Hillary Clinton reiste zur Vorstellung der Dokumentation über sie nach Berlin.
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BerlinEs ist eine Dokumentation über eine der ungewöhnlichsten, umstrittensten und umtriebigsten Frauen unserer Zeit. Gerade wurde die vierteilige Doku „Hillary“ auf der Berlinale vorgestellt – und dazu reiste die frühere First Lady und Ex-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton höchstpersönlich an. Und war so offen wie noch nie.

In der Doku gibt sie Antwort auf jede Frage, die Regisseurin Nanette Burstein ihr stellt, ob zu privaten Liebeserklärungen oder der Lewinsky-Affäre. Wir hatten dann auch noch ein paar Fragen an sie.

Mrs. Clinton, Sie sind eine Frau, die polarisiert. Einmal zitieren Sie ironisch die Bemerkung der „ehrgeizigen Yuppie-Frau aus der Hölle“. War all die Kritik nur verletzend oder sogar manchmal unterhaltsam?

Manche Vorwürfe waren so absurd, dass ich darüber lachen musste. Oft kam ich mir vor wie bei der „Versteckten Kamera“. Ich habe Storys über mich gehört, die einfach nur lächerlich und irrwitzig sind.

So etwas wie Pizzagate, die Verschwörungstheorie, dass die Ehepaare Clinton und Obama zu einem Kinderpornoring gehören, der sich in einer Pizzeria tarnt?

Zum Beispiel. Diese erfundenen Geschichten sind ja nicht nur irre, sie richten auch schrecklichen Schaden an. Der Mörder von Hanau berief sich in seinem wirren Manifest auf genau diese Verschwörungstheorie. Es gibt tatsächlich Menschen, die das glauben, das ist ja das Gefährliche daran. Natürlich finde ich das Ganze absurd, aber es beunruhigt mich auch gewaltig.

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Zur Person

Hillary Diane Rodham Clinton wurde 1947 in Chicago, Illinois geboren. Sie war als Ehefrau Bill Clintons, mit dem sie seit 1975 verheiratet ist, von 1993 bis 2001 First Lady der Vereinigten Staaten. Von 2009 bis 2013 war die Demokratin Außenministerin der Vereinigten Staaten in der Regierung von Präsident Barack Obama.
Die vierteilige Film-Dokumentation „Hillary“ (USA 2020, Regie: Nanette Burstein) ist bei den Bezahlsendern Sky Q und Sky Ticket per Abruf verfügbar.

Was hat Sie von den Angriffen, Attacken und Niederlagen wirklich getroffen?

Dass das Projekt der allgemeinen Krankenversicherung scheiterte. In Europa ist es völlig normal, krankenversichert zu sein, aber in Amerika gibt es Menschen, die ihre Arztrechnungen selbst bezahlen müssen. Ich glaube, dass mein Plan für ein Krankenversicherungssystem funktioniert hätte. Da meine Kontrahenten den Plan nicht zu Fall bringen konnten, haben sie versucht, mich persönlich zu zerstören.

Nicht nur einzelne Bürger haben versucht, Sie mit Verschwörungstheorien zu Fall zu bringen. Es waren ja ganze politische Systeme involviert.

Sie spielen auf Wladimir Putin und die amerikanische Präsidentenwahl 2016 an. Dazu will ich folgendes sagen: Der russische Präsident wusste genau, wofür ich mich einsetzen würde. Er wollte mich bezwingen und hat dazu beigetragen, dass ich die Wahl verliere. Bei der kommenden Wahl mischt er sich wieder in unser politisches System ein. Er hilft Donald Trump, schließlich ist es für ihn ein Traum, eine Figur im Weißen Haus zu haben, der ihn bei seinen Vorhaben unterstützt. Ich versuche, mich nicht zu sehr über diese Machenschaften aufzuregen, aber es gelingt mir nicht gut.

Lange vor dem Aufkommen von Social Media wurde in Amerika massiv Stimmung gegen Sie gemacht. Wann ging das los?

Als mein Mann für die Präsidentschaft kandidierte. Bis dahin hatte ich noch ein ziemlich normales Leben. Ich habe mich für viele soziale Zwecke engagiert, aber ich war noch nicht die Hassfigur, die ich jetzt für so viele Menschen bin. Als mein Mann kandidierte, dachten die Republikaner, dass sie nie wieder eine Wahl verlieren würden. Nach zwei Legislaturperioden von Richard Nixon, einer Zwischenepisode des Demokraten Jimmy Carter und dann zwölf Jahren Ronald Reagan und George Bush waren alle Republikaner geschockt, als Bill die Wahl gewonnen hat. Es ist eine erstaunliche Geschichte, wie sehr sich Interessengruppen aus Wirtschaft und Religion für die Republikaner eingesetzt hatten. Als mein Mann die Wahl gewann, war er also einer starken Opposition ausgesetzt.

Warum wurden Sie an seiner Seite zur Zielscheibe?

Weil ich mich damals schon für das Gesundheitswesen eingesetzt hatte. Das waren gut organisierte Angriffe auf uns. Konservative, rechtsgerichtete Medien und Radiosender haben Stimmung gegen mich gemacht und die Leute aufgefordert, gegen mich zu protestieren. Die Meinungsmache gegen mich war immer schon gut organisiert und hatte ein klares Ziel. Als ich dann für die Präsidentschaft kandidierte, war ich auf der Höhe meiner Popularität, mit 69 Prozent Zustimmung. Die Republikaner setzten alles daran, das zu zerstören. Denken Sie nur an den konstruierten E-Mail-Skandal – also meine Nutzung eines privaten Accounts während meiner Zeit als Außenministerin – und den Vorwurf nach dem Anschlag auf das amerikanische Konsulat im libyschen Bengasi, ich hätte stärkere Sicherheitsvorkehrungen verhindert. All das hat mir geschadet, aber damit hätte ich noch gewinnen können, wenn sich nicht die Russen eingeschaltet hätten.

Und welche Rolle spielte Trump bei Ihrer Niederlage?

Trump ist eine perfekte Marionette, er würde alles für das Establishment tun, also etwa für die großen Pharmafirmen, Versicherungen und Öl-Konzerne. Von denen wurde ich als Bedrohung wahrgenommen. Trump hat überdies ab dem ersten Tag seiner Präsidentschaftskampagne ganz bewusst Ressentiments geschürt, die seine Macht absichern sollten. So machte er den Menschen Angst vor Migranten und Flüchtlingen. Er hat zudem Versprechen abgegeben, von denen er wusste, dass er sie nie halten würde, etwa, dass er eine Mauer bauen würde, für die Mexiko zahlen würde. Er hat den Menschen die Gesundheitsversorgung weggenommen, statt sie zu verbessern. Bei der nächsten Wahl wird es darum gehen, ob seine Wähler verstanden haben, dass sie von ihm vorgeführt und für dumm verkauft wurden.

Sie wurden zuletzt von älteren oder aber sehr jungen Frauen unterstützt, von der Gruppe zwischen 25 und 50 Jahren wurden Sie erstaunlicherweise nicht gewählt. Warum haben diese Frauen Sie bei der Präsidentschaftswahl nicht unterstützt?

Ich weiß es nicht. Ich hatte enormen Rückhalt von so vielen jungen Frauen, ich kann mir nicht ganz erklären, warum ich einige trotzdem nicht erreichen konnte. Es gibt einen interessanten Unterschied zwischen den verschiedenen Generationen. Ich weiß, dass etwas ältere Frauen sich durchaus gefragt haben, ob sie überhaupt eine Frau als Präsidentin haben wollen. Und es gibt die Vermutung, dass die jungen Frauen in der Bevölkerung es inzwischen als so selbstverständlich ansahen, dass eine kompetente Frau Präsidentin werden könnte, dass sie ihre Unterstützung gar nicht für nötig hielten.

Glauben Sie, dass die USA bereit für eine Präsidentin sind?

Ich hoffe es, denn es ist ja auch längst überfällig.

Was ist die Quelle Ihrer Energie, was motiviert Sie?

Wenn man Vorurteile, Extremismus und Diskriminierung bekämpft, wird man immer Gegenwind bekommen. Wenn man jedoch aufgibt und hofft, dass die Probleme sich von alleine lösen, wird es keine Gerechtigkeit geben. Einer der Gründe, warum ich Angela Merkel so bewundere, ist ihre Stärke und ihr Wille, aufzustehen und sich für Europa einzusetzen.

Merkel wird oft tituliert als „Anführerin der freien Welt“. Würden Sie dem zustimmen?

Ich kenne Angela Merkel seit 1993. Ich hatte die große Freude, viel Zeit mit ihr verbringen zu dürfen, während meiner Zeit als Außenministerin. Ich bewundere sie und ihren politischen Erfolg, vor allem ihre erfolgreiche Führung – an der Spitze Deutschlands, aber auch die klare Führung in der Weltpolitik. Aus meiner Sicht hat sie Deutschland sicher und souverän durch wirklich schwierige Zeiten geführt. Das kann man ihr nicht hoch genug anrechnen. Die Weltpolitik wird sie schmerzlich vermissen.

Welchen Rat würden Sie Frau Merkel für die Zeit nach der Kanzlerschaft geben?

Das muss sie selbst wissen. Einen sehr langen Urlaub hat sie sich mehr als verdient.