Erst Ende Oktober ist der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny, 41, nach einer Arreststrafe wieder einmal aus der Haft entlassen worden. Doch egal, welche Steine ihm von den Behörden in den Weg gelegt werden: Er hält daran fest, als Kandidat zu den Präsidentschaftswahlen im März anzutreten.

Herr Nawalny, Sie wollen gegen Präsident Wladimir Putin antreten. Aber was tun Sie, wenn sie erst gar nicht als Kandidaten zugelassen werden? Wie sieht Ihr Plan B aus?

Wir haben keinen Plan B, wir haben nur einen Plan A. Wenn du in der russischen Politik mit einem Plan B kommst, heißt das, dass du bei erster Gelegenheit zurückweichen wirst. Ich gehe davon aus, dass ich vollkommen berechtigt bin, an diesen Wahlen teilzunehmen. Wenn man mich, den Hauptkonkurrenten, nicht zu den Wahlen zulassen will, dann sind das keine Wahlen mehr. Wir werden sie boykottieren und alle zum Boykott aufrufen. Und ich bin sicher, viele werden auf uns hören.

So oder so gilt ein Wahlsieg Putins als sicher? Seine Umfrageergebnisse liegen bei 86 Prozent.

Diese 86 Prozent zeugen nur vom Fehlen jeder politischen Konkurrenz. In der Sowjetunion hatte die Kommunistische Partei eine Unterstützung von 99 Prozent. In autoritären Systemen sind alle statistischen Dienste völlig bedeutungslos. Vor den Bürgermeisterwahlen in Moskau 2013 prognostizierten sie mir auch nur ein Prozent, am Ende holte ich fast 30, und das praktisch ohne Geld.

Sie machen seit Monaten Wahlkampf, legen jedes Wochenende tausende Kilometer zurück, um in zwei oder drei Provinzstädten aufzutreten, Ihre Kundgebungen werden verboten, Sie festgenommen, man wirft ihnen Chemikalien ins Gesicht. Warum tun Sie sich das an? Was ist ihr Ziel?

Die Antwort ist sehr einfach: Ich glaube an das, was ich tue. Und ich werde dabei von den Leuten unterstützt. Ich habe die Stiftung gegen Korruption gegründet, eine nichtkommerzielle Organisation, die unabhängig vom Staat ist. Die Leute finanzieren sie, ihnen gefällt, was ich tue, mir gefällt es auch.

Wie stehen Sie ihren Marathon auf Kundgebungsplätzen und Polizeiwachen, in Flugzeugen und S-Bahnen durch. Haben Sie einen besonderen Trick für diese Ausdauer?

Nein, ich nehme weder mythische noch nicht mythische Aufputschmittel. Jetzt fahren wir nach Smolensk, 300.000 Einwohner. Ich weiß nicht, ob die Kundgebung groß sein wird oder klein, aber ich bin sicher, die Leute, die kommen, stehen hinter mir. Lebendige Menschen, solche Leute warten in Smolensk genauso auf mich wie im ostsibirischen Kemerowo. Sie freuen sich, wenn ich komme, 170.000 Freiwillige haben sich bei uns eingeschrieben. Wovon kann ein Politiker noch träumen?

Ihr Biograf Konstantin Woronkow zitiert Sie mit der politisch wenig korrekten Äußerung, der Hass auf Putins Gefolge gehöre zu Ihren Hauptmotivationen.

Das ist richtig. Ich hasse die Gauner im Kreml wirklich. Und die korrupte Familie des Generalstaatsanwaltes Juri Tschaika hasse ich so stark, dass ich meine Zeit damit verbringe, an die Schweizer Staatsanwaltschaft zu schreiben. Und dann ich hasse ich die Schweizer Staatsanwaltschaft, weil sie nichts unternimmt.

In der Opposition wird diskutiert, ob Putins Autoritarismus schon in Faschismus übergeht.

Das ist eine Übertreibung. Zweifelsohne ist Russland ein sehr autoritärer Staat, der das Rechtssystem und die Massenmedien völlig unter seine Kontrolle gebracht hat. Aber Russland ist nicht faschistisch, wir erleben ja keine Massenhinrichtungen.

Viele Oppositionelle werfen ihnen vor, Sie seien zu rechts. Berüchtigt ist vor allem der Videoclip, in dem Sie demonstrieren, wie man Insekten mit einer Fliegenklatsche erledigt und einen Islamisten mit einer Pistole.

Das war ein Clip über Waffen. Ich gehöre wirklich zu den Politikern in Russland, die dafür sind, dass in unserem Land der Besitz von Faustfeuerwaffen erlaubt wird. Das Video sieht etwas naiv aus für das Jahr 2017. Aber im Grunde stehe ich hinter allem, was ich in dem Video tue.

Es gibt auch Befürchtungen, Sie wollten als Präsident noch mehr Macht anhäufen als Putin.

Nein. Die Vollmachten des Präsidenten müssen sehr stark eingeschränkt werden, das ist der Hauptpunkt meines politischen Programms. Wenn so viel Macht auf einem Schreibtisch konzentriert ist, führt das unausweichlich dazu, dass der Mann dahinter anfängt, sie zu missbrauchen. Außerdem ist das Land riesig, das kann ein Mann allein nicht kommandieren, ihm fehlt einfach die Zeit, um vernünftig zu regieren.

Wenn Russlands Nationalmannschaft spielt, fühlen Sie sich da eher als ein Regimekritiker oder als Patriot?

Ich gehöre bestimmt nicht zu den Leuten, die ihren Hass gegen Putins System auf jeden Auftritt unserer Sportler oder Künstler übertragen. Russland und sein Volk sind etwas viel Größeres als Putin. Deshalb zittere ich mit unseren Sportlern mit.