkünfte in die Nähe der Airports begeben. Zum anderen sehen viele eine schiefe Logik: An jedem Tag ihres Hausarrests dürfen 12.000 Deutsche zum Einkaufen in den Supermarkt gehen, wo sie vielen Neuseeländern begegnen, aber es soll zu gefährlich sein, wenn sie sich ein einziges Mal zum Flughafen bewegen, um ausgeflogen zu werden?

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In vielen anderen Ländern, die ihre Grenzen geschlossen haben, hat Letzteres funktioniert. Bislang hat das Auswärtige Amt mit Rückführungsflügen mehr als 175.000 Deutsche nach Hause geholt. Dieser politische Wille fehlt im Land der Kiwis, wo bislang 708 Covid-19-Fälle und ein Todesopfer registriert worden sind.

Neuseeländer kommen nicht mehr nach Hause

Seit Anfang Februar, als 193 Personen aus Wuhan evakuiert wurden, darunter 54 Neuseeländer und 44 Chinesen mit Daueraufenthaltsgenehmigung, hat die neuseeländische Regierung auch ihren im Ausland festsitzenden Landsleuten die kalte Schulter gezeigt. Offizielle Auskunft des konsularischen Notdienstes in Wellington: „Wir können nicht helfen. Wir sind nur die Regierung, nicht Air New Zealand.“ Neuseeländer, die es jetzt noch mit kommerziellen Flügen in die Heimat schaffen, werden in Auckland in Quarantäne-Hotels gesperrt.

Im Gegensatz dazu arbeiten der Krisenstab des Auswärtigen Amtes und die deutschen Botschaften rund um die Uhr und organisieren die unzähligen Rückholungsflüge, die übrigens nicht gratis sind: Jeder Passagier muss den Normalpreis eines Economy-Class-Tickets bezahlen.

Die Verluste der festsitzenden Deutschen sind nicht nur finanzieller Art, etwa durch die Kosten von Unterkünften, Mietwagen, Wohnmobilen oder, wie bei Louis Mez, die Unmöglichkeit, das teure Auto, das er bei seiner Ankunft kaufte, zu einem einigermaßen akzeptablen Preis wieder loszuwerden.

Alessa Bergstreser, die seit vergangenem Oktober unterwegs ist, kündigte ihren Job als Werkstudentin bei Airbus, um rund um die Welt zu reisen. Nach vier Monaten in Südostasien und einem Monat in Neuseeland hat die 25-jährige Hamburgerin Zuflucht bei deutschen Freunden in Christchurch gefunden. „Die Reise war mein Lebenstraum“, sagt sie. „Aber die Welt geht deshalb nicht unter. Meine Eltern sterben zwar jeden Tag Tausend Tode, aber ich bin hier gut aufgehoben. Ich bin schon ein bisschen älter als viele Au-Pairs und Backpacker, deren Eltern sind extrem nervös.“ Das Schlimmste, was ihr passieren könnte, wäre, wenn sie nicht rechtzeitig nach Deutschland zurückkehren würde, um am 1. Mai eine Stelle in ihrem früheren Beruf als Bankerin anzutreten.

Nur noch nach Hause

Neuseeland ist das Land, in dem noch die meisten deutschen Touristen wegen der Corona-Krise festsitzen. Dort wurden auch Reisende von den Südseeinseln zusammengezogen, um dann nach Deutschland zurückfliegen zu können.
Das Auswärtige Amt hatte die Rückholaktion am Sonnabend mit einem Flug gestartet. Alle weiteren geplanten Flüge wurden dann völlig überraschend zunächst bis Dienstag gestrichen. Die Verlängerung des Stopps kam nun erneut überraschend.
Insgesamt organisiert das Auswärtige Amt die Rückkehr von rund 200.000 Deutschen aus dem Ausland. Mehr als 175.000 sind bereits wieder zu Hause. „Diejenigen, die noch im Ausland sind, bitten wir weiter um Geduld“, so Heiko Maas auf Twitter.

Einheimische gehen auf Abstand

Es gibt allerdings auch Touristen, die vor Sorge nicht mehr schlafen können. Viele junge Leute sind pleite, einige campieren im Freien ohne Wasser und Strom, andere hocken einander in Wohnmobilen auf der Pelle. „Wir sitzen in unserem Campervan mitten im Nirgendwo bei Christchurch“, schreibt eine Nutzerin auf Instagram. „Wir stehen allein auf einem Parkplatz. Einkaufen und zum Tanken dürfen wir. Wir werden dort aber angeschaut wie Aliens. Sind wir die Schuldigen, die irgendwann den Frust abbekommen? Bitte holt uns aus diesem Gefängnis!“

Auch das Ehepaar Michaela Sonnewald-Daum und Volker Daum aus Hummeltal bei Bayreuth, das die Wartezeit in einem Ferienhäuschen 70 Kilometer östlich von Christchurch absitzt, hat den Stimmungswandel zu spüren bekommen. „Zuerst mochten uns die Neuseeländer, weil wir die Touristen waren, die Geld brachten. Jetzt sind wir die Deutschen, die die Pest bringen“, erzählen sie. „Seit die Premierministerin ein düsteres Bild malte und sagte, Deutschland sei gefährlich mit der hohen Anzahl von Infektionen, war die gute Stimmung vorbei. Sie haben offenbar große Angst und denken, die Touristen bringen die Krankheit, auch wenn sie schon ewig im Land sind. Der Abstand wird jeden Tag größer. Jetzt spricht unsere Vermieterin aus zehn Metern Entfernung mit uns.“ Obwohl die Daums ihr Quartier an der türkisblauen Bucht von Akaroa entzückend finden, wollen auch sie nur noch weg.