Für Egon Krenz war die Nacht vom 9. auf den 10. November die schwerste seines Lebens.
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

BerlinEgon Krenz stand im Herbst 1989 im Zentrum der Ereignisse und entschied bis Anfang Dezember maßgeblich mit über deren Verlauf. Bis heute wird wenig gewürdigt, dass der friedliche Verlauf der Wende in erheblichem Maße mit seinen Entscheidungen zusammenhängt. Wir trafen einen nachdenklichen und gut gelaunten Mann, der unermüdlich gegen kursierende Legenden und Lügen über den Herbst 1989 streitet.

Herr Krenz, wie haben Sie die Nacht vom 9. zum 10. November erlebt?

Für die Mehrheit der Menschen in Ost und West war das ein Volksfest. Für mich die schwerste Nacht meines Lebens. Ich hatte die Gesamtverantwortung. Von denen, die an jenem Abend an meiner Seite waren, leben noch die Politbüromitglieder Siegfried Lorenz und Wolfgang Herger sowie der Sekretär des Nationalen Verteidigungsrates Fritz Streletz.

Wie wurden Sie informiert?

Erich Mielke hat mir mitgeteilt, dass sich größere Menschenmengen Richtung Grenze bewegen und wollte wissen, wie wir darauf reagieren. Wir hatten Schabowskis Pressekonferenz nicht verfolgt, denn wir saßen alle zusammen in einer Tagung des Zentralkomitees, wo im Laufe des Tages der Reisebeschluss gefasst worden war. Ich hatte Schabowski jenes Papier gegeben, auf das er sich dann bezog. Es war also kein Zettel der CIA oder des KGB oder eines anderen Geheimdienstes – es war eine Pressemitteilung, für deren Veröffentlichung eine Sperrfrist bis zum nächsten Morgen galt. Schabowski sollte lediglich unsere Absicht erläutern.

Hat er gemacht …

… nein, eben nicht.   Die vorzeitige Bekanntgabe des Termins führte in jener Nacht, als noch nötige Vorbereitungen für die Grenzöffnung getroffen werden mussten, zu einer äußerst gefährlichen Lage. Dank der Besonnenheit unserer Grenzer, die meinen schon früher gegebenen Befehl zur Nichtanwendung der Schusswaffe strikt befolgten, kam es zu keiner Eskalation mit unübersehbaren Folgen. Das waren Stunden, die einem lebenslang in den Adern sitzen.

Wie meinen Sie das?

Können Sie sich vorstellen, was in einem vorgeht, wenn das ganze Lebenswerk in Gefahr ist? Da kann man nicht wie eine Maschine nachbeten, was man alles an dem Tag gemacht hat. Mich hatte in der Mittagszeit der damalige SPD-Vize-Vorsitzende Johannes Rau in einem vertraulichen Gespräch gefragt, was wir nun mit dem Reisen machen. Ich dachte mir: „Wenn Du dem jetzt sagst, wir reden gleich im ZK darüber, dann ruft der Willy Brandt an, und die DDR-Bürger erfahren die Neuigkeit über den Westen.“ Das wollte ich nicht. Ich wollte, dass die DDR-Bürger das von uns erfahren.

Das kam dann anders.

Ja, aber nicht ganz anders.

Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Egon Krenz

… wird 1937 in Kolberg, Pommern, geboren. 1944 flüchtet seine Mutter mit ihm nach Damgarten. 1955 tritt er der SED bei. Von 1963 bis 1967 studiert er an der Parteihochschule der KPdSU in Moskau.

… steigt schnell in der Partei auf, war lange Erster Sekretär des Zentralrates der FDJ, seit 1983 Mitglied des Politbüros. Nach dem Sturz von Erich Honecker am 18. Oktober 1989 wird Krenz SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzender.

… steht in den Neunzigerjahren in den Mauerschützenprozessen vor Gericht. Im Januar 2000 tritt er eine sechsjährige Haftstrafe an. Nach vier Jahren wird er entlassen.

Wie sahen Sie dann am Abend des 9. November die Lage an der Grenze?

Dort waren die Grenztruppen zuständig. Ich versuchte, mich mit Verteidigungsminister Heinz Kessler abzustimmen. Aber ich erreichte ihn nicht – es gab ja noch keine Handys – denn er war unterwegs von Berlin nach Strausberg. Ich hatte kaum aufgelegt, da rief Staatssicherheitsminister Mielke wieder an und fragte, was wir denn nun machen. Da habe ich gesagt: „Wir wollen ja ohnehin morgen die Grenzübergänge öffnen, wir werden ja nicht noch einen Zusammenstoß mit der Bevölkerung auslösen.“

Gab es Alternativen?

Geschichte ist nie alternativlos. Das wird heute meist vergessen. Wir hatten ja immer engen Kontakt mit den sowjetischen Genossen im Oberkommando in Wünsdorf. Die hatten uns den ganzen Herbst hindurch darauf hingewiesen, dass es einen Freundschafts- und Beistandspakt zwischen der DDR und der UdSSR gab. Die DDR war Mitglied im Warschauer Vertrag. Realität war: Die Sowjetunion stand in der Verantwortung, der DDR zu helfen, wenn sie darum ersucht worden wäre.

Wie hätte das ausgesehen?

Die Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland hatte alles Recht der Welt, das Vierseitige Abkommen zu verteidigen.

Also militärisch.

Die Reaktion in Moskau war anders: Am Morgen des 10. November rief Botschafter Kotschemassow an und sagte, man sei in Moskau äußerst beunruhigt über die Entwicklungen an der Grenze. Er sagte: „Wir waren dafür, dass die Grenzübergänge zwischen der DDR und der BRD geöffnet werden – nicht aber die Grenze in Berlin. Das ist eine Angelegenheit der Alliierten. Ihr wart nicht berechtigt, diese Grenze zu öffnen.“ Ich sagte ihm, eine andere Reaktion hätte zu einem Blutbad führen können. Er bat mich, Gorbatschow eine Information schicken. Das haben wir getan. Nach etwa zwei Stunden rief Kotschemassow wieder an und sagte: „Michail Gorbatschow beglückwünscht Sie und Ihre Genossen, dass Sie auch die Grenzübergänge in Berlin geöffnet haben.“ Können Sie sich vorstellen, was da in meinem Kopf ablief? Innerhalb von zwei Stunden aus der Hauptstadt unseres Verbündeten zwei so widersprüchliche Signale. Da fragte ich mich, wer in Moskau noch das Sagen hat. Ist das Gorbatschow? Sein Apparat? Die Staatssicherheit, die Armee?

Als Sie sich gegen militärische Mittel entschieden, gab es da Leute, die Sie zu etwas anderem gedrängt haben?

Nein. Aber mir ging durch den Kopf: Was passiert, wenn eine belanglose Rempelei in einer so großen Menschenmenge im Chaos endet und sogar Menschen sterben? Nur ein Toter, nur ein Verletzter, nur ein Tropfen Blut in jener Nacht – das hätte eine Katastrophe geben können. Und was, wenn einer provoziert? Provokateure verschiedener Art waren denkbar – bei uns, aber auch in West-Berlin, dem Hauptsitz der internationalen Geheimdienste.

Haben Sie an dem Abend erwogen, zur Bornholmer Straße zu fahren?

Nein. Das war ein Fehler. Wenn ich mich dort hätte sehen lassen, wäre das ein Zeichen für unseren festen Willen zur dauerhaften Grenzöffnung und für die Grenzer eine moralische Hilfe gewesen – aber ich konnte mein Büro nicht verlassen. Es gab dermaßen viele Fragen zu klären. Zum Beispiel schlug mir Alexander Schalck-Golodkowski, mein Beauftragter für Verhandlungen mit der Bundesregierung, vor, nach Warschau zu fliegen, wo Kohl gerade war, eine gemeinsame Pressekonferenz zu machen und die Grenzöffnung als gemeinsamen Beschluss auszugeben. Dazu war ich damals nicht bereit. Ich konnte weder den polnischen Präsidenten Jaruzelski vor vollendete Tatsachen stellen noch Gorbatschow.

Aber ein solcher Auftritt hätte das Bild geändert.

Als ich später vor Gericht stand, war Egon Bahr ein prominenter Zeuge, und der hat dort gesagt: Hätten Egon Krenz und Helmut Kohl die Grenzöffnung als gemeinsame Aktion ausgegeben, säße Krenz nicht auf der Anklagebank, sondern wäre Träger des Großen Verdienstordens.

Gab es Dank dafür, dass Sie das Blutvergießen mit verhindert haben?

Was heißt Dank. Ich habe über solche Kategorien nie nachgedacht. Als handelnder Politiker hat man immer viel abzuwägen. Aber an diesem Abend war mein Entscheidungsspielraum sehr eng: Entweder wir machen das Ding mit Hilfe der sowjetischen Freunde zu, oder wir lassen den Dingen freien Lauf.

Hat Ihnen Kohl gedankt?

Wir haben am 11. November telefoniert. Er hat sich bedankt für die Öffnung der Grenzen. Vom „Fall der Mauer“ war keine Rede. Zuvor hatte Gorbatschow Kohl in einer Botschaft vor einer chaotischen Situation gewarnt, wenn der Kanzler die DDR destabilisieren würde. Kohl teilte Gorbatschow mit, dass er sich mit mir treffen wolle.

Wann ist Ihnen klar geworden, dass Sie mit Ihrer Entscheidung die Kontrolle aus der Hand gaben?

Ich war davon ausgegangen, dass es vor 1961 zwölf Jahre lang ein Berlin ohne Mauer gegeben hatte. Das war zwar für die DDR ökonomisch äußerst nachteilig, aber ich hielt die DDR 1989 für stärker als 1950/60. Mir war noch nicht klar, dass Gorbatschow hinter unserem Rücken bereits mit dem Westen über uns verhandelte.

Sie wurden rechtskräftig wegen der Schüsse an der Mauer zu einer Haftstrafe verurteilt. Wurde damit Rechtsfrieden hergestellt?

Kommt darauf an, mit wem sie darüber sprechen im Osten oder im Westen. In meiner Verteidigung habe ich versucht aufzuklären, was die DDR war, welchen Charakter ihre Grenze hatte. Manche, die sich damit nicht beschäftigt haben, reden über die DDR wie ein Blinder über die Farbe. Dass die Gesellschaft auch in der DDR gespalten war, ist ja kein Geheimnis. Im heutigen Deutschland hat die Spaltung eine neue, widerliche Spielart, den beklagenswerten Zulauf zur AfD.

Erschreckt Sie das?

Sehr. Hinzu kommt die Haltung der CDU zu Bodo Ramelow beziehungsweise den Linken in Thüringen – da heißt es ernsthaft, man könne mit einem, der die DDR nicht einen „Unrechtsstaat“ nennen will, nicht zusammenarbeiten. Ich frage mich, was für diese Leute das Wichtigste ist: Abgrenzung gegen linke Demokraten oder der gemeinsame Kampf gegen einen aufkeimenden Faschismus? Nicht das Erbe der DDR ist für Deutschland eine Gefahr, aber Nazis und Neonazis sind es.

Wie hängt das zusammen?

Die Theorie von den zwei Diktaturen besagt, dass für die Ostdeutschen eben die rote nahtlos auf die braune Verzwergung gefolgt sei. Das ist eine ungeheure Beleidigung von Millionen DDR-Bürgern. Die DDR-Gründer hatten eine antifaschistische Grundhaltung. Dieses Erbe soll der DDR nicht zuerkannt werden.

Die CDU Berlin will nicht einmal eine gemeinsame Resolution zum Mauerfallgedenken mit den Linken unterschreiben.

Die Linke ist vielleicht juristisch die Nachfolgepartei der SED, aber sie steht in keiner Weise in der Nachfolge des Programms der SED. Wäre sie das, wäre ich bestimmt da drin. Sonst hätte man mich ja nicht ausgeschlossen.

Sie sprachen von der antifaschistischen Grundhaltung – heute hat man eher den Eindruck einer unter den Wähler verbreiteten faschistischen Grundhaltung.

Nein, nein, das ist viel zu einfach. Zunächst, damit ich nicht missverstanden werde: Es gibt keine Kränkung der Ostdeutschen, die groß genug wäre, um AfD zu wählen. Dass die AfD heute relativ groß ist, liegt am Versagen aller im Bundestag vertretenen demokratischen Parteien. Ich habe seit dem Erscheinen meines jüngsten Buches 26 Veranstaltungen gehabt und mit ganz unterschiedlichen Leuten geredet, auch AfD-Wählern. Die sagen, dass sie deren Programm gar nicht kennen, sondern den etablierten Parteien einfach nur einen Denkzettel geben wollen, weil es so wie bisher nicht weitergehen dürfe. Ich selbst habe ja auch manchmal den Eindruck, wir werden von Laienspielern regiert: Wie kann es sein, dass in einer weltpolitischen Frage die Verteidigungsministerin eine SMS an den Außenminister schickt und eine Sache in die Welt setzen will, die in der Regierung nicht besprochen ist. Viele Leute sehen auch, wenn beispielsweise Frau Merkel im Bundestag nach einer Regierungserklärung zum Handy greift. Für den Außenstehenden interessiert sie gar nicht, was die anderen sagen. Es wird überhaupt zu wenig zugehört, und das geht vielen Ostdeutschen gegen den Strich.

Wenn Sie die Zeit 88/89 mit der heutigen vergleichen, sehen Sie Parallelen? Wir erleben ja große Umwälzungen.

Ich würde das nicht gleichsetzen, die Bedingungen sind ja doch ganz unterschiedlich. Aber die Ratlosigkeit, in der wir in der Endphase der DDR gesteckt haben, die steckt auch in der heutigen Politik.

Hat die Tatsache, dass Angela Merkel eine Ostdeutsche ist, Bedeutung dafür, wie sie arbeitet, lebt und dieses Land regiert?

Ich möchte nicht in ihrer Haut stecken. Politik zu machen ist heute auf andere Weise schwer, und alle, die sie verdammen, werden vielleicht noch einmal an günstigere Zeit denken, als sie Kanzlerin war. Die Entscheidung, die sie im Zusammenhang mit den Flüchtlingen getroffen hat, hätte ich genauso getroffen. Das ist eine humanistische Frage. In der DDR hätten wir das aber ideologisch und politisch anders vorbereitet. Wir hätten die Gemeinden bei der Meisterung der Aufgabe nicht so allein gelassen. Im übrigen glaube ich, die erstklassige Ausbildung, die sie an den Schulen und Universitäten der DDR erhalten hat, wird ihr beim Regieren schon geholfen haben.

Haben Sie darüber nachgedacht, selber wieder in die Politik zu gehen?

Nein. Ich hätte es nicht mit meiner Überzeugung in Übereinstimmung bringen können, erst dem Staat DDR zu dienen und dann der Bundesrepublik Deutschland.

Andere haben das hinbekommen.

Das muss jeder mit sich ausmachen.

Was hat es für Sie bedeutet, dem Staat DDR zu dienen?

Als meine Mutter mit mir 1947 bei meiner Halbschwester in Westerland/Sylt war, meinte sie, wir fahren lieber wieder nach Damgarten. Hier auf Sylt regieren ja noch die Nazis. Dieser Satz hat mich damals sehr beschäftigt und letztlich dazu beigetragen, dass ich mir eine antifaschistische Gesinnung erarbeitete. Sie war die Ursache dafür, dass ich mich schon als Kind für die DDR entschied. Als die DDR gegründet wurde, war ich zwölf Jahre alt. Sie war von Anfang an mein Staat. Ihr habe ich bis zuletzt meine Kraft gegeben. Im Politbüro war ich der einzige mit reiner DDR-Biografie, hatte weder die Klassenkämpfe der Weimarer Republik noch bewusst den Faschismus erlebt. Dafür aber in der DDR alle Leitungsebenen vom Gruppenrat bis zum Staatsrat durchlaufen. Viele meiner politischen Haltungen waren eben erstritten. Vielleicht war gerade das ein Vorzug der frühen DDR-Jahre und hat mich immun gemacht gegen Karrierismus.

Hatten Sie manchmal Angst vor dem eigenen Volk, vor Leuten, die zehn, 15 Jahre zuvor noch dem Nationalsozialismus angehangen hatten?

Vor dem Volk hatte ich schon deshalb keine Angst, weil ich in meinem Heimatort Damgarten niemandem begegnete, der alles infrage stellte. Was würden Sie wohl denken, wenn das letzte Staatsoberhaupt sich nach dem Ende der DDR auf dem Absatz umgedreht und das Gegenteil von dem gesagt hätte, wofür er zu DDR-Zeiten stand?

Da würde man sich wundern …

… und sagen, so ein charakterloser Mensch sei ja der beste Beweis, dass die DDR ein Unrechtsstaat war.

Sie beklagten 1989 in einem Interview mit Fritz Pleitgen den gönnerhaften Umgang mit Ihnen. War da vorgezeichnet, was DDR-Bürger in den folgenden 30 Jahren erleben sollten?

Ja. Eigentlich wollte ich damals das Interview nach zehn Minuten abbrechen. Die Fragen empfand ich ziemlich unverschämt. Herr Pleitgen hätte damals ähnliche Fragen nie dem Bundeskanzler gestellt. Die Arroganz der DDR gegenüber setzte sich in den Folgejahren in vielen Medien fort. Zwar gibt es heute, 30 Jahre später, kaum noch eine Talkshow, in der Journalisten nicht bedauern, was da an ideologisch motivierten Unsinn über die DDR verbreitet worden ist. Häufig reden aber Westdeutsche darüber, ob den Ostdeutschen Gerechtigkeit widerfahren ist oder nicht. Seltener ist man im Gespräch mit den Ostdeutschen. Es wird zu viel über sie geredet, nicht mit ihnen. Das beklagen viele.

Empfinden Sie angesichts der Entwicklungen seit der Wiedervereinigung an manchen Stellen auch Dankbarkeit oder Respekt?

Ich bin doch kein Ignorant. Rein äußerlich konnte man das zum Beispiel über die Sanierungsarbeiten in den Städten, vor allem bei der Erhaltung der Altbausubstanz, sagen. Das Äußere hat aber seinen inneren Haken. Nehmen wir das Beispiel Stalinallee, heute Karl-Marx-Allee. Dort wurden für die damalige Zeit wunderschöne Wohnungen gebaut. Es zogen vor allem Arbeiter ein, die die Häuser mit aufgebaut hatten. Deren Nachkommen, die da heute noch wohnen, überlegen, ob sie sich die hohen Mieten noch leisten können. Da haben Dankbarkeit und Respekt dann doch ihren Widerhaken.

Gibt es nichts aus den 30 Jahren, von dem man sagen könnte, schön, dass es so gekommen ist?

Doch. Für mich ist das größte Glück der deutschen Einheit, dass die Deutschen nicht mehr Angst haben müssen, gegeneinander Krieg führen zu müssen.

Das ist ja eine große Sache.

Ja, aber darüber redet heute keiner. In der Zeit des Kalten Krieges bestand tatsächlich die Gefahr, dass die Deutschen Krieg gegeneinander führen. In vierzig DDR-Jahren hat aber nicht ein NVA-Soldat zu Kampfeinsätzen seinen Fuß auf fremdes Territorium gesetzt. Seit es die DDR wie die Sowjetunion nicht mehr gibt, wurden Kriege in Europa wieder führbar, auch mit deutscher Beteiligung.

Gibt es kleinere Sachen, die Ihnen am Westen gefallen und andere, die Sie vermissen?

Ich freue mich, wie gesagt, dass die Stadtzentren wieder aufgebaut sind, ärgere mich aber zugleich darüber, wie dort die Mieten steigen. Ich freue mich über die Errungenschaften der Medizin, über die gut ausgestatteten Apotheken. Aber der DDR-Bürger weiß auch, dass er früher in der Apotheke nichts zuzahlen musste. Ich sage nicht, die DDR sei das Paradies gewesen, ich betrachte sie schon differenziert. Das erwarte ich aber auch von den DDR-Kritikern.

Wo sehen Sie in dieser Hinsicht krasse Fehlbeurteilungen?

Nur ein Beispiel: Ich versuchte, drei Bundespräsidenten bestimmte geschichtsrelevante Tatsachen nahezubringen. Aber die werden nicht zur Kenntnis genommen. Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat behauptet, Gorbatschow habe befohlen, dass die Sowjetsoldaten auf dem Territorium der DDR in der Kaserne bleiben, obwohl DDR-Sicherheitskräfte um ein Ausrücken gebeten hätten. Das Gegenteil ist der Fall. In jenen Tagen standen traditionelle Herbstmanöver der sowjetischen Truppen an. Deren Stationierungsorte lagen auch bei Halle, Leipzig, Magdeburg… Wenn die mit ihren Panzern auf die Übungsplätze gefahren wären, hätte das falsch verstanden werden können. Deshalb haben wir die sowjetischen Freunde gebeten, in diesem Herbst in den Kasernen zu bleiben und keine Manöver durchzuführen. Sie haben gehandelt wie wir es vorgeschlagen hatten.

Dann erzählte Altbundespräsident Horst Köhler, in und vor Leipzig hätten am 9. Oktober 1989 Panzer gestanden, die Bezirkspolizei habe den Befehl gehabt, rücksichtslos zu schießen, Leichensäcke seien bereitgestellt worden, Chirurgen seien zum Dienst bestellt worden. Ich habe ihm geschrieben, dass das nachweislich nicht stimmt. Eine Korrektur erfolgte nicht. Bevor Bundespräsident Steinmeier am diesjährigen 9. Oktober wieder in Leipzig reden sollte, habe ich ihm in einem Brief geschrieben, dass die Behauptungen über den 9. Oktober unwahr sind. Der aktuelle Bundespräsident hat in seiner Rede dennoch gesagt: „Die Geschichte   wäre anders verlaufen, hätte Gorbatschow die SED-Führung nicht zur Zurückhaltung gemahnt.“ Das ist mir völlig neu.   So eine Aufforderung aus dem Kreml haben wir nie erhalten. Sie war auch nicht notwendig.

Wieso?

Wir hatten bereits am 8. Oktober 1989 beschlossen, dass es keine Gewalt geben wird. Der letzte Satz meiner Wende-Erklärung für das Politbüro besagte: Politisch entstandene Probleme werden politisch gelöst, nicht mit Gewalt. Und am 3. November erging der eindeutige Befehl, der den Einsatz von Schusswaffen gegen Demonstranten auch im Grenzgebiet grundsätzlich verbot.

Ärgert Sie, dass Sie die Grenzen nicht früher geöffnet haben?

Im Nachhinein wäre das einfach zu bejahen. Aber diese Grenze war ja keine innerdeutsche, sondern die Außengrenze des Warschauer Vertrages, die erste Verteidigungslinie der Sowjetarmee, eine Wirtschaftsgrenze zwischen Europäischer Gemeinschaft und RGW und schließlich eine Systemgrenze. Sie war die bestbewachte Grenze der Welt, und zwar von beiden Seiten. Es war zwar unsere Grenze, aber eben nicht nur. Inzwischen gehöre ich zu denen, die sagen, wir hätten uns für freies Reisen früher entscheiden müssen, spätestens 1987 nach dem Besuch Erich Honeckers in der Bundesrepublik.

Was soll über Sie in den Geschichtsbücher stehen?

Möglichst die Wahrheit. Und dabei in der komplizierten Gemengelage von gutem Willen, Errungenschaft und Fehl. Aber gerade günstige Erinnerung ist noch immer reichlicher Häme ausgesetzt. In meinen Veranstaltungen erlebe ich allzu oft die Verärgerung von Leuten, die sich gern an ihr Leben in der DDR erinnern und dafür als „Ostalgiker“ belächelt werden. Ist denn ein Westdeutscher, der achtungsvoll über sein Leben spricht, ein Westalgiker? Das westliche Geschichtsbild von der DDR muss sich ehrlich machen. Sonst wird es noch Generationen dauern, bis wirklich zusammenwächst, was zusammen gehört.

Was wünschen Sie sich für Deutschland im Jahr 2029?

Ich wünsche mir ein friedliches Deutschland. Der Frieden ist ja in Gefahr. Ich wünsche mir ein gerechtes Deutschland. Ich wünschte mir, das dieses Deutschland nicht so gespalten ist wie jetzt. Wenn 76 Prozent unzufrieden damit sind, wie die deutsche Einheit gelaufen ist, dann muss man ja sagen, dass das bisherige Konzept der deutschen Einheit gescheitert ist. Ich wünschte mir, dass sich das ändert. Deutschland als Staat ist zusammengefügt worden, aber mental gespalten. Ich wünsche mir ein Deutschland, das gute Beziehungen zu Russland hat, aus geschichtlichen und aus aktuellen Gründen. Es ist ja kein Zufall, dass Ostdeutsche anders über Russland denken als Westdeutsche. Und ich wünschte mir bessere Beziehungen zu China. Bei allem, was da kritikwürdig ist, ich glaube, dass dort die Zukunft entsteht.