Berlin - Die muslimische Bevölkerung in West- und Mitteleuropa wächst, das gilt auch für Staaten wie Deutschland und Österreich, die sich lange Zeit nicht als Einwanderungsländer verstanden. Die erste Generation von muslimischen Zuwanderern in Deutschland, die sogenannten Gastarbeiter der 60er und 70er Jahre, kam überwiegend aus der Türkei.

Heute machen Türkischstämmige nur noch knapp die Hälfte der etwa 4,5 Millionen Muslime aus, die laut Bundesamt für Migration Ende 2015 in Deutschland lebten, das sind knapp sechs Prozent der Bevölkerung. Die zweitgrößte Herkunftsgruppe sind mittlerweile Muslime aus Ländern des Mittleren Ostens.

Wahrnehmung ist zu negativ

Ob und wie muslimische Zuwanderer integriert werden können, darüber wird immer wieder heftig gestritten. Dabei sind die meisten, wie der neue Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung zeigt, mittlerweile gut integriert. „Spätestens seit der zweiten Generation sind sie mehrheitlich in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen“, bilanzieren die Forscher Stephan Vopel und Yasemin El-Menouar.

„Der internationale Vergleich zeigt: Die Integration von Deutschlands Muslimen ist viel besser als ihr Ruf“, sagte auch Aydan Özoguz, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, gegenüber dieser Zeitung. „Die Studie räumt auch mit dem Vorurteil auf, Muslime würden sich abschotten.“ Natürlich gebe es aber noch Bereiche, in denen es Nachholbedarf gebe, zum Beispiel bei gleichen Bildungschancen, so die SPD-Politikerin.

Kaum Unterschiede auf dem Arbeitsmarkt

Für die länderübergreifende vergleichende Untersuchung wurden Ende 2016 repräsentative Umfragen in mehreren Ländern durchgeführt, in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Großbritannien und der Türkei. Flüchtlinge, die nach 2010 nach Europa gekommen sind, wurden nicht miteinbezogen, da Integration als langwieriger Prozess verstanden wird. Hier einige Ergebnisse:

Integration auf dem Arbeitsmarkt

Hier schneidet Deutschland im internationalen Vergleich am besten ab. Die Teilhabe von Muslimen der zweiten und dritten Generation unterscheidet sich nicht vom Durchschnitt der Bevölkerung: Rund 60 Prozent arbeiten in Vollzeit, 20 Prozent in Teilzeit. Auch die Arbeitslosenquote hat sich angeglichen.

Die Forscher führen das vor allem darauf zurück, dass der Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren stark geöffnet und mehr Wert auf Spracherwerb gelegt wurde. „Über die Erfolgschancen entscheiden staatliche und wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen“, ist Stephan Vopel überzeugt. Auch die gute wirtschaftliche Lage in Deutschland spielt sicherlich eine Rolle. (Dies ist etwa in Frankreich ganz anders. Dort sind Muslime zwar durchschnittlich besser gebildet als in den anderen untersuchten Ländern, ihr Anteil an den Arbeitslosen ist aber fast doppelt so hoch wie der von Nichtmuslimen.)

Wenn Religion und Arbeit kaum vereinbar sind

Für sehr religiöse Muslime ist es aber auch in Deutschland nach wie vor viel schwieriger, eine Arbeit zu finden, sie sind seltener berufstätig und verdienen weniger. Ganz anders ist das in Großbritannien. Die Autoren führen das auch darauf zurück, dass der Islam dort anderen Religionsgemeinschaften gleichgestellt ist, sodass auch die Ausübung der Religion im Arbeitsleben stärker akzeptiert wird. (Die Islamexpertin El-Menouar sieht in Deutschland Nachholbedarf, was die Anerkennung muslimischer Religionsgemeinschaften angeht. „Religiöse Symbole sollten nicht für Nachteile bei Bewerbungen sorgen, und religiöse Bedürfnisse wie Pflichtgebete und Moscheegänge sollten auch mit Vollzeitjobs vereinbar sein.“)

Sprachliche Integration und Bildungsniveau

Bei der Schulbildung verläuft die Integration in Deutschland schleppender als in Frankreich. Hierzulande verlassen noch immer 36 Prozent aller Muslime die Schule, ehe sie das 17. Lebensjahr vollendet haben – in Frankreich sind es nur 11 Prozent. Immerhin wachsen aber fast drei Viertel der in Deutschland geborenen Kinder von muslimischen Zuwanderern mit Deutsch als erster Sprache auf.

Unterschiede in der Schule

Dass es so große Unterschiede beim Bildungsstand zwischen deutschen und französischen jungen Muslimen gibt, führen die Forscher auch auf das Schulsystem zurück. Anders als in Deutschland lernen Schüler in Frankreich länger gemeinsam.

Soziale Beziehungen

Dass Muslime heute gut integriert sind, lässt sich der Studie zufolge auch daran ablesen, dass vier von fünf in ihrer Freizeit regelmäßig mit Nichtmuslimen zusammen sind. Fast zwei Drittel sagen zudem, dass ihr Freundeskreis mindestens zur Hälfte aus Nichtmuslimen bestehe. Umgekehrt gibt es in den Aufnahmeländern aber nach wie vor starke Vorurteile bis hin zur völligen Ablehnung. Immerhin jeder fünfte Deutsche will keine Muslime als Nachbarn, in Österreich ist es sogar jeder vierte. Insgesamt gehören Muslime noch immer zu den Bevölkerungsgruppen, die am stärksten abgelehnt werden.

Emotionale Verbundenheit

In allen fünf Ländern gibt trotzdem eine sehr große Mehrheit der Befragten an, dass sie sich dem Land, in dem sie lebt, sehr verbunden fühlt. Gleichzeitig haben viele aber auch eine große emotionale Nähe zu den Ländern, aus denen ihre Eltern und Großeltern gekommen sind. „Mischidentitäten“ seien also bei den meisten Muslimen heute der Normalfall.