Besuch in Gandhis Ashram: Narendra Modi (l.), Premierminister von Indien, US-Präsident Donald Trump und seine Frau Melania Trump.
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Ahmedabad - Selbst für Donald Trump sind 1, 4 Milliarden Freunde und Follower wirklich viele. Aber so erschien es ihm wohl diese Woche in Indien, dass ganz Indien ihn liebe. Dass die Weltpresse vorab berichtete, der US-Präsident erwarte nach eigenen Angaben acht bis zehn Millionen Fans in den Straßen von Ahmedabad, um dann lediglich 125.000 vorzufinden, war dagegen eher sehr kleinlich. Trump erlebte einen Traum aus Tausendundeiner Nacht, und die missgünstigen Journalisten wollten Erbsen zählen.

Auf jeden Fall erschien Indien dem amerikanischen Präsidenten als äußerst charmanter Freund. Blumen und buntgekleidete Volkstänzer umgaben den Flugplatz, als die Präsidentenmaschine Air Force One in der Heimatstadt von Präsident Narendra Modi landete, die Tänzer im seltsamen Kontrast zu den Secret-Service-Männern, die durch coole Sonnenbrillen nach zum Glück nicht vorhandenen Attentätern Ausschau hielten.

Show zu Ehren Amerikas

Blumen und tanzende Mädchen – wie oft haben die Amerikaner so etwas erwartet und ersehnt, in den Straßen Kabuls oder Bagdads. Und wie selten wurden diese tatsächlich vorgefunden, wie oft war die Paranoia der Sicherheitsbeamten nur allzu gut begründet.

Doch diese Geschichte mit Indien ist auch deswegen märchenhaft, weil Amerika weder in Indien einmarschiert war, noch das Land erobern musste. Und obwohl die Reden von Trump und Modi das Schwellenland bejubelten, als boomenden Wirtschaftsriesen, als Hort der Freiheit und Toleranz, ist Indien als strategischer Partner nicht gerade ein Siegertyp. Doch egal. Denn wenn Indien eine solche Show zu Ehren Amerikas erfolgreich veranstaltet, wo immerhin 125.000 Menschen zu Trump in das nagelneue Cricket-Stadion strömten, dann ist alles um ein Vielfaches charmanter, als wenn die Kommunistische Partei Chinas dasselbe aufgeboten hätte.

Taj Mahal ohne Affen und ein frischer Fluss

Die Show in Indien hätte in der letzten Minute auch noch schiefgehen können, wohingegen in Peking rein gar nichts dem Zufall überlassen wird. In dieser Woche aber hat Indien an alles gedacht: Die Polizei vor dem Taj Mahal wurde mit Schlingen bewaffnet, um die rund tausend heimischen Rhesusaffen vom Präsidenten und seiner eleganten Gattin fernzuhalten.

Die ohnehin üppigen Gärten wurden mit zusätzlichen Blumen überhäuft, sogar der Yamuna-Fluss wurde mit frischem Wasser vollgepumpt, um mögliche übelriechende Düfte zu verhindern. Indien sollte ganz Märchen sein, sodass Donald Trump sich als Märchenprinz fühlen konnte.

Immer wieder redeten Trump und Modi im Stadion von der Hoffnung des neuen Jahrhunderts. Modi sprach von einer kommenden „Neuen Geschichte“, vermutlich einer anderen als die alte Geschichte, als Indien eher sozialistisch angehaucht und deshalb während des Kalten Krieges keineswegs der beste Freund Amerikas war.

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Ursprung der Zeremonie

Doch es ist nicht nur das aufstrebende Indien, das eine neue Geschichte beginnt. Diese zwei Indien-Tage sind genauso eine neue Etappe für Amerika, das in dem berüchtigten „Great Game“ um die Kontrolle Zentralasiens eher spät angekommen ist, und noch keine große Erfolge verbuchen kann.

So gesehen war der prunkvolle Empfang durch den Hindunationalisten Modi durchaus symbolisch an die einstigen „Durbars“ oder Hofversammlungen der kaiserlichen Krönungszeremonien angelehnt, wie zuletzt 1911, als der britische König Georg V. als Kaiser von Indien vor 50.000 Zuschauern in Delhi gekrönt wurde. Und jene Zeremonie dockte wiederum an die Gebräuche der Moghule, die den Taj Mahal gebaut haben, an.

Harte Realität

Indien weiß schließlich seit langem, wie man mächtige Herren umschmeichelt. Doch wo Indien dieses Spiel schon lange kennt, bleibt Amerika fast unerfahren. Tatsächlich lauern hinter den schönen Kulissen dieser Woche einige unerfreuliche Realitäten in der Region.

Harte Realität Nummer eins in den letzten Monaten war nicht nur das Ausbleiben eines Handelsabkommens, das in den letzten Tagen eher humoristisch in der New York Times beschrieben wurde.

Amerikanische Unterhändler hatten offenbar versucht, die Inder zu bewegen, Bataillone von amerikanischen Puten zu kaufen – jedoch ohne Erfolg, da die Inder keine Pute kennen oder kennen wollen. Stattdessen signalisierten die Inder grundsätzlich Bereitschaft, gewisse Mengen Preiselbeeren aus Wisconsin und Kirschen aus Utah zu beziehen.

Beide Bundesstaaten spielen für Trumps angestrebte Wiederwahl im November Schlüsselrollen. Erznationalisten wie Trump und Modi wollen einander schon unterstützen, aber eine gewisse Kleinlichkeit können sie beim besten Willen nicht abstreifen.

Waffenabkommen mit Russland

Doch der wirkliche Schock der letzten Zeit war die Unverfrorenheit, mit der Modi im vergangenen September ein Abkommen in Wladiwostok mit Wladimir Putin abschloss. Gegen das Versprechen, russische Ersatzteile für Waffensysteme in Indien herstellen zu dürfen, sicherte Indien Russland weiterhin zu, den dominanten Status als Waffenlieferant quasi bis in alle Ewigkeit beizubehalten.

Milliardenzahlungen an die Russen werden seit den US-Sanktionen gegen Russland wegen der Krim-Besetzung kulanterweise von den Indern in Euro bezahlt, um der sogenannten CAATSA zu entgehen. CAATSA ist die Abkürzung für den  „Countering Americas Adversaries Through Sanctions Act“, den Trump 2017 unterschrieben hat.

Indien ist der viertgrößte Waffenkonsument der Welt, hinter den USA, China und Saudi Arabien. 62 Prozent der indischen Waffen werden noch vom alten Bündnispartner Russland besorgt. Diese Entwicklung haben die Amerikaner so nicht erwartet. Immer wieder winken sie die Inder großzügig durch die gefürchteten amerikanischen Technologieschutzverfahren, nur um zu beobachten, dass die Inder auf der letzten Strecke schwächeln, sich klamm geben, obwohl sie in den ersten neun Monaten des Jahres 2019 den Russen mehr als 14 Milliarden Euro zuscheffelten.

Eher China im Blick

In dem Spiel um die Herrschaft in Zentralasien spielen offenbar stets nur zwei Nationen eine Rolle. Im 19. Jahrhundert waren das Russland und Großbritannien, heute Russland und China. Amerika bringt sich hier und da forsch ein, mal in der Ukraine oder jetzt in Indien, aber bis jetzt ist diese Rolle eher eine Nebenrolle, ein kluges Spiel des Züngleins an der Waage.

Bis jetzt hatte Trump, aber auch sein Vorgänger Barack  Obama, trotz aller emotionalen und ideologischen Freundschaft zu Indien eher China im Blick. Das US-Establishment redete gerne von „Chimerica“, einer Symbiose von Washington und Peking für das neue Jahrtausend. Dann aber kam die Ankündigung von Chinas „Belt and Road“-Initiative, in Deutschland als „Neue Seidenstraße“-Initiative bekannt, die die Integration der Wirtschaftsräume Asien, Europa und Afrika vorsieht, und die mit Chimerica so gar nicht zu vereinbaren war.

Schwächen Indiens

Während all dieser Zeit hatte Modi weiter auf die russische Karte gesetzt. Denn Modi weiß am besten von den Schwächen der eigenen Nation, weiß, dass Indien für Amerika letztlich nur den Trostpreis darstellt. Und Modi weiß auch, wie er seine (im Vergleich zu China geringe) Stärke ausspielt: Der indische Handelsüberschuss mit Amerika beträgt ungefähr 25 Milliarden Dollar im Jahr, Chinas dagegen 350 Milliarden.

Da kann man schon durchaus Preiselbeeren aus Wisconsin kaufen, aber man muss sich nicht ungewollte Puten aufhalsen. Nun haben Trump und sein Chefstratege Mike Pompeo gleich am dritten Tag dieses Jahres mit der Tötung des iranischen Generals Ghassem Soleimani deutlich gemacht, dass Amerika durchaus in der Lage ist, Feinde zu bestrafen.

Ein „laissez faire“-Weltreich

Aber Indiens Beziehung zur Trump-Regierung ähnelt Amerikas Problem mit Europa. Denn Feinde zu disziplinieren ist das eine, aber wie diszipliniert man Freunde, wenn man eher ein Hobby-Weltreich betreibt, weil man eigentlich auf viel interessantere technische Probleme und Gewinnfelder fokussiert ist?

Amerika hat eine Art Weltreich, aber ohne ausgefeilte Tributsysteme oder großartig verbindliche Verträge. Es ist ein „laissez faire“-Weltreich, und daher für Verbündete in guten Zeiten so nett und erträglich. Doch in den heutigen Zeiten des zunehmenden Konflikts ist das amerikanische Weltreich reichlich chaotisch, auch für die USA selbst. Denn wie könnte Donald Trump Indien zwingen, in bestimmten Bahnen zu bleiben?  

Indische Selbstgenügsamkeit

Der Erfolg Indiens ist bei Lichte besehen kaum Amerikas Verdienst. 20 Jahre lange hat kein US-Präsident Indien besucht, bis im Jahr 2000 ein wirtschaftlich wieder erwachtes Indien plötzlich als „Friend of Bill“ galt und der damalige Präsident Clinton Indien besuchte. Seitdem entwickelt sich Indien relativ gut. Doch das hat eher mit dem Hindu-Prinzip „Swadeshi“ zu tun, was sowohl „Selbst-Herrschaft“ als auch „Selbstgenügsamkeit“ bedeutet.

Das kontrastiert enorm zum Beispiel mit Afghanistan, das eine Billiarde amerikanische Dollar in 18 Jahren verschlungen und dazu viele Tote und Versehrte in Amerikas längstem Krieg zu beklagen hat – ein Krieg, der bis jetzt keinen Sieg am Hindukusch brachte.

Wer Herr im Hause ist

Nun befindet sich Außenminister Pompeo in harten Friedensgesprächen mit den Taliban. Da ist ein Besuch Trumps in Indien tatsächlich eine Atempause und Erholung. Allerdings dürfte Trump kaum verstanden haben, was es bedeutet, wenn Modi ihn für 15 Minuten zu den Spinnrädern in Mahatma Gandhis Ashram in Ahmedabad führt und dort Bilder machen lässt: Die Briten mussten die indische Hauptstadt von Kalkutta umsiedeln, um dem missliebigen Hindunationalisten zu entkommen, und sich stattdessen in die Nähe der Muslime in Delhi retten.

Divide et impera. Den letzten geplanten britischen Durbar für Königin Elisabeths Vater George VII. wollte Gandhi boykottieren. Diese Krönungszeremonie aber fand wegen Indiens Unabhängigkeit nie statt. Trumps Empfang in dieser Woche mag so etwas wie ein Neo-Durbar gewesen sein, aber mit dem Bild von Trump hinter Gandhis Spinnrad hat Modi gezeigt, wer Herr im Hause ist, opportunistische Angelsachsen hin oder her.

Labsal für die amerikanische Seele

Wieso akzeptieren Trump und Pompeo diese kleinen Sticheleien und echte Brüskierungen? Weil Indien ein unerlässlicher Verbündeter im aufkeimenden Kalten Krieg mit China ist. Das Bad in der Menge in Ahmedabad ist tatsächlich ein Labsal für die amerikanische Seele. Im Stadion nannte Trump Indien eine veritable „Hoffnung für die Menschheit“, wohl vor allem eine Hoffnung für die amerikanische Außenpolitik zwischen Kabul und Peking.

Doch ist eine indische Hoffnung für Amerika keineswegs so etwas wie eine handfeste Sicherheit. Halten aber Trump und Pompeo an diesem oft widerspenstigen Indien fest, weil sie denken, dass Indien die neue Supermacht wird? Wohl kaum. Pompeo und auch Trump verstehen, dass „America First“ bedeutet, nur Primus inter Pares zu sein, Macht unter Mächten. Für Amerika eine völlig neue Rolle. Indien kann man somit nicht in einem neokonservativen Freund-Feind-Schema à la Präsident Bush herumkommandieren.

Indisches Opium aus Bengalen

Indien muss toleriert und verhätschelt werden, in der Hoffnung, dass es sich irgendwann nützlich macht. Schließlich haben die Briten 1842 ihren großen Sieg in China vor dem Vertrag von Nanking gewonnen, indem sie indische Truppen in britischen Schiffen in den Hauptfluss des chinesischen Kaiserreichs eingeschleust hatten, nachdem sie China mit indischem Opium aus Bengalen jahrelang geschwächt hatten.

Fast zwei Jahrhunderte später erscheinen solche Szenarien mehr als unwahrscheinlich, ja märchenhaft. Aber in den harten Gesprächen mit Taliban und der Kommunistischen Partei Chinas werden sie womöglich die Tagträume der amerikanischen Unterhändler dann und wann versüßen.