Wunsiedel - Das ist historisch, das gab’s noch nie: Neonazis, die mit jedem Schritt gegen sich selbst demonstrieren. Jeder Meter, den sie zurücklegen, bedeutet mehr Geld für den Kampf gegen Rechts. Klingt abstrus? Ist es auch. Aber so geschehen am Wochenende in Wunsiedel, einer rund 10.000 Einwohner großen Stadt im bayerischen Oberfranken. Was war passiert?

Wunsiedel liegt idyllisch im Herzen des Fichtelgebirges. Beschaulich ist es hier, sanfte Täler rahmen den Ort. Es gibt ein Felsenlabyrinth aus Granitblöcken, viele Tannen, einen Fluss und überhaupt ist hier alles sehr malerisch. Wäre da nicht dieses Stückchen braune Vergangenheit. Zwischen 1987 und 2011 lag hier Rudolf Heß begraben, bekannt als „Stellvertreter Hitlers“. Das Grab existiert längst nicht mehr, doch noch immer marschieren Neonazis einmal im Jahr durch Wunsiedel, auch in diesem Jahr. Einen Tag vor dem Volkstrauertag zogen etwa 250 Neonazis durch die Stadt. Zu der Demo hatte die rechte Kleinstpartei „Der Dritte Weg“ aufgerufen. Seit mehr als 25 Jahren hat das Tradition. Doch dieses Mal lief alles anders, wobei das Wort „laufen“ dabei eine ganz besondere Rolle spielte.

Denn der rechte Trauermarsch wurde zu einem Spendenlauf umfunktioniert – ohne dass die Neonazi-Szene davon vorher Wind bekam. Mit jedem Meter, den die Rechten durch die Stadt liefen, gingen zehn Euro an Exit-Deutschland. Die Initiative unterstützt Menschen, die sich vom Rechtsradikalismus abwenden möchten. 10.000 Euro kamen so zusammen, das Geld spendeten Privatleute und regionale Firmen. Organisiert hatte den unfreiwilligen Spendenmarsch die Initiative „Rechts gegen Rechts“.

Die Organisatoren schmückten die Strecke mit bunten Plakaten im Konfetti-Design: Mit Sprüchen wie „Wenn das der Führer wüsste“ oder „Flink wie Windhunde! Zäh wie Leder! Und großzügig wie nie!“ provozierten sie die Demonstranten, die sowohl die Plakataktion als auch die zur Stärkung gereichten Bananen stoisch ignorierten. Auch die Siegerurkunde dürfte wohl keiner der Neonazis in Empfang genommen haben.