Berlin - Eine Internet-Karte, auf der Unbekannte Adressen und Details zu Asylbewerberheimen in ganz Deutschland sammeln und veröffentlichen, hat Sorge und Empörung ausgelöst. Sie wurde, offenbar bereits vor Wochen, von anonymen Nutzern des Suchmaschinen-Anbieters Google in dessen Kartenservice Maps erstellt, trägt den Titel „Kein Asylantenheim in meiner Nachbarschaft“ und kursiert bereits prominent in den sozialen Netzwerken. Am Donnerstagabend war die Karte plötzlich nicht mehr abrufbar, ein Hinweis informierte Nutzer, dass die "erforderliche Berechtigung fehlt".

Seit Mittwoch wird Google aufgefordert, die Seite zu sperren – von mehreren Online-Usern, aber auch von Parteien und Organisationen wie der hessischen Piratenpartei und der Amadeu-Antonio-Stiftung, die sich gegen Fremdenfeindlichkeit einsetzt. „Google sollte die Seite löschen, weil sie ein impliziter Aufruf zur Gewalt sein kann“, sagte Stiftungssprecher Robert Lüdecke dieser Zeitung. „Angesichts der zunehmenden Angriffe auf Flüchtlingsheime sehen wir die Gefahr, dass diese Adressliste potenziellen Straftätern weitere Ziele liefert.“

Problematisch sei etwa auch, dass viele der aufgeführten Adressen geplante Heime anzeigen. So werde bereits gegen Standorte gehetzt, ehe die Kommunen die Bürger selbst informieren könnten. Zudem seien Sammelunterkünfte und Privatwohnungen gleich groß markiert, um eine „Flut“ zu suggerieren.

Neuer Anschlag in Bayern

Dass die Sorge vor Anschlägen begründet sind, bestätigte sich am Donnerstag erneut: In der Nacht hatten Unbekannte eine geplante Asylunterkunft in Reichertshofen bei Ingolstadt in Brand gesetzt. Der Teil des ehemaligen Gasthofs, in dem 67 Asylbewerber wohnen sollten, ist laut Polizei vollständig ausgebrannt, der Schaden beträgt rund 150.000 Euro. Erst am Vortag war bekanntgeworden, dass am Wochenende ein Flüchtlingsheim bei Leipzig in zwei Folgenächten beschossen wurde.

In ganz Deutschland gibt es seit Jahresbeginn viele Vorfälle dieser Art, laut Behörden steigen sie weiter an - wie auch die Demonstrationen gegen Flüchtlingsheime. Das Bundesinnenministerium zählt allein für das erste Halbjahr 2015 150 Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte mit klar rechtsextremem Motiv.

Macher zählen zum „III. Weg“

Die Macher der Google-Karte sprechen sich in ihrer kurzen Bemerkung auf der Seite zwar nicht für Gewalt aus und schreiben sogar, „wir bejahen den grundsätzlichen Anspruch auf Asyl“. Die angegebene E-Mail-Adresse beim Provider GMX, an die jeder User weitere Heimadressen senden soll, nutzt allerdings auch die neonazistische Partei „Der III. Weg“ als Kontakt-Adresse.

Die 2013 gegründete Partei wird vom Verfassungsschutz des Bundes und mehrerer Länder beobachtet und dem Spektrum der „gewaltorientierten Rechtsextremisten“ zugeordnet. 2014 wies das Bundesamt zwar nur 200 Mitglieder aus – die NPD hatte 5200 –, sie steht jedoch der gewaltbereiten Kameradschaftsszene nah. Vor Anschlägen auf Asylheime, etwa in Limburgerhof bei Mannheim, machte die Partei vor Ort wochenlang Stimmung gegen die Unterkünfte. Gegenüber dem Pressedienst EPD bestätigten die Initiatoren der Google-Karte ihre Nähe zu der Partei und erklärten, mit der Karte vor einem drohenden „Volkstod“ warnen zu wollen.

Google prüft „nach wie vor“

Google Deutschland hat die Karte mittlerweile gesperrt. Auf der Homepage der Partei „Der III. Weg“ ist die Karte am Freitagmorgen zwar noch sichtbar, klickt man jedoch drauf, bekommt man die Meldung von Google, die Karte sei nicht mehr verfügbar.

In der Vergangenheit hatte der Anbieter nur sehr zurückhaltend in die Veröffentlichungen seiner Nutzer eingegriffen und sich auf die Meinungsfreiheit berufen. In diesem Fall könnten aber auch die Behörden tätig werden: Mindestens bei der Polizei in Frankfurt am Main haben nach eigenen Angaben auch Bürger bereits Anzeige  gegen die Google-Karte erstattet.

Die Antonio-Stiftung betonte, sie stehe seit Jahren in einem guten, konstruktiven Kontakt zu Google und appelliere in diesem Fall an die ethischen Grundsätze der Firma. Es gehe auch um ein Signal, „selbst wenn so eine Seite nach der Löschung bei Google anderswo wieder auftauchen kann“, so Lüdecke. Tatsächlich haben inzwischen vorgebliche Flüchtlingsunterstützer die Daten in eine Karte umkopiert, die zur Hilfe vor Ort aufruft.

Allerdings betont Lüdecke, dass bislang weder Behörden noch Unterstützer von Flüchtlingen solche Adresslisten veröffentlichen – um Missbrauch zu verhindern. „Schon jetzt werden Hilfsprojekte bedroht, die in anderen Listen auftauchen, aber das sind dann Büroadressen, die sich freiwillig selbst eingetragen haben.“