Köln - Der am Donnerstag vorgestellte Inklusionsbericht der Bertelsmann Stiftung bestätigt einen Trend der vergangenen Jahre. Demnach steigen die Inklusionsanteile an deutschen Regelschulen weiter, womit diese wiederum einer Verpflichtung nachkommen, die seit 2009 existiert. Damals ratifizierte Deutschland die Behindertenrechtskonvention der UN. Sie besagt, dass Schüler mit und ohne Behinderung gemeinsam zu unterrichten seien. Förderbedürftige Kinder dürfen demnach nicht mehr auf eine Förderschule (früher Sonderschule) abgeschoben werden. Doch von einem inklusiven Bildungssystem – insbesondere an den weiterführenden Schulen – ist die Bundesrepublik noch weit entfernt. Das vermeintlich gute Ergebnis hat also einen Makel. Die Studien-Ergebnisse im Überblick.

Er ist im Schuljahr 2013/14 auf den höchsten Wert seit Umsetzung der UN-Konvention gestiegen. Zu diesem Ergebnis kommt der Autor der Studie, der Bildungsforscher Professor Klaus Klemm. Fast jedes dritte Kind mit Förderbedarf – exakt 31,4 Prozent – besucht eine Regelschule. Im Vergleich zur letzten Untersuchung vor Inkrafttreten der Konvention im Schuljahr 2008/09 ist das eine Steigerung um 71 Prozent.

Inklusions-Situation unbefriedigend

Grundsätzlich schon. Doch der Umkehrschluss zeigt, dass es große Probleme bei der Umsetzung der UN-Konvention gibt. Denn gut 70 Prozent aller förderbedürftigen Schüler besuchen nach wie vor eine Förderschule. Im Vergleich zu der Zeit vor 2009 hat sich fast gar nichts getan. Damals lag der Anteil von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf bei sechs Prozent, von denen 4,9 Prozent eine Förderschule besuchten. 2013/14 ist die Quote der förderbedürftigen Schüler auf 6,8 Prozent angewachsen, eine Förderschule besuchten 4,7 Prozent von ihnen. Ein signifikanter Fortschritt ist das nicht.

Die Inklusions-Situation an deutschen Schulen ist noch unbefriedigend. Nicole Hollenbach-Biele, Projektmanagerin für Integration und Bildung bei der Bertelsmann Stiftung, sagt: „Deutschland hat nach wie vor eine große Aufgabe vor sich, sein Schulsystem zu einem inklusiven System umzubauen.“ Insgesamt geht der Schüleranteil an Förderschulen kaum zurück, und bundesweit fehle es laut Hollenbach-Biele „an einem gemeinsamen Verständnis der Länder“. Sonderpädagogische Förderung werde in vielen Bundesländern anders diagnostiziert.

Inklusion vor allem an Haupt- und Gesamtschulen

In den Kindertagesstätten liegt der Inklusionsanteil gegenwärtig bei 67 Prozent (2008/09: 61,5 Prozent), die Grundschulen erreichen einen Wert von 46,9 Prozent (2008/09: 33,6 Prozent). Doch mit solchen Quoten geht es nicht weiter – der Inklusionsanteil fällt in der Sekundarstufe auf 29,9 Prozent. Die Studie vermittelt einen allgemeinen Lehrsatz: „Je höher die Bildungsstufe, desto geringer die Chancen auf Inklusion.“ Klaus Klemm schreibt in seiner Untersuchung: „Der Gedanke des inklusiven Unterrichts trifft nach der Grundschule in der Sekundarstufe auf eine stark separierende Schulstruktur: Von den Schülern, die bundesweit derzeit in den Schulen der Sekundarstufen inklusiven Unterricht erhalten, lernen lediglich 10,5 Prozent in Realschulen und in Gymnasien. Die anderen 89,5 Prozent besuchen die übrigen Bildungsgänge.“ Inklusion findet in diesem Alter also vornehmlich an Haupt- oder Gesamtschulen statt.

Wissenschaftler des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen kamen im Mai 2014 zu dem Schluss, dass Kinder mit Förderbedarf mehr und besser lernen, wenn sie mit nichtbehinderten Kindern gemeinsam unterrichtet werden. Insofern, sagt Hollenbach-Biele, nutze das allgemeine Lernen allen Kindern. Grundsätzlich sei es wesentlich, die Lehrkräfte entsprechend aus- und fortzubilden und die Schulen entsprechend auszustatten.

Oft wird mangelhafte Infrastruktur zum Hindernis

Auch dort gilt sie noch als Ausnahme. Aufgrund der vorhandenen Zahlen stehe fest, sagt Hollenbach-Biele, dass „die Chance auf Teilhabe am beruflichen System nach Besuch der Sekundarstufe noch mal abnimmt“.

Hier ist der Inklusionsanteil 2013/14 auf den höchsten Wert seit Einführung der UN-Konvention 2009 gestiegen. 28,9 Prozent aller Schüler mit Förderbedarf besuchen in NRW eine Regelschule – 2008/09 lag der Wert noch bei 12,4 Prozent. Die Zahlen sagen aber auch, dass der Schüleranteil an Förderschulen kaum gesunken ist. Zudem nehmen die Chancen auf Inklusion im Bildungsverlauf deutlich ab. Von den rund 16 800 Förderschülern in NRW besuchen 16,3 Prozent eine Realschule oder ein Gymnasium. NRW gehört allerdings zu den Bundesländern, in denen Schüler, die eine Förderschule besuchen, vergleichsweise häufig einen Hauptschulabschluss erreichen. 65,9 Prozent dieser Schüler jedoch verlassen die Förderschule ohne dieses Zertifikat. Zahlen für Köln oder andere Städte liegen nicht vor. Daten werden nur für Bundesländer erhoben.

In Deutschland seien in Bezug auf die Inklusion durchaus Fortschritte zu erkennen, sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. Doch zum gemeinsamen Lernen sei es noch ein weiter Weg: „Inklusion ist insbesondere an weiterführenden Schulen und in der Ausbildung oft noch ein Fremdwort.“ Zu oft scheitere gemeinsames Lernen an „mangelhafter Infrastruktur und unzureichender Ausbildung der Lehrer“.