Grünen-Abgeordnete bei Besetzung in Lützerath: „Unser gemeinsamer Gegner ist RWE“

Kathrin Henneberger wäre es egal, wenn Grünen-Kollegen ihre Aktion ablehnen würden. Wie das Verhältnis zu Fridays for Future sei, müsse sie die „Fridays“ noch fragen.

Aktivisten im Baumhaus: Wie viele Bäume mussten für diese Häuser sterben?
Aktivisten im Baumhaus: Wie viele Bäume mussten für diese Häuser sterben?dpa

In Lützerath ist die Räumung gerade richtig im Gange. Kathrin Henneberger ist vor Ort. Sie ist seit etwas über einem Jahr Bundestagsabgeordnete der Grünen. Für die Aktivsten will sie Ansprechpartner sein. Wir erreichen sie an der Landstraße L277 in Lützerath.

Berliner Zeitung: Frau Henneberger, Sie sind aktuell in Lützerath. Wie sind Sie dorthin gelangt?

Kathrin Henneberger: Zu Fuß.

Ist es das erste Mal, dass Sie bei einer solchen Besetzung dabei sind?

Nein. Als parlamentarische Beobachterin war ich schon bei anderen Räumungen.

Wieso sind Sie nach Lützerath gefahren?

Ich bin die Bundestagsabgeordnete der Region hier am Tagebau Garzweiler. Ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass Lützerath erhalten bleibt, genauso wie die anderen Dörfer. Wir haben es geschafft, zu erstreiten, dass fünf Dörfer und Höfe erhalten bleiben und dadurch ungefähr 500 Menschen ihr Zuhause nicht verlieren. Ich möchte, dass auch Lützerath erhalten bleibt. Ich bin sehr oft hier unterwegs und deshalb bin ich auch seit Beginn der Räumung vor Ort.

Wie ist die Lage vor Ort? Haben Sie Übergriffe der Sicherheitskräfte auf Protestierende erlebt? Oder Angriffe auf Sicherheitskräfte?

Jetzt aktuell baut die Polizei einen Zaun um Lützerath. Heute Morgen ging es etwas ruppig los, als die Polizei dann das Dorf gestürmt und die Kontrolle über das Gelände übernommen hat. Aber es sind weiterhin sehr viele Aktivist:innen in Baumhäusern. Auch die Bauernhäuser des Dorfes werden weiterhin besetzt. Hier auf der Straße stehen sehr viele Tri- und Monopods (hohe Strukturen aus Holz oder Bambus, Anm. d. Red.), die auch noch besetzt sind. Die Polizei hat angefangen, auch sie zu räumen.

Verläuft das alles friedlich?

Es gab mehrere Ereignisse, wo ich gesehen habe, dass Aktivist:innen geschubst und auf den Boden geworfen worden sind. Bei einer Räumung gab es einen Zwischenfall, wo eine Person für einen Moment keine Luft bekam, weil sie gedrückt worden ist. Natürlich kommt es beständig zu solchen Zwischenfällen. So sind halt Räumungen.

„Es ist hier immer was zu tun“

Kommt man als Aktivist denn jetzt überhaupt noch nach Lützerath, wenn alles abgesperrt wird?

Am Samstag findet eine Demonstration vor Lützerath statt. Wer kommen mag, der soll sehr gern kommen. Es ist hier immer was zu tun.

Was wollen Sie mit Ihrer Anwesenheit konkret erreichen?

Parlamentarische Beobachtung ist ein Job, wo wir vermitteln und verhandeln. Zum einen beobachten wir, weil Einsätze später auch aufgearbeitet werden müssen im Parlament. Das Zweite ist aber, ansprechbar für die Aktivisten zu sein. Gerade wird beispielsweise verhandelt, wie Demo-Sanitäter:innen uneingeschränkt Zugang in Lützerath bekommen.

Das heißt, dass durch Ihre Anwesenheit der Ablauf vor Ort gemanagt wird, aber auch, dass Sie damit die Proteste weiterhin ermöglichen wollen?

Auch das wäre mir ein großes Anliegen, ja. Dass die Demo am Samstag ohne Einschränkungen stattfinden kann.

Fakt ist: Die Räumung wurde von einer schwarz-grünen Landesregierung durchgesetzt. Gibt es an der Haltung der Grünen vor Ort Kritik? Oder nehmen Sie Verständnis für die Entscheidung der Grünen in Land und Bund wahr?

(seufzt). Wie soll ich das sagen? Ich habe mich immer für den Erhalt von Lützerath eingesetzt, mache das auch weiterhin und ich möchte, dass die Kohle hier unter dem Dorf bleibt und dass das Dorf erhalten bleibt.

Haben Fraktionskollegen im Bundestag ein Problem damit, dass Sie in Lützerath protestieren?

Wenn das so wäre, würde es mich nicht interessieren, denn das ist meine Region, das ist die Region, die ich im Bundestag vertrete. Aber ich kann das ehrlich beantworten: Nein, haben sie nicht.

Probleme unter den Grünen?

Aber Sie protestieren gegen die Abstimmungen Ihrer eigenen Partei. Ist das nicht eher schädlich als hilfreich?

Die Grüne Partei ist eine Partei, die immer noch etwas anders ist; mit sehr vielen unterschiedlichen Meinungen. Wir respektieren unsere unterschiedlichen Meinungen, weil das ist Demokratie. Außerdem ist es sehr wichtig, dass wir unterschiedliche Perspektiven haben. Deswegen gibt es da auch keine Probleme.

Gibt es unter den Grünen viele Befürworter Ihres Vorgehens?

Wir führen natürlich viele Diskussionen. Was für mich einfach sehr zentral wichtig ist, ist, dass wir eine sehr starke Klimagerechtigkeitsbewegung brauchen, weil die Gegner so übermächtig sind. Wenn wir es schaffen, gemeinsam zu handeln, dann können wir auch Großes erreichen. Das sieht man auch daran, dass jetzt in Bearbeitung steht, dass fünf Dörfer erhalten werden. Der Streit um Kohle ist noch lange nicht vorbei. Hinter Lützerath ist eine Landstraße und diese Landstraße müssen wir auch noch verteidigen.

Warum?

Die Landstraße ist auch bedroht. Sie verbindet Dörfer und soll im nächsten Sommer gesperrt werden, weil der Kohlekonzern auch dort durchbaggern möchte. Deswegen ist der Streit um Kohle hier in der Region noch lange nicht vorbei. Der kristallisiert sich gerade bei Lützerath, aber der wird weitergehen.

Die Grünen selbst stehen in der Kritik, weil sie die Vereinbarung mit RWE, Lützerath im Gegenzug für einen früheren Kohleausstieg abzubaggern, akzeptiert haben. Sie lehnen diesen Kompromiss offenbar ab?

Es ist ja nicht so, dass ich das erste Mal hier bin, ich bin ständig hier. Als Bundestagsabgeordnete ist es auch sehr wichtig, mit den Menschen in der Region zu sprechen, auch mit zivilgesellschaftlichen Bündnissen. Unser gemeinsamer Gegner ist der Kohlekonzern RWE, der eine unglaubliche Übermacht hat und nicht bereit war, einen Weg der Deeskalation zu gehen. RWE war nicht bereit, einzugestehen, dass die Kohle unter Lützerath nicht mehr gebraucht wird, dass dieses Dorf stehen bleiben kann. Der Kohlekonzern gefährdet den sozialen Frieden der Region und gleichzeitig das globale Klima. Wenn die Kohle unter Lützerath verfeuert wird, gibt es die hohe Chance, dass wir unsere Klimaziele nicht erreichen. Und deswegen ist es so wichtig, dass Menschen sich hier vor Ort weiterhin engagieren. Es geht darum, dass die Tagebaue geschlossen werden und dass die Kohlkraftwerke abgeschaltet werden, damit wir nicht weiter in die Klimakrise rasen.

Es gibt bereits Risse im Verhältnis von Grünen und Fridays for Future. Droht Ihrer Meinung nach der Bruch zwischen der Klimabewegung und Ihrer Partei? Sind Sie vor Ort, um dem entgegenzuwirken?

Ich bin hier einfach vor Ort sehr busy. Ich glaube, ich muss mal die Fridays fragen.

Fühlen Sie selbst sich bei den Grünen angesichts der Haltung zu Lützerath, noch richtig aufgehoben?

Mich bekommt man nicht so einfach geräumt (lacht).

Glauben Sie, es bräuchte eine neue Klimapartei, so in der Art: Wir haben die Grüne als Umweltpartei und wir brauchen noch eine Klimapartei für solche Räumungsgeschichten?

Ich glaube, alle Menschen müssen endlich die Dringlichkeit der Klimakrise verstehen und alle Parteien, wie auch alle Konzerne, müssen ihr Handeln danach ausrichten. Man kann so viele neue Parteien gründen, wie man möchte. Was aber wichtig ist: Dass alle endlich mal die wissenschaftlichen Erkenntnisse verstehen und ihr Handeln danach ausrichten.