Soll sie jetzt Namen nennen? Nö, kommt nicht in Frage. Keine Chance. Ingrid Steeger lehnt sich zurück, verschränkt die Arme, drückt die korallenrot glänzenden Lippen zusammen, wie um zu verhindern, dass sich nicht doch etwas rausflutscht. „Das würde ich den Kollegen nicht antun.“ Und was ist mit dem, was diese Kollegen ihr angetan haben? „Was heißt angetan?“, sagt sie da. „So eine Vergewaltigung geht schnell vorbei. Zackzack, das war es.“

Es gibt Dinge, die wird sie nie preisgeben. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass sie lange bevor die #MeToo-Bewegung in Gang kam so rückhaltlos offen über sexualisierte Gewalt sprach, wie es heute noch kaum eine Frau tun würde.

Kaum einer über 30, der Ingrid Steeger nicht kennt, die kokette Blondine aus "Klimbim", der WDR-Klamauk-Serie aus den Siebzigern, einer Mischung aus Sketchen, Einspielern und Gastauftritten. In der biederen alten Bundesrepublik bediente sie Fantasien von Sex, Spaß und leichtmütiger Frivolität.

Sie war festgelegt auf die Rolle des hübschen Dummchens, kess, fröhlich, immer willig. Als sie vor einigen Jahren öffentlich machte, dass sie vergewaltigt, genötigt und erniedrigt wurde, innerhalb der Filmbranche, aber auch außerhalb, belächelten sie viele. Es gab damals keine Empörung, keine großen Debatten, keine Solidaritätswelle.

„Männer versuchen immer zu tatschen“ 

Inzwischen ist eine neue Zeit angebrochen. Jetzt, nach den Weinstein-Enthüllungen in den USA, nach drei Monaten #MeToo, sagt sie: „Das ist den Männern leider Gottes gegeben: Die versuchen immer zu tatschen. Das ist normal.“ Wie sie das sagt, klingt das wie ein Naturgesetz,  so ist das Leben, das lässt sich nicht ändern. Kein Grund, sich groß aufzuregen.

Überhaupt kann sie mit der #MeToo-Kampagne wenig anfangen, damit, dass Frauen nun Erfahrungen von sexuellen Übergriffen und Belästigungen teilen, zum Teil von Vorfällen, die Jahrzehnte zurückliegen.  „Ich finde es ein bisschen übertrieben, so etwas nach 20 Jahren noch in die Öffentlichkeit zu ziehen.

Ingrid Steegers gesamtes Leben ist von sexueller Gewalt geprägt,  seit ihrer Kindheit; das hat sie selbst oft erzählt. Aber dass man deshalb eine große  Debatte führen muss, erschließt sich ihr nicht. Damit ist ihre Biografie  symptomatisch für eine Generation von Frauen, die  Übergriffe oft als gegeben hinnahm, hinnehmen musste.

An einem sonnigen Nachmittag läuft sie durch die Straßen von München-Schwabing, es ist eine öde Ecke des Viertels, zwischen Mietshäusern gibt es Reinigungen, Friseure, einen Penny-Markt, ihre Wohnung liegt ganz in der Nähe. Sie ist inzwischen 70 Jahre alt, klein und stockdünn; fast verschwindet sie unter einem übergroßen Plüschpulli und einem wattierten Mantel. Dazu trägt sie eine  Pudelmütze, obwohl es recht warm ist, ein fast frühlingshafter Tag.  Sie trägt dazu  eine Sonnenbrille, dahinter schillert ein blaues Auge. Sie ist vor ein paar Tagen morgens gestürzt, der Kreislauf.

Ein Yorkshire-Terrier namens Eliza Doolittle

Neben ihr  trippelt die Yorkshire-Terrier-Hündin Eliza Doolittle, die ihr wie ein Schatten folgt, Steeger blickt sich ständig um nach dem Tier, angstvoll, wenn sie es nicht gleich sieht, „die Kleine ist das Liebste, was ich habe im Leben“.

Sie steuert ein kleines italienisches Restaurant  an;  im hinteren Teil sitzt sonst niemand. Steeger ist Stammgast; aus einem  Jutebeutel zieht sie eine Flanneldecke, die sie auf die Fliesen legt, für den Hund. Dann lächelt sie das Tier an und sagt: „Mein Mäuschen.“ Auf ihrem Jutebeutel steht: All you need is Love and Wine. Die Kellnerin hat ihr bereits ein Glas Rosé hingestellt.

Seit sieben, acht Jahren lebt sie in München, geboren ist sie in Berlin, aber dahin zieht sie nichts zurück. Steeger wuchs in den Jahren nach dem Krieg in Moabit auf, die Stadt lag in Trümmern. Die Familie drängte sich zu fünft in einer Einzimmerwohnung. Der Vater tyrannisierte Frau und Kinder, die Mutter schlug jeden Tag zu, „sinnlos“, sagt Steeger, der Großvater missbrauchte sie, seit sie sechs Jahre alt war.

Keine Wut, keine Genugtuung

Wie geht es ihr dieser Tage, wo alle Welt über sexuelle Gewalt  im Filmgeschäft spricht? Fühlt sie sich bestätigt? Oder ist sie wütend, weil ihr selbst nie Solidarität zuteil wurde? Sie zieht die Schultern hoch; sie hat immer noch die Mütze und die Sonnenbrille auf, von ihr ist wenig zu sehen. „Ich wurde damals nicht ernst genommen, weil ich diese Rollen hatte – die Leute haben angenommen, dass ich so bin, aber es war nur gespielt. Das haben viele nicht begriffen."

Aber darüber regt sie sich nicht mehr auf, sagt sie, „im Grunde interessiert es mich nicht mehr“. Vergewaltigungen  seien nicht hinnehmbar, alles andere ist für sie eigentlich nicht der Rede wert.  Wenn ihr einer die Hand auf den Po legt, dann schüttelt sie die herunter. Worüber sie sich wirklich aufregen kann, ist, dass nun  mehrere Frauen den Regisseur Dieter Wedel beschuldigen, sie genötigt und angegriffen zu haben.  

Die besten Jahre mit Dieter Wedel

Ingrid Steeger lässt auf Wedel nichts kommen; sie war vier Jahre lang mit ihm zusammen,  die Zeit mit ihm, sagt sie, „war eine der schönsten meines Lebens“. Er sei einer der wenigen Männer gewesen, die sie ernst genommen hätten; er habe zu ihr gestanden, sei  sogar nett zu ihrem Hund gewesen, das war damals ein Dackel. Und er habe  sie nach ihrer Meinung gefragt, wenn er Drehbücher schrieb. Sie spricht voller Ehrfurcht von  „Doktor Wedel“. „Er ist ganz bestimmt kein Vergewaltiger“, sagt sie,  Schärfe im Ton, es ist der einzige Moment in diesem Gespräch, in dem Wut bei ihr durchklingt.

Sie würde ihm gern sagen, dass sie zu ihm steht. Aber sie findet seine private Nummer nicht mehr; auf dem Festnetz hat sie es versucht, da ist er nicht zu erreichen. 

Ihre Loyalität verwundert nicht, bei all dem, was sie sonst erlebt hat. Der „Klimbim“-Regisseur Michael Pfleghar, mit dem sie ebenfalls eine Beziehung hatte, schikanierte und demütigte sie; das alles ist in ihrer Biografie so detailliert geschildert, dass es wehtut. Er habe ihr, schreibt sie,  sogar verboten, Kleider mit Ausschnitt zu tragen und verfügt: „Dein Busen gehört mir und ,Klimbim‘, vergiss das nicht.“

Sechs Vergewaltigungen

Aber das war nicht alles. Sechs Vergewaltigungen hat sie durchgemacht, sagt sie, mehrere Täter waren Kollegen. Zur Polizei gegangen ist sie nie, das machte man damals nicht, sagt sie. Auch sonst sagte sie keinem etwas. „Was hätte ich denn machen sollen? Wir mussten doch noch drehen.“ 

Dazu kamen  Anzüglichkeiten aller Art, einer hielt ihre Hand fest, während er sein Geschlechtsteil  herausholte und onanierte. Ein Regisseur hatte sie für eine Textprobe zu sich bestellt. „Der machte nackt die Tür auf, da bin ich weggelaufen. Der kam nicht hinterher mit seinem dicken Bauch.“

Sie spricht ohne Bitterkeit, die Gewalt hat sie nicht zerstört. Sie wirkt gelassen, wahnsinnig offenherzig, nachdenklich. Sicher, es gab Zeiten, in denen sie sich schwer tat. Als die Aufträge ausblieben, kamen die Depressionen, sie lebte ein paar Monate lang von Hartz IV, dann raffte sie sich hoch und fing noch einmal neu an, im Boulevardtheater. Und trotzdem: Sexualität hatte bei ihr nie mit Freude zu tun, sagt sie, sie will jetzt keine Männer mehr in ihrem Leben haben.

Sexuelle Übergriffe einfach ertragen

Die sexuellen Übergriffe hat sie einfach ertragen. „Naja“, sagt sie, „sollen sie machen. Augen zu und durch, es geht meistens sehr schnell.“ Solche Sätze knallt sie einem hin; kalt und klar. Ingrid Steeger verschwendet sich und verweigert sich, sie gibt intimste Dinge preis, zugleich wahrt sie  Distanz. Sie klappt die Ohrenschützer der Mütze weg, um die Frage hören zu können, antwortet, wartet auf die nächste Frage. 

„Sie ist ein sehr offener Mensch, fast katastrophal offen“, sagt Matthias Rätsch, ein Kommunikations-Fachmann in Bremen, der sich um ihre Pressearbeit kümmert, „sie entblößt sich völlig.“ Ihre Hartz-IV-Erfahrung habe sie härter gemacht. Aber an der Art, wie sie sich öffentlich ausliefert, hat sich nichts geändert.

Rätsch rät ihr häufig, nicht alle privaten Details preis zu geben, umsonst. Als er ihre Website baute, sagte sie, da fehle noch die Rubrik: Meine Männer. Nein, antwortete er, absolut nicht. Es sollte doch um sie gehen, um ihre Arbeit. Es fällt ihr schwer, die alten Klischees los zu lassen. 

Wer sich die „Klimbim“-Folgen anschaut, merkt, dass Steeger eine brillante Komödiantin ist, ihr präzise getakteter Augenaufschlag, ihr komisches Timing, all das ist große Unterhaltung. Aufmerksamkeit aber erregte sie vor allem mit ihren Brüsten und ihren Affären.  In den Siebzigern spielte sie zunächst in Softsex-Filmen mit Titeln wie „Die goldene Banane von Bad Porno“ oder „Die liebestollen Baronessen“. Mit eiserner Disziplin ackerte sie sich durch mehrere Dutzend „Schulmädchen-“ und „Hausfrauenreporte“

Sie hat gehorchen gelernt

Sie war hinreißend, schlank, hübsch, doch  ihren Körper zeigte sie nicht  mit Stolz. In ihrer Biografie steht die erschütternde Passage: „Mein Körper gehörte schon lange nicht mehr mir. Wenn ich wollte, konnte ich ihn von einer Sekunde auf die andere ausblenden. Indem ich meinen Körper ignorierte, verschwand auch meine Scham.“

Sie hat schon als Kind gelernt zu gehorchen, das machte es anderen leicht, über sie zu verfügen. Der Münchener Kameramann Lothar Stickelbrucks, ihr erster Ehemann, kennt sie aus dieser Zeit; bis heute verstehen sich die beiden gut. „Dadurch, dass die Ingrid sehr schüchtern ist, halten sie viele Leute für angreifbar“, sagt er, „dagegen hat sie wenig Abwehrkräfte.“ Sie sei sehr oft ausgenutzt worden, auch im Beruf liefere sie sich aus. Richtig gut sei es ihr nur auf der Bühne gegangen, privat habe sie sich am liebsten versteckt. „Ich habe sie gewarnt: Pass auf, pass auf“, sagt er. „aber sie will noch das Gute im Menschen sehen.“   

Steeger wäre als Kind gern Tierärztin geworden. Aber ein Studium, das war für sie nie eine Option. Sie guckt unter den Tisch zu ihrer Hündin und flötet: „Siehst du aus wie mein Teddybärchen?“ An ihre Sexfilmchen wird sie nicht gerne erinnert. „Ich stehe nicht dazu“, sagt sie, „aber ich kann es nicht ändern.“ Ihre Fans drucken sich oft Fotos von früher aus dem Internet aus und schicken sie ihr zu, damit sie sie signiert. Steeger sitzt da, wie verschanzt unter ihrer Mütze und in ihrem weiten Pullover, vor sich auf dem Tisch hat sie Hundeleckerli ausgebreitet, Kreislauftropfen und eine Salbe für ihre Beule. Nur in der Zeit, als sie mit Wedel zusammen war, hatte sie ihre Ruhe, sagt sie. „Da hat sich keiner an mich herangewagt.“

Verhältnis von Macht und Geschlecht verändert sich

Steeger sitzt da, wie verschanzt in ihrer Mütze und ihrem weiten Pullover, vor sich auf dem Tisch hat sie Hundeleckerli ausgebreitet, Kreislauftropfen und eine Salbe für ihre Beule. Nur in der Zeit, als sie mit Wedel zusammen war, hatte sie ihre Ruhe, sagt sie: „Da hat sich keiner an mich herangewagt.“

Die Frage ist, ob das Verhalten ihr gegenüber einer vergangenen Ära angehört. Auch in vielen anderen Branchen waren Anzüglichkeiten  in den Sechziger-  und Siebzigerjahren Alltag. Seither ist im Verhältnis von Macht und Geschlecht vieles ins Rutschen geraten. Aber in der Filmbranche bewegen sich Frauen nach wie vor in einem streng hierarchischen Umfeld, wo Männer das Sagen haben – und darüber entscheiden, ob Frauen Erfolg haben oder nicht.

Deshalb sagt die Regisseurin Bettina Schoeller-Bouju, die sich für eine Frauenquote in der Branche einsetzt: Es bringt nichts, Einzelfälle anzuprangern; vielmehr müsse es darum gehen, die Machtverhältnisse zu verändern. „Das Problem ist, dass Frauen in erster Linie aufgrund ihres Äußeren bewertet werden und erst in zweiter oder dritter  Linie aufgrund ihres Talents oder  Könnens. Wer nicht einem gewissen Ideal von Sexiness entspricht, taucht nicht auf. Gleichzeitig wird es einem zum Verhängnis.“ 

Nur, wer sexy ist wird gesehen

Wenn es zu Übergriffen kommt, heißt es nach wie vor oft: Du musst dich nicht wundern, mit deinen kurzen Röcken; du legst es doch drauf an, den Männern zu gefallen. Aber ohne sexy zu sein, hätten Schauspielerinnen gar nicht erst eine Chance. „Es ist eine Zwangssituation, man kann es nicht richtig machen.“  Nach wie vor gebe es in der Filmbranche viel zu wenige weibliche Entscheider, sagt die Regisseurin. „Man muss die Strukturen verändern, die Gewalt von Männern gegen Frauen ermöglicht.“

Für Ingrid Steeger  läuft es heute eigentlich ganz gut. Sie lebt bescheiden, aber unabhängig. Sie  gilt  als zuverlässig, eine Fleißarbeiterin. Sie spielte in Kassel, in Köln, Frankfurt am Main, allein in der Komödie „Kurschattenmann“ trat sie 570 Mal auf. Sie liebe das Theaterspielen, sagt sie, „wenn ich die Bühne nicht habe, verblöde ich“. Vor den Kameras hat sie sich nie wohlgefühlt.

Sie mag vor allem Krimis und schwarze Komödien, ihr Lieblingsstück heißt „Gatte gegrillt“, da bereitet sie ihren  treulosen  Ehemann als Braten zu. Sie möchte  nun ein Buch schreiben, einen Krimi, Emile Zolas Roman „Nana“ soll einfließen und die Autobiografie von Natascha Kampusch.  

Vielleicht ist sie heute mehr mit sich im Reinen, als sie es früher je war. Sie dreht sich um und geht mit kleinen Schritten davon, eine dünne  Frau mit  Terrier, wie leicht kann man sie übersehen.