Frau Wetzel, der Überfall auf den Berliner Rabbiner geht mutmaßlich auf das Konto arabischer Jugendlicher. War das ein Einzelfall, oder sehen Sie eine neue Qualität des Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen in Deutschland?

Vereinzelte Überfälle hat es zuvor auch schon gegeben. Das ist nicht neu. Antisemitismus unter Jugendlichen mit arabischem oder türkischem Hintergrund beobachten wir mit Aufkommen der zweiten Intifada vor zwölf Jahren. Die Jugendlichen stellen sich auf die Seite der Palästinenser als vermeintliche Opfer der Israelis und nutzen dann auch alte Stereotype aus dem Kanon der antisemitischen Ressentiments. Eine neue Qualität ist vielleicht, dass der Rabbiner nicht nur beschimpft, sondern verprügelt wurde. Aber ich warne davor, dass es jetzt wieder heißt, das sind immer die bösen Muslime. Es gibt diese Einzelfälle, und es gibt diesen sicher relativ weit verbreiteten Antisemitismus unter türkisch-arabischstämmigen Jugendlichen, der sich aus dem Nahostkonflikt nährt. Das heißt nicht, dass man diese Fälle nicht sehr genau untersuchen muss und im Sinne einer Präventionsarbeit an den Schulen solche Themen aufgreift. Aber 90 Prozent aller antisemitischen Gewalt- und Straftaten in Deutschland kommen nach wie vor aus dem rechtsextremen Spektrum.

Woher kommt dieses Feindbild bei den muslimischen Jugendlichen?

Zum einen über die Familie, ganz entscheidend sind aber auch die Medien. Wir haben zum Beispiel in Berlin eine große palästinensische Community, die Kontakte zu Verwandten in den besetzten Gebieten hat. Meist sind es anti-israelische Stereotype, die sehr schnell unterfüttert werden mit klassischen antisemitischen Vorurteilen. Im Satellitenfernsehen werden zudem Sendungen und Filme gezeigt, die extrem antisemitisch sind. Ein typisches Beispiel ist der Spielfilm „Sarahs blaue Augen“, in dem ein palästinensisches Mädchen im Auftrag eines israelischen Offiziers entführt wird, der für sein blindes Kind neue Augen haben möchte, oder der beliebte Kinofilm „Tal der Wölfe“. Über solche Filme, die zum Teil Kultfilme unter Jugendlichen geworden sind, werden natürlich Stereotype und Hetze verbreitet. Wichtig ist, dass manche dieser antijüdischen Klischees der muslimischen Jugendlichen wie auch der Rechtsextremen durchaus auch Anschluss finden bei der Mehrheitsgesellschaft. Das merkt man vor allem beim Nahostkonflikt. Da wird dann der Holocaust mit der Politik Israels gleichgesetzt.

Mehreren Untersuchungen zufolge sind 20 Prozent der Bevölkerung latent antisemitisch. Was macht Menschen heute noch dafür anfällig?

Juden sind der klassische Sündenbock, vor allem in Zeiten der Krise. Viele sagen ja, wenn der Nahostkonflikt beigelegt ist, dann wird es keinen Antisemitismus mehr geben. Das stimmt nicht. Der Antisemitismus nutzt den Nahostkonflikt nur als Plattform, um gerade in Deutschland klassische antisemitische Stereotype trotzdem äußern zu können. Es spielt keine Rolle, wie viele Juden in einem Land leben. In Deutschland leben 110 000 bis 120 000 Juden. In Polen sind es viel weniger, trotzdem ist der Antisemitismus dort extrem hoch.

Antisemitismus wird es also immer geben?

Davon bin ich überzeugt. Die Umfragen der letzten 30 Jahre ergeben einen kontinuierlichen Antisemitismus von 15 bis 20 Prozent. Ich denke, das ist der Bodensatz, mit dem wir wohl leben müssen. Wichtig ist, dass wir sehr viel stärker versuchen, die aktuellen Formen des Antisemitismus im Unterricht zu behandeln. Der Besuch einer Gedenkstätte oder die Einladung eines Holocaust-Überlebenden ist nicht die beste Reaktion auf einen antisemitischen Vorfall in der Schule. Da werden Juden wieder zu Opfern gemacht, der Nahostkonflikt wird überhaupt nicht berührt. Lehrer lernen in ihrer Ausbildung zwar etwas zum Holocaust, aber nicht, was es heute heißt, antisemitische Stereotype zu verwenden, und was da alles über das Internet verbreitet wird. Das müsste dringend geändert werden. In Zeiten der leeren Kassen finden außerdem die wenigsten Projekte eine Ko-Finanzierung. Da müsste eine gewisse Kontinuität reinkommen, um die Erkenntnisse, die man gewonnen hat, auch einbringen zu können.

Das Gespräch führte Mira Gajevic.