Hamburg, Hotel Vier Jahreszeiten. Es gibt Tee und Mineralwasser und die geballte Ladung 68. Bettina Röhl ist in jeder Hinsicht ein Kind dieser Zeit. Ihr Vater ist Klaus Rainer Röhl, der Gründer der Studentenzeitschrift Konkret, ihre Mutter war die spätere RAF-Gründerin Ulrike Meinhof.

Röhl wuchs in Hamburg auf und ging nach der Scheidung ihrer Eltern 1968 mit ihrer Mutter nach Berlin. Nachdem Meinhof 1970 in den Untergrund abtauchte, erhielt der Vater das Sorgerecht, woraufhin die siebenjährige Bettina Röhl zusammen mit ihrer Zwillingsschwester von RAF-Mitgliedern entführt und in ein Flüchtlingslager in Sizilien gebracht wurde. Nach vier Monaten wurden sie vom früheren Konkret-Redaktuer Stefan Aust befreit und zu ihrem Vater nach Hamburg zurückgebracht.

Das alles gehört zur Geschichte der Bundesrepublik – als Teil einer Erzählung, die heute „68“ genannt wird. Und pünktlich zum 50. Jubiläum des Schicksalsjahres hat Bettina Röhl ein neues Buch geschrieben: „Die RAF hat euch lieb – Die Bundesrepublik im Rausch von 68 – Eine Familie im Zentrum der Bewegung“ heißt es. Grund genug für ein Gespräch: über 68, Ulrike Meinhof, die RAF und die Nachwirkungen von alldem auf das Leben und die Gesellschaft von heute.

Frau Röhl, war 1968 ein Erfolg?

Ja, unbedingt. 68 hat die Republik verändert – fragt sich, ob positiv oder negativ. Der Vietnamkongress im Februar 1968 war ein Durchbruch, und nach den sogenannten Osterunruhen im April 1968 schlossen sich inflationsartig immer mehr Schüler und Studenten der Bewegung der APO an. Aber auch das Establishment bis in die bürgerlichen Kreise hinein wandte sich modebewußt und positiv den rebellierenden Studenten zu. Die Protagonisten der Rebellion hatten über Nacht ihre Exklusivität in Sachen „Revolution“ verloren und bekamen alsbald Katergefühle, als wäre alles vorbei.

War es das im Grunde nicht auch?

Tatsächlich drehte 68 seither eine Volte nach der anderen und hat die Gesellschaft kulturell und vor allem subkulturell voll erfasst. Seit damals hat das 68er-Phänomen immer mehr Menschen erreicht. Und das ging soweit, dass die RAF in den 90er-Jahren die Köpfe kleiner Bankangestellter, die noch kurz zuvor vehemente Gegner waren, erreichte, die mir sagten: Baader-Meinhof, die meinten es doch gut. Damals dachte ich, wie surreal das ist. Noch vor wenigen Jahren hatte die RAF auf Bankangestellte, die sie zu Bullen des Systems erklärt hat, geschossen.

Wann war das?

Das nette Gespräch mit einer Bankberaterin war irgendwann Ende der 90er-Jahre.

Zu Beginn ihres Buches zitieren sie aus einem Gespräch, das Rudi Dutschke, Hans Magnus Enzensberger, Bernd Rabehl und Christian Semler im Oktober 1967 geführt haben und das im August 1968 im Kursbuch 14 veröffentlicht wurde. Heute findet man es im Internet.

Das Kapitel heißt „Die bunten Eimer waren leer“. Darin seziere ich die Ergüsse von Dutschke, Semler, Rabehl und natürlich Enzensberger. Wer in dem Gespräch der Studentenführer von damals irgendeinen Mehrwert zum Thema Kapitalismus sucht, um den es ging, wird frustriert: ein aufgeblasenes Nichts.

Und das hat gesiegt?

Ach, es ist ja nicht nur unsympathisch. Das sind junge Leute, die nach oben gespült wurden und jetzt das Gefühl hatten, auf alle Fragen eine Antwort parat haben zu müssen. Die Hilflosigkeit, mit der aus ein paar Lektürefetzen eine Welt gebastelt wurde, rührt mich. Wirklich unangenehm fand ich eigentlich eher Enzensberger. Der war ja damals schon älter und etablierter und hätte wissen müssen, was er nicht weiß. Er heizt die Jungen aber eher noch an. In ihrer zentralen Disziplin, nämlich ihrer Kapitalismuskritik, haben die 68er total versagt. Heute ist die Schere zwischen arm und reich in der Bundesrepublik viel weiter offen als damals. Nicht sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse waren damals unbekannt. Was für ein Paradies! Trotzdem haben die 68er alle Sympathien auf sich gezogen.

Wegen des Geredes von der Revolution?

Es waren Tausende, die am 16. Mai 1976 zur Beerdigung von Ulrike Meinhof auf den Dreifaltigkeitsfriedhof nach Berlin kamen. Es gab lange eine breite Unterstützung für die RAF. Sonst hätte es nicht immer neue RAF-Generationen gegeben. Auch die Frankfurter Sponti-Bewegung, die Daniel Cohn-Bendit- und Joschka-Fischer-Truppe, reagierte stark auf die RAF. Ihre Antwort auf den Meinhof-Tod waren Molotowcocktailattacken auf die Polizei. „Die Stadt“, so erklärten mir Ex-Bürgermeister Rudi Arndt und Ex-Polizeipräsident Knut Müller, „befand sich damals in einer Art Bürgerkriegszustand.“ Die zweite Generation der RAF war groß, hatte Sympathisanten, aber die politische Musik spielte dann in Frankfurt. Dort ging es weiter zur Gründung der Grünen.

In Frankfurt ging es in den 70er-Jahren doch nicht mehr um die Verwandlung einer Stadt in eine Räterepublik. Es ging um Fahrpreiserhöhungen.

Der Paradigmenwechsel hatte stattgefunden. Man musste ihn nicht mehr predigen. Die Ex-SDSler, die Revolutionäre von 68, wussten ja nicht, was sie mit all den jungen Leuten, die 1968 zu ihnen kamen, anfangen sollten. So entstanden Stadtteilgruppen und Komitees für dieses und jenes. An allen Ecken und in allen Bereichen wurde revoluzzert. Jeder suchte ein Betätigungsfeld. Was Feministisches, eine Juragruppe, Lehrer. Es war auch die Zeit der K-Gruppen. Hunderttausend und mehr sollen in den 70er-Jahren in ihnen ernsthaft organisiert gewesen sein. Denen ging es genauso verbissen um Revolution wie der RAF. In immer neuen Wellen wurde so die ganze Gesellschaft umgepflügt.

Zum Beispiel?

Vor zehn Jahren erklärte Cohn-Bendit, der eigentliche Sieg von 68 seien der Feminismus und die Schwulenbewegung gewesen. Diese gesellschaftlichen Felder spielten 68 so gut wie keine Rolle. Ursprünglich stand die Frage der Enteignung von Grund und Boden und der Produktionsmittel im Vordergrund. Aber so zersplittert auch alles war, ein Geist war aus der Flasche gelassen worden: der Protest. Nicht mehr das Gemeinwesen, sondern der Protest gegen das Gemeinwesen war zum Identifikationszentrum in den Köpfen geworden. Protest um jeden Preis, egal wogegen, das war der Paradigmenwechsel von 1968.

Ich weiß von einem damaligen Anhänger des russischen Anarchisten Kropotkin, der dann1969 in die SPD eintrat und später einige Jahre lang eine Rolle in der nordhessischen Sozialdemokratie spielte. Ist das ein Beispiel für den Sieg der 68er oder für ihren Untergang?

Dadurch, dass die 68er gesiegt hatten, standen ihnen alle Türen und Tore in dieser Gesellschaft offen. Die meisten gingen ja in die Institutionen, ließen ab von ihrem Wunsch, Revolution zu machen, aber sie trugen den Geist ihrer Proteste auch noch in die letzten Winkel der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Es war ja nicht so, wie die 68er Geschichtslegende uns weismachen möchte: Es gab keine faschistoide Gesellschaft, gegen die die 68er ankämpfen mussten. Die Gesellschaft war offen, und die 68er machten Karriere in ihr. Und in diesem Prozess etablierten sich dann auch die ehemaligen Revolutionäre. Es entstand ein Establishment, das seine „revolutionäre“ Vergangenheit verklärte. Aufklärung fand da nur sehr am Rande statt.

Von welcher Zeit sprechen Sie?

Das ging alles unwahrscheinlich schnell. 1973 hatte ich in Hamburg schon linksradikale Lehrer, die wir duzten. Unser wunderbarer Deutschlehrer richtete eine Quatschstunde ein. In den Theatern, im Film überall war der Geist von 68 zu spüren.

Das kommt mir vor wie Liberalisierung. Ist das 68?

Das vermischte sich. Die 68er sind in Wahrheit nicht der Motor der Liberalisierung, sondern sie haben von diesem sich ohnehin abspielenden Prozess in der Gesellschaft profitiert. Die 68er sind die Kinder einer luxurierenden Gesellschaft. Es gab Jobs und Urlaub, es gab die Pille und Geld. Das kam alles zusammen und prägte die westlichen Gesellschaften nach der Periode des Wiederaufbaus nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges. Die 68er sind die erste Luxus-Generation der Bundesrepublik. Sie kannten nur das Aufwärts und das immer mehr. Daher rührte ihre Lässigkeit. Es war auch die erste Generation, der jederzeit die Musik zur Verfügung stand, die sie gerade hören wollte. Es gab eine technische Revolution. Plötzlich hatte jeder seinen eigenen Plattenspieler oder Casettenrecorder und Radio sowieso.

Die Compact Cassette, auch Audio-Kassette genannt, war 1963 auf der Internationalen Funkausstellung in West-Berlin vorgestellt und in den Markt eingeführt worden.

Man redet viel über die Bedeutung der Musik für die 68er. Zu Recht. Die Bedeutung der Musik für die erste Generation in der Menschheitsgeschichte, der die Musik frei rund um die Uhr zur Verfügung stand, kann man gar nicht hoch genug einschätzen.

Eine technologische Revolution, die die 68er beflügelte?

Es war alles verfügbar. Die flippten aus. Man spricht viel vom Gefühl der Freiheit. Aber es war vielleicht mehr noch die Empfindung, dass einem alles zuflog, dass nur noch ein paar altmodische Hemmnisse im Weg waren und man hätte das Paradies für alle haben können. Das kam aus der Lebenssituation dieser verwöhnten Generationen. Nicht unsympathisch, aber nicht sehr intelligent. Der Extremismus, in den sie sich stürzten, war dann allerdings ein Rückschritt.

Zum Beispiel?

Mao Zedong. Seine Bedeutung wird heute bei weitem unterschätzt, und die ehemaligen Maoisten spielen die Bedeutung der chinesischen Kulturrevolution massiv herunter. Die chinesische Kulturrevolution, bei der Millionen Menschen umgebracht wurden, wurde in Westeuropa zu einem der prägenden Vorbilder. „Rebellion ist gerechtfertigt“, „bombardiert das Hauptquartier“ – das waren auch in der Bundesrepublik beliebte Parolen. Es gab Zeiten, da wurden – nach dem Vorbild der Kulturrevolution – „bourgeoise Gewohnheiten“ wie zum Beispiel Cellospielen bekämpft. Auch noch in den 80er-Jahren gab es die Vorstellung, man müsse durch ein möglichst ungepflegtes Äußeres seinen Abstand zu bürgerlichen Umgangsformen hervorheben. Die Kulturrevolution vernichtete die Kultur, während im Westen so etwas wie eine Kulturexplosion zum Beispiel in der Musik stattfand.

Eine Gegenkultur?

Das ist auch so ein Wort. Die Beatles, die Rolling Stones, Pink Floyd – das war doch keine Gegenkultur. Das war die Kultur jener Epoche. Sie war die Gegenkultur zur vorangegangenen Zeit. Aber in diesem Sinne ist fast jede Kultur auch Gegenkultur. Erinnern Sie sich an Herbert Marcuses „Eindimensionalen Menschen“? Den gab es doch bei uns gar nicht. Im Westen war alles bunt. Die verschiedensten Stile und Weltauffassungen äußerten sich. Maos Millionen Rotgardisten waren dagegen in der Tat eindimensionale Menschen mit nur noch der roten Mao-Bibel in der Hand. Und mit sehr viel Blut an den Händen. Alle Welt redete damals vom „Neuen Menschen“, den es zu erschaffen galt: in den Kinderläden, den Kaderparteien, in den Untergrundorganisationen und Alternativprojekten. Er tauchte nirgends auf. Niemand sah ihn jemals. Er war eine fixe Idee. Aus der wurde von Leuten mit null Ahnung der Anspruch abgeleitet, die ganze Welt umzuerziehen. Das ist alles Mao-Zedong. Das hat die 68er fasziniert.