Berlin - Ihr konkretestes Rendezvous mit Künstlicher Intelligenz hatte Angela Merkel neulich zwischen einer Schnellstraße und einem mit Rollrasen ausgelegten Fußballplatz. In einem unscheinbaren Bürogebäude im südchinesischen Shenzhen besuchte sie eines der erfolgreichsten chinesischen Startups.

ICarbonX bietet digitale Gesundheitsdienste an: Die Fima analysiert DNA, Hautstruktur, Zuckerwerte ihrer Kunden und destillieren daraus Ernährungs- und Verhaltenstipps.

Wer vor einem der intelligenten Spiegel der Firma seine Dehnübungen macht, bekommt Trainingstipps. Man wolle die Gesundheit der Menschen verbessern, beteuern die Firmenvertreter. Die gesammelten Datenmengen wandern in China auch an den Staat.

Kanzlerin will Strategie zur Künstlichen Intelligenz erarbeiten

Mit dem frischen Eindruck von dieser Reise hat die Kanzlerin sich dann in dieser Woche zu einer – schon länger geplanten – Beratungsrunde zur Künstlichen Intelligenz im Kanzleramt zurückgezogen. 40 Wissenschaftler und Vertreter von großen Firmen und kleinen Start-Ups, sowie die Minister für Wirtschaft, Gesundheit und Verkehr waren geladen. Dazu die Digitalisierungs-Verantwortlichen im Kanzleramt, Kanzleramtsminister Helge Braun und Staatsministerin Dorothee Bär. Bis zum Herbst will die Bundesregierung eine Strategie zur Künstlichen Intelligenz erarbeiten.

Der Hintergrund ist ein wirtschaftlicher, und zwar gleich in doppelter Hinsicht: Bei der Entwicklung von KI-Produkten soll Deutschland international wettbewerbsfähig sein. Außerdem soll deutschen Firmen ermöglicht werden, durch die Nutzung von Künstlicher Intelligenz ihr Überleben zu sichern.

USA und China sind Deutschland voraus

In China sei die Förderung der Künstlichen Intelligenz eine mit einem dreistelligen Milliardenbetrag geförderte Staatsstrategie, heißt es im Kanzleramt. In den USA werde die Entwicklung von großen Unternehmen vorangetrieben. Deutschland müsse da jetzt auch in die Puschen kommen, findet die Kanzlerin. Sie redet schon seit Monaten von diesem Thema und von den großen Datenmengen, die man schon für die Erprobung von Projekten Künstlicher Intelligenz brauche.

Sie findet offenbar, dass die Wirtschaft das ganz ohne Staat nicht schaffen wird. „Die deutsche Wirtschaft hat immer Spitzentechnik entwickelt, aber immer langsam und Schritt für Schritt. Es kann sein, dass wir bei diesem Thema einen Schritt zu langsam sind“, sagt Kanzleramtsminister Braun.

Förderung für Informatiker und deutsche Unternehmen

Um Deutschland in diesem Bereich voran zu bringen, müssen daher nach Regierungseinschätzung unter anderem genügend Experten ausgebildet werden – und dann verhindert werden, dass sie ins US-amerikanische Silicon Valley abwandern oder zur chinesischen Konkurrenz. „Die tollen Typen, die wir ausbilden, sollten in Deutschland bleiben“, sagt ein Regierungsmitglied.

Informatik-Studien müssten vermehrt auch schon sehr früh Künstliche-Intelligenz-Schwerpunkten setzen. Wichtig sei es letztlich, auch mittelständischen Unternehmen, die Nutzung von Künstlicher Intelligenz zu ermöglichen. Dies sei derzeit für viele noch zu teuer, auch weil bislang sehr große Rechner dafür nötig sein.

Gesundheits- und Verkehrsdaten werden erfasst

An den Datenschutz hat man im Kanzleramt bei aller Begeisterung für die Künstliche Intelligenz auch gedacht, allerdings nicht besonders vertieft. „Das Problem heute ist nicht das Beschränken, sondern das Ermöglichen“, sagt Kanzleramtsminister Braun. Eine Datenschutzkommission soll es geben, aber. Dabei geht es auch darum, Entwicklern bestehende Datensätze zur Verfügung zu stellen. An Verkehrsdaten von Mautstationen und Ampelanlagen denkt man dabei in der Regierung und auch an Gesundheitsdaten wie Röntgenaufnahmen.

Es gehe dabei nicht um personalisierte, sondern um anonymisierte Daten, versichert man in der Regierung. Man müsse den Anschluss schaffen: „Wir haben nicht zu viel Intelligenz“, sagt einer und unterschlägt dabei das Wort „künstliche“.