In Polen stößt das politisch fragwürdige Konzept der „Alternativlosigkeit“ von Angela Merkel an seine Grenzen. Das zeigte sich erneut beim Besuch der Kanzlerin in Warschau. Merkel verteidigte die Entscheidung für Nord Stream 2. Die Pipeline stößt in Polen auf erbitterten Widerstand. Mateusz Morawiecki hielt der Kanzlerin entgegen, dass sie dafür sorgen müsse, die „Abhängigkeit“ Europas von Russland zu begrenzen.

Abhängig vom russischen Gas sind allerdings neben den Unternehmen, die an dem Projekt beteiligt sind, vor allem die deutschen KonsumentInnen. Denn Merkels Energiepolitik hat dafür gesorgt, dass die zentralen Alternativen zu den unzuverlässigen „Erneuerbaren“ abgeschaltet werden müssen. Der Ausstieg aus der Kernenergie und gleichzeitig aus der Kohle macht den Industriestandort abhängig: Entweder von den Russen, denen man bescheinigen muss, dass sie selbst in den frostigsten Tagen des Kalten Krieges die Energielieferungen niemals als Waffe eingesetzt haben. Oder man bezieht Atomstrom aus problematischen Atomkraftwerken der Nachbarschaft.

Die Polen, die sich auch diesmal wieder von Merkel eine moralische Belehrung haben anhören müssen, haben sich bisher alle Optionen offen gehalten. Kohle gehört zum Energie-Mix, neue Atomkraftwerke sollen gebaut werden. Damit hat Warschau auch im geopolitischen Poker um Flüssiggas aus den USA Alternativen in der Hinterhand. In Warschau weiß man, dass der Wind in der großen Weltpolitik rasch drehen kann. Die Regierung will keinen Kampf gegen Windmühlen führen. Wie der ausgeht, bestaunt man mit Interesse aus sicherer Entfernung: Mit einem verwunderten Blick nach Deutschland, das sich in den vergangenen 16 Jahren so grundlegend verändert hat.