Herr Hofreiter, die Grünen haben Nein gesagt zum Syrien-Einsatz der Bundeswehr. Macht es sich Ihre Partei da nicht allzu gemütlich?

Wir haben Nein gesagt zum Syrien-Einsatz der Bundeswehr, gleichzeitig aber festgehalten, dass Isis auch militärisch bekämpft werden muss. Besiegt werden kann er nur politisch. Ein Einsatz, bei dem weder das Ziel noch die Verbündeten klar sind, kann am Ende nicht zum Erfolg führen.

Seite an Seite mit Assad zu kämpfen, der Fassbomben auf die eigene Bevölkerung werfen lässt und für 75 Prozent der Toten verantwortlich ist, ist doch irre. Seit dem 11. September 2001 wird der sogenannte „War on Terror“ geführt. Die Ergebnisse sind extrem bescheiden. Deshalb muss man genau hinschauen, ob die Wiederholung der immer gleichen Methoden wirklich zum Ziel führt.

Aber Zuschauen ist auch keine Lösung, oder?

Krieg führen ohne Strategie ist keine Lösung. Die New York Times hat geschrieben: Gegen Isis zu kämpfen ist eine Sache, Isis zu schlagen eine ganz andere. Entscheidend ist eine Strategie. Und dazu brauchen wir in Deutschland unter anderem eine Stärkung des diplomatischen Dienstes.

Wieso das?

Wir sind konfrontiert mit einer Vielzahl von parallel laufenden Krisen. Deshalb halte ich es für dringend notwendig, dass der diplomatische Dienst ausgebaut wird. Deutschland hat zirka 230 Auslandsvertretungen, Frankreich 275. In der Zentralafrikanischen Republik, einem der vergessenen Krisenherde, haben wir seit 1997 keine Auslandsvertretung mehr. So kann auch keine Krisenprävention stattfinden. Wir müssen den diplomatischen Dienst ausbauen und stärken. Und wir brauchen bei der Vielzahl paralleler Krisen einen echten Vize-Außenminister. Der oder diejenige müsste, anders als die Staatsminister im Auswärtigen Amt jetzt, mit eigenem politischen Gewicht und Standing ausgestattet und weisungsbefugt sein, um den Außenminister vollwertig zu vertreten.

Er müsste Prokura haben.

Ja, genau. Selbst ein guter Außenminister kann bei all den Krisenherden nicht an allen Orten gleichzeitig sein und nur an einer Krisensitzung selbst teilnehmen. Mir hat ein Mitarbeiter des Auswärtigen Amts zur Hochzeit der Ukraine-Krise gesagt: Wir sind ein Ukraine-Ministerium geworden. Das ist bei der politischen Bedeutung, die Deutschland mittlerweile hat, einfach nicht mehr zeitgemäß. Wenn wir mehr politische Verantwortung übernehmen, dann auch richtig und modern – mit Krisenprävention, mit ziviler Konfliktbearbeitung und mit ausreichend diplomatischen Kapazitäten.

Überall mit am Tisch zu sitzen, würde aber auch bedeuten, generell mehr Verantwortung zu übernehmen, notfalls militärisch.

Wir sind ja auch nicht prinzipiell der Meinung, dass man nie militärisch eingreifen sollte. In Mali, wo es einen Friedensprozess, eine starke zivile Komponente, einen Wiederaufbau des Staates und ein UN-Mandat als Ausdruck einer gemeinsamen Strategie gibt, halte ich das für richtig. Auch dann gibt es keine Garantien, aber wenigstens Hoffnung. Nur das Gute zu wollen, genügt nicht. Man muss auch das Gute erreichen. Man darf die Debatte nicht auf das Militärische verengen. Und schließlich ist Außenpolitik heute mehr denn je Entwicklungspolitik und Klimapolitik – und zwar aus purem Eigeninteresse.

Wenn wir Mali stabilisieren wollen, dann dürfen wir nicht gleichzeitig seine Landwirtschaft etwa durch EU-Agrar-Subventionen kaputt machen. Und wenn wir den Temperaturanstieg nicht begrenzen, dann wird es weitere Flüchtlingsbewegungen geben. Auch das sind Aspekte einer modernen Außenpolitik. Im Fall Mali müsste man zum Landwirtschaftsminister doch sagen: „Du darfst unsere Politik nicht konterkarieren.“

Das heißt, der Westen müsste letztlich seinen Wohlstand teilen.

Dem Westen ginge es am Ende selbst besser, wenn mehr Staaten wohlhabend und friedlich wären. Man müsste sich nur auch mit der einen oder anderen Lobby anlegen.

Lesen Sie im nächsten Abschnitt, was der Syrien-Konflik für zukünftige Koalitionen bedeutet.