Dourados - Carlitos de Oliveira breitet die Arme aus, als wollte er die weite Landschaft am Rio Dourados an sein Herz drücken. „Als ich jung war“, sagt der 76-Jährige, „war das hier noch ein Paradies. Wer kann sich das heute noch vorstellen?“ Vor seinen Augen breiten sich monotone Felder aus, so einheitlich und so endlos, wie Brasiliens ganz und gar unparadiesische Turbo-Landwirtschaft es erfordert. Dazwischen die Siedlung Paso Piraju, in der Carlitos und 150 weitere Ureinwohner vom Volk der Guarani-Kaiowá leben: Eine Ansammlung von Bretterbuden, Autowracks und durchgesessenen Sofas, über der der beißende Rauch von verbrennendem Plastik weht. „Der Indianer ist verloren“, sagt Carlitos, „und wissen Sie warum? Weil er den Weg des weißen Bruders eingeschlagen hat.“

Ein freiwilliger Entschluss war es nicht. „1957 sind wir hier vertrieben worden, damals waren wir 5 000“, sagt er und deutet vage zum Horizont. „Das gehörte alles uns. Heute leben wir wie eingepfercht.“ Die 40 Familien, die seit 2000 schon dreimal verjagt wurden, aber immer wieder zurückkamen, bewirtschaften zehn Hektar Land. Also viel zu wenig. In Wahrheit leben sie von den Lebensmitteln, die die Behörden ab und zu verteilen.

Der Bundesstaat Mato Grosso do Sul ist so groß wie Deutschland und wird von nur 2,5 Millionen Menschen bewohnt. Da sollte Platz sein für alle. Aber in dem Gebiet an der Grenze zu Paraguay werden Jahr für Jahr mehr Fleisch, Soja, Mais, Treibstoff aus Zuckerrohr und Holz für die Papierindustrie produziert. Und für die 45 000 Guarani-Kaiowá hat sich der Lebensraum immer mehr eingeschränkt. „Wir wollen ja nicht ganz Brasilien“, sagt Anastacio Peralta, der bei der Indianerbehörde Funai arbeitet, in Anspielung auf die Zeit vor der portugiesischen Kolonialisierung, „aber wenigstens ein bisschen.“

Eingezwängt in Reservate

Lebensweise, Zustand, Gesetz, Gewohnheit, Verhalten – alle diese Begriffe sind in dem Wort Tekoha aufgehoben, das die Guarani-Kaiowá für „Erde“ benutzen. Ihr Land ist ihnen heilig, auf ihm gründet ihre Kultur. Aber heute leben sie eingezwängt in acht Reservate und 31 wilde Siedlungen wie Paso Piraju. „Legal besitzen sie höchstens 42 000 Hektar“, sagt der Historiker Antonio Brand, der die Guarani-Kaiowá seit 37 Jahren studiert. Womit auf einen Indianer weniger Fläche entfiele als auf ein Rind, das in Mato Grosso do Sul durchschnittlich etwas mehr als einen Hektar Weidefläche hat.

Die Verfassung von 1988 sprach Brasiliens Indianern das Recht auf ihr angestammtes Land zu. Es dauerte aber noch bis 2007, bis das Ministério Público – eine Art Staatsanwaltschaft – die Behörden in Mato Grosso do Sul zwang, endlich aktiv zu werden. „Da begannen die Probleme“, sagt Marcelo Cristovão, Vertreter des Ministério Público vor Ort. Denn die Grundbesitzer waren empört, als die Anthropologen anrückten und zu erforschen begannen, wo sich die Guarani-Kaiowá historisch bewegt haben. Und die Indianer nutzten die Gunst der Stunde und begannen verstärkt, die von ihnen beanspruchten Gelände „zurückzunehmen“, wie sie es nannten; „illegal zu besetzen“, wie die Grundbesitzer sagten.

„Acht Autos kamen, jedes voll besetzt, eines davon mit drei Bewaffneten“, erinnert sich Crescencia Flores an den Tag im vergangenen November, an dem ihr Vater Nísio Gomes verschwand. „Sofort fingen sie an zu schießen. Wir rannten in den Wald.“ Später fanden sie Blut ihres Vaters auf dem Gelände, das sie kurz vorher „zurückgenommen“ hatten. Bis heute ist unklar, was aus dem 71-jährigen Häuptling der Guarani-Kaoiwá geworden ist.

Eduardo Riedel, Präsident des Bauernverbandes von Mato Grosso do Sul, hält den Fall Gomes für eine „Farce“, weil noch nach dem Vorfall Geld vom Sozialhilfe-Konto des Häuptlings abgehoben wurde. Unstrittig ist aber, dass die Guarani-Kaiowá immer wieder Opfer furchtbarster Gewalt werden. Wie in Y’poi im südwestlichsten Zipfel des Bundesstaates: Als die Indianer dort 2009 versuchten, sich auf von ihnen beanspruchtem Land festzusetzen, wurden zwei von ihnen ermordet, mutmaßlich von den Pistolenmännern eines Farmers, der das Guarani-Kaiowá-Lager seitdem eingekesselt hat. Drei Jahre nach der Tat sind jetzt immerhin sechs Männer angeklagt worden. „Ein Meilenstein“, urteilt die Indianerschutz-Organisation Survival International. Denn meist gibt es gar keine Verfahren, und die Killer gehen straflos aus.

Sie wollen ihr Land

Unterdessen wachsen jedoch auch die internen Spannungen unter den eingepferchten, bettelarmen und ziemlich orientierungslosen Indianern. Die Autorität der alten, weisen Männer ist durch das reale Elend zerrüttet, gegen das sie machtlos sind. Die alten Sozialstrukturen zerfallen. In Mato Grosso do Sul leben rund 70.000, also etwa 15 Prozent aller Indianer Brasiliens, aber 83 Prozent aller Suizide von Indianern werden hier verübt, konstatiert der Indianer-Missionsrat der katholischen Kirche. Und von der Modernisierung kriegen sie kaum mehr als die Nachteile ab: An die 10.000 Indianer schuften unter extrem harten Bedingungen als Zuckerrohrschneider.

Was Mato Grosso do Sul von ähnlichen Konflikten anderswo in Brasilien unterscheidet: Absurderweise haben beide Seiten Recht. Denn die brasilianische Regierung hat in den 40er- und 50er-Jahren das Land „kolonisiert“, also zuziehenden Bauern rechtskräftig Land zugewiesen, so dass sich heute die Rechte der Indianer mit denen der Farmer überlappen.

Historiker Brand, der in einer Kommission zur Lösung der vertrackten Lage sitzt, setzt darauf, dass die Regierung die Farmer finanziell entschädigt und ihr Land den Indianern gibt. Dem stimmt auch Bauernverbandschef Riedel grundsätzlich zu. „Der Staat hat das Durcheinander schließlich angerichtet“, sagt er.

Den Indianern Geld für den Erwerb neuer Grundstücke zu geben, wie es viele Farmer gerne hätten, hält Brand für sinnlos: „Sie wollen nicht irgendwelches Land, sondern ihr Land.“ Und es wäre wirklich nur ein bisschen Brasilien: Auf höchstens 700.000 Hektar schätzt er das Land, das die Guarani-Kaiowá beanspruchen könnten. Keine zwei Prozent von Mato Grosso do Sul.

Die Globalisierung, denkt Brand, komme den Indianern zugute. Ausländische Kunden hätten eine Heidenangst, dass ihre Firma womöglich in einem Atemzug mit Gewalt gegen Indianer genannt würde. Und das setze die Farmer unter Druck, den Guarani-Kaiowá-Konflikt endlich zu lösen.