Schul-Experte: Nur so kriegen wir den Lehrermangel in den Griff

Mark Rackles, Staatssekretär a. D., beschäftigt sich seit Jahren mit dem Lehrermangel in Deutschland. In einer neuen Studie zeigt er Wege aus der Misere.

Mark Rackles, 2020
Mark Rackles, 2020Berliner Zeitung/Mike Fröhling

Der Lehrermangel ist eines der vertracktesten politischen Probleme. Und er spitzt sich zum Leidwesen von Kindern, Jugendlichen und Lehrkräften stetig zu. Er bremst alle Reformen des Bildungswesens aus, denn ohne Lehrer ist alles, was man in der Schule erreichen möchte, nichts.

Mark Rackles hat acht Jahre lang an der Seite von Sandra Scheeres (SPD) die Bildungspolitik Berlins mitbestimmt – ohne seinem eigenen Anspruch gerecht werden zu können. Obwohl er in der Öffentlichkeit hohes Ansehen genoss, hat er 2019 seinen Hut genommen, wandte sich der Wissenschaft zu und versucht seither, das Problem des Lehrkräftemangels von Grund auf zu verstehen und zu lösen.

2021 erregte seine Studie „Lehrkräftebildung 2021. Wege aus der föderalen Sackgasse“ in Fachkreisen großes Aufsehen. Im Dezember 2022 erschien sein Paper „Wege aus dem Lehrkräftemangel“.

Herr Rackles, das letzte Mal haben wir uns im Sommer 2021 über den Lehrermangel unterhalten. Was hat sich seitdem verändert?

Ich würde sagen, dass das Problem sich ausgeweitet hat. Es gibt jetzt bis auf das Saarland kein Bundesland mehr, das genug Lehrkräfte hat. Sogar Bayern und Nordrhein-Westfalen haben nun das Problem; vor eineinhalb bis zwei Jahren war das noch nicht der Fall. Deutschlandweit erhöht sich der Druck, weil fast alle Bundesländer nicht ihren Minimalbedarf ausbilden, also nicht einmal die Abgänge kompensieren. Es zeichnet sich eine dramatische Situation ab. Schon jetzt fehlt bundesweit jede fünfte Lehrkraft, und die Lücke wächst. Das macht es auch praktisch unmöglich, pädagogische Ansprüche zu realisieren – mehr Ganztagsschule etwa, Inklusion und deutliche Verbesserungen an den Brennpunktschulen. Konservativ berechnet bräuchten wir allein dafür 70.000 zusätzliche Lehrkräfte.

Wie kann es denn sein, dass das einfach nicht in den Griff zu bekommen ist? Warum bilden die Länder zu wenig aus?

Das ist ein strukturelles Problem. Aus der Sicht des einzelnen Landes ergibt es Sinn, Lehrkräfte aus anderen Bundesländern anzustellen, weil das Ausbilden langwierig ist und viel Geld kostet. Als Bayern und NRW aufhörten, deutlich über Bedarf auszubilden, war der Schreck in Berlin, Brandenburg und überhaupt den meisten Ländern groß. Man hatte sich auf Zuzug von Lehrkräften aus anderen Bundesländern verlassen. Das große strukturelle Problem ist: Es gibt keine Verpflichtung für die Länder, den eigenen Bedarf an Lehrkräften auszubilden.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter
Zur Person
Mark Rackles, 1966 geboren, studierte Betriebswirtschaftslehre und Politikwissenschaften an der FU Berlin. Er war einer der vier stellvertretenden Vorsitzenden im Berliner Landesverband der SPD. Ab 2011 war er unter Sandra Scheeres Staatssekretär für Bildung. 2019 wurde er entlassen und begann als selbstständiger Publizist und Politikberater zu arbeiten. Seit März 2021 ist er Fellow am Berliner Wissenschaftszentrum und forscht über „educational governance“. Rackles ist seit Januar 2020 freiberuflich als Berater und Publizist im Bildungsbereich tätig.

Sie wollen, dass sich das ändert – und fordern einen Staatsvertrag, der genau das vorschreibt. Ist das die wichtigste Forderung Ihres Policy Papers, das sie vor wenigen Tagen bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung veröffentlichten?

Ja. Das und eine bundesweite Ausbildungsoffensive, bei der sowohl mehr Lehramtsstudienplätze geschaffen werden – vor allem aber auch evaluiert wird, warum so enorm viele Studierende abbrechen. Das ist wohl kurzfristig die beste Möglichkeit, um so viele Lehrkräfte wie möglich in die Schulen zu kriegen. Denn Studienplätze, die in den kommenden Jahren erst geschaffen werden, machen in den Schulen erst in zehn Jahren einen Unterschied, also viel zu spät. Zu meiner Zeit als Staatssekretär haben wir in Berlin die Studienplätze bereits um über 70 Prozent ausgebaut und sehen nun, dass das viel langsamer auf den Markt wirkt, als wir dachten. Nicht einmal 50 Prozent der vereinbarten Absolventenzahlen werden aktuell in Berlin erreicht.

Was ist denn Ihre Theorie, warum so viele Lehramtsstudierende hinschmeißen?

Die Studiengänge sind sehr trocken und praxisarm. Und die Lehramtsstudierenden sitzen ständig mit den Monobachelor-Studierenden der jeweiligen Fächer in denselben Vorlesungen und Seminaren. Es ist demotivierend, wenn man beispielsweise in einer reinen Mathematikvorlesung sitzt und sich überhaupt das gesamte Studium wie ein Gast in anderen Fächern fühlt. Es wird kein berufliches Selbstverständnis vermittelt.

Berlin übernimmt ja ab Januar den Vorsitz der Kultusministerkonferenz (KMK). Was erhoffen Sie sich davon?

Im rot-grün-roten Koalitionsvertrag steht, dass geprüft werden soll, ob eine Mindestquote bei der Lehrkräfteausbildung in das Schulgesetz aufgenommen werden soll und dass man einen Staatsvertrag für die Lehrkräftebildung anstrebt. Daher erhoffe ich mir schon ein paar Impulse. Das war auch der Anlass für mein jüngstes Papier. Ich wollte einen Entwurf für einen solchen Staatsvertrag vorschlagen. Wir sehen auch, dass die freiwillige Selbstverpflichtung der Länder, mit der ein Staatsvertrag 2019 noch abgeschmettert wurde, nichts gebracht hat. Es könnte sich jetzt also endlich etwas tun.

Höchste Zeit! Aber steht uns nicht letztlich vor allem der Bildungsföderalismus im Wege? Ist die Zeit gekommen, an der alleinigen Kompetenz der Länder zu rütteln? In unserem letzten Gespräch haben Sie das noch kategorisch abgelehnt.

Zumindest sollte der Bund Partner der Länder werden und nicht mehr Gegenspieler sein. Auf die Dauer sollten wir das Grundgesetz ändern und das Kooperationsverbot von Bund und Ländern in der Bildungspolitik ganz aufheben. Aber man muss hier wirklich sagen, dass das eine sehr langfristige Lösung für das Problem ist. Was wir jetzt brauchen, sind die Ausbildungsoffensive und der Staatsvertrag. Sonst kriegen wir das Problem nicht mehr in den Griff.

In Berlin kann man diese Entwicklung beobachten, die Lehrerinnen und Lehrer sind am Ende ihrer Kräfte. Die GEW hat zu zahlreichen Streiks aufgerufen und einen Tarifvertrag gefordert, der kleinere Klassengrößen vorschreibt. Halten Sie das für sinnvoll?

Wir beobachten in Berlin das große Problem, dass sich der Lehrermangel verselbstständigt, wenn man nicht rechtzeitig etwas unternimmt. Wenn junge Leute darüber nachdenken, Lehramt zu studieren, und über diese Demonstrationen lesen, darüber, wie schrecklich der Lehrerberuf ist, werden sich viele ganz genau überlegen, ob das wirklich der Weg ist, den sie gehen wollen. Damit will ich nicht sagen, dass die Lehrkräfte nicht demonstrieren sollen, die Situation gerade an vielen Brennpunktschulen ist dramatisch. Aber ein solcher Tarifvertrag ist mit Blick auf die nackten Zahlen aktuell schlicht unrealistisch.

Also ist die Lage in Berlin besonders dramatisch?

Ja, man muss sagen, dass uns hier besonders viele Lehrkräfte fehlen, der Unterrichtsausfall dadurch immer größer wird und die Lehrerinnen und Lehrer zunehmend überarbeitet sind. Neben den zu geringen Ausbildungszahlen trafen zusätzlich zwei weitere Entwicklungen aufeinander, die die Situation verschärften: Um 2016 herum reißen die vorher als selbstverständlich wahrgenommenen Zuzüge von Lehrkräften nach Berlin ziemlich abrupt ab. Gleichzeitig strömten viele geflüchtete Kinder in die Schulen – und seitdem hat sich die Situation eigentlich nicht mehr gebessert.

Finden Sie es denn richtig, dass Berlin sich nun doch wieder entschieden hat zu verbeamten?

Eigentlich finde ich es nicht sinnvoll, weil unter den 50 Prozent, die nun wieder verbeamtet werden, mindestens jede zehnte Lehrkraft durch Gesundheit oder Alter nicht verbeamtungsfähig ist. Das erzeugt Stress und zusätzlichen Aufwand im System, und es ist teuer. Aber wahrscheinlich geht es nicht anders, weil es eben ein Wettbewerbsnachteil gegenüber den anderen Bundesländern ist. Aber das Strukturproblem ist damit nicht gelöst.

Im Sommer 2021 haben Sie gesagt, dass Sie unzufrieden mit Ihrer Arbeitssituation als Staatssekretär waren. Sie hofften, mit Politikberatung mehr erreichen zu können. Wie ist die bisherige Bilanz?

Der Vorteil ist, dass man mit einer gewissen Distanz und mit mehr Zeit nach Lösungen suchen kann. Als Staatssekretär ist man gerade in Berlin mit seiner starken Hauptstadtpresse schon von einem oft überdramatisierten medialen Szenario getrieben. Man ist eigentlich ständig in der Defensive und kommt selten zu mehr, als Schadensbegrenzung zu betreiben. Das gefällt mir also schon, jetzt aus einer Außenperspektive zu arbeiten und sich nicht dauernd gegen Totschlagargumente wehren zu müssen, die letztlich dazu führen, dass keiner agiert.

In Berlin wird die Abgeordnetenhauswahl nun wiederholt. Was bedeutet das für den Berliner Vorsitz bei der KMK?

Das ist eine ziemlich ungünstige Situation, weil Wahlkampf und Koalitionsverhandlungen die Arbeit als Vorsitzland der KMK ausbremsen. Wer auch immer nach der Wahlwiederholung im Amt des Bildungssenators landet, wird sich jedoch mit diesem größten Problem der deutschen Bildungspolitik befassen müssen. Für Berlin ist das aber auch eine echte Chance, mit Schulpolitik einmal positiv aufzufallen, wenn man sich ernsthaft für den Staatsvertrag einsetzt.