Seinen ersten Film hat er mit acht Jahren gedreht, auf einer 8mm-Kamera. Seit zwei Jahrzehnten bringt David Fincher nun Spielfilme heraus, bisher neun an der Zahl – was für andere Regisseure wenig wäre, für einen Perfektionisten wie ihn allerdings eher eine Höchstleistung zu sein scheint. Jetzt ist Fincher, 49, mit dem Remake von Stieg Larssons „Verblendung“ in den Kinos präsent: Der Thriller um den Enthüllungsjournalisten Mikael Blomkvist und die Hackerin Lisbeth Salander vereint die liebsten Motive des Filmemachers – die Jagd auf einen Serienmörder und die Auseinandersetzung mit Ängsten und Ausbeutung.

Mr. Fincher, kommt es Ihnen als Filmemacher mehr auf den Inhalt an oder mehr auf den Stil?

Auf den Stil. Natürlich ist mir nicht gleichgültig, was ich verfilme, aber das Wie bedeutet mir mehr. Ich will Filme drehen, die beim Zuschauer Spuren hinterlassen – oder am besten gleich eine Narbe. Belanglose Popcorn-Unterhaltung ist mir ein Graus. Ich weiß noch, wie ich Mitte der Siebzigerjahre Steven Spielbergs „Der weiße Hai“ gesehen habe; seitdem war ich nie mehr im Meer schwimmen. Das ist mein voller Ernst! Der Film geht mir noch heute nach.

Spielberg gilt als sehr souveräner und entspannter Regisseur.

Wofür ich ihn auch bewundere. Aber ich kann das nicht. Für mich ist Filmemachen eine Obsession, die ich mit jeder Faser meines Körpers auslebe. Ich esse, trinke, schlafe Film. Ich muss mir den Stoff regelrecht einverleiben, sonst geht gar nichts. Nur so war es mir möglich, das Remake von „Verblendung“ zu machen, von dem es ja schon eine gute schwedische Originalversion gibt.

Was ist bei Ihrer Version des ersten Teils von Stieg Larssons Millennium-Trilogie anders?

Ich habe mich zwar eng an Larssons Romanvorlage gehalten, die Geschichte aber dann doch sehr komprimiert und auf den Kern reduziert. Und außerdem noch mit einer ganz eigenen, düsteren Atmosphäre aufgeladen. Der Film ist in meinen Augen in erster Linie kein Thriller über einen Serienmörder, sondern das Psychogramm einer sehr ungleichen Beziehung zwischen der 26-jährigen Punkerin Lisbeth Salander und dem fast zwanzig Jahre älteren Journalisten Mikael Blomkvist.

Trotzdem: Sie scheinen ein seltsame Vorliebe für Serienmörder zu haben. Immerhin handelt ein Drittel Ihres Werks genau davon.

Das streite ich auch gar nicht ab. Und es ist mir sehr wohl bewusst, dass man mich in Hollywood als Regisseur für „Verblendung“ nur haben wollte, weil ich schon „Sieben“ und „Zodiac – Die Spur des Killers“ gemacht hatte. Da mache ich mir nichts vor. Aber ich wurde auch genommen, weil ich ein Gefühl für Außenseiter habe. Vor allem Lisbeth Salander wird ja fast wie ein Alien behandelt.

Es überrascht, dass Sie diese ikonographische Rolle Rooney Mara, einer relativ unbekannten Schauspielerin anvertraut haben. Was hat denn Scarlett Johansson beim Casting falsch gemacht?

Nichts.

Sie sagten einmal, dass man bei Scarlett Johansson doch nur darauf warten würde, dass sie ihren nackten Busen zeigt.

Das habe ich so nie gesagt! Die richtigen Schauspieler für meinen Film zu finden, ist für mich jedes Mal ein äußerst schwieriger Prozess. Es ist von entscheidender Bedeutung für das Gelingen des Films. Und bei dieser Rolle – für die viele sehr gute Hollywoodschauspielerinnen vorgesprochen haben – kam noch hinzu, dass jeder, der das Buch kennt, eine genaue Vorstellung davon hat, wie Lisbeth Salander aussehen soll. Das ist fast so wie bei Scarlett O’Hara in „Vom Winde verweht“. Oder bei Jesus Christus oder Batman. Ich habe mich nach langem Zögern für Rooney Mara entschieden, weil sie mich mit ihrer Leidenschaft und Kompromisslosigkeit am ehesten überzeugt hat.

Apropos Kompromisslosigkeit: Stimmt es, dass Sie manchmal einen Take bis zu neunzig Mal wiederholen lassen?

Wenn es sein muss. Den achtminütigen Anfangsdialog zwischen Mark Zuckerberg und seiner Freundin aus „The Social Network“ haben wir fast hundert Mal gedreht. Ich wollte bei diesem verbalen Schlagabtausch aber eine gewisse Flüssigkeit und Nonchalance haben, die schwierig herzustellen war. Deshalb die vielen Takes. Da bin ich tatsächlich kompromisslos. Den Ruf, ein Perfektionist zu sein, muss man sich schließlich erst verdienen.

Daniel Craig meint, Sie seien der einzige Independent-Regisseur in Hollywood, der Hundert-Millionen-Dollar-Filme machen darf.

Die großen Filmstudios wissen genau, wem sie so viel Geld in die Hand geben. Natürlich erwarten sie, dass man einen Film macht, der viel mehr Geld einspielt, als er gekostet hat. Was mich betrifft, geht diese Rechnung manchmal auf, manchmal nicht. Allerdings hasse ich es, wenn man versucht, mir während der Dreharbeiten in meine Arbeit hineinzureden. In meinen Filmen geht es meist um Kontrollverlust und darum, die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Also um archetypische Verhaltensweisen. Das interessiert mich – nicht der schöne Schein.

Ihre künstlerische Integrität mussten Sie oft teuer bezahlen – hat Ihnen doch Tom Cruise, der Sie unbedingt als Regisseur für „Mission: Impossible III“ haben wollte, den Film wieder weggenommen.

Als Cruise das Projekt immer mehr an sich riss, bin ich einfach ausgestiegen. Das ist mir aber schon bei anderen Filmen passiert. Ich hatte auch an „Black Dahlia“ und „Batman Begins“ großes Interesse. Aber wenn man sieht, dass man nicht an einem Strang zieht, sollte man besser die Finger davon lassen. Will man es in Hollywood zu etwas bringen will, darf man nicht ängstlich sein.

Sie haben in zwanzig Jahren neun Filme gedreht. Nicht gerade viel.

Es kommt mir nicht auf die Masse an. Sicher, es hätten ein paar mehr sein können, aber zu denen, die ich gemacht habe, stehe ich nach wie vor. Jeder dieser Filme hat mit mir zu tun, hat einen sehr persönlichen Touch. Das ist mir wichtig. An meinen Filmen kann man sehr genau den jeweiligen Gemütszustand erkennen, in dem ich mich während des Drehens befunden habe.

Ist Filmemachen für Sie auch eine Art Selbsttherapie?

Ja, auf gewisse Weise. Ich habe in allen meinen Filmen versucht, mich mit meinen Urängsten, Alpträumen und Schreckensvisionen auseinanderzusetzen. Und eines meiner großen Lebens-Themen, nämlich Ausbeutung – sei sie sexueller, physischer, psychischer oder religiöser Natur –, wird mich wohl auch weiterhin beschäftigen.

Verletzt es Sie da nicht, wenn man Sie als Kunsthandwerker bezeichnet?

Mittlerweile nicht mehr. Früher, in den Achtzigerjahren, als ich ja noch vor allem Musikvideos und Werbefilme gedreht habe, fand ich das schon etwas abwertend. Denn auch da kann man künstlerisch innovativ sein.

Sie waren, laut eigener Aussage, ein schwermütiges Kind und ein depressiver Teenager. Hat Sie Ihr Beruf davon geheilt?

Das Filmemachen hat mir sicher dabei geholfen, meine Persönlichkeit in eine kreative – und damit positive – Richtung weiterzuentwickeln. Als Busfahrer oder Bankangestellter wäre ich höchstwahrscheinlich langsam, aber sicher vor die Hunde gegangen. Aber ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass ich schon sehr früh eine große Leidenschaft für das Erzählen einer Geschichte in Bildern entwickelt habe. Das gab mir irgendwie Trost und Zuversicht.

Welcher Film hat Sie zum Filmemachen gebracht?

George Roy Hills „Zwei Banditen“. Das war für mich der perfekte Film in puncto Story, Dramaturgie, Besetzung, Locations, Schnitt – einfach allem! Als ich das sah, war in mir die Sehnsucht geweckt, so etwas auch mal machen zu können. Und da war ich gerade sieben Jahre alt. Einige Jahre später kam dann, wie gesagt, „Der weiße Hai“ und Anfang der Achtzigerjahre George Lucas’ „Das Imperium schlägt zurück“. Alles Filme, die sich in meine DNA eingebrannt haben. Lucas kannte ich damals schon. Meine Eltern und er haben eine Zeit lang in derselben Straße in San Francisco gewohnt.

George Lucas hat Sie dann sogar als Kameraassistenten für den letzten Teil seiner „Star-Wars“-Trilogie „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ an Bord geholt.

Eine tolle Erfahrung, die ich für nichts auf der Welt missen möchte. Aber für einen Autodidakten wie mich war es sehr schwer, sich gewissen Zwängen unterzuordnen – seitens des Studios und seitens anderer Regisseure. Ich hatte jedenfalls von Obi-Wan Kenobi & Konsorten die Nase bald gestrichen voll. Ich wollte mein eigener Boss sein.

Hier in Europa wundert man sich schon, warum Sie, mit Ihrer so eigenen Bildsprache, sich für ein Remake entschieden haben. Selbst in den USA lief die schwedische „Millennium-Trilogie“ erst letztes Jahr im Kino.

Sie wurde meist nur in sehr ausgewählten Arthouse-Kinos in den Großstädten gezeigt. Meine Absicht war auch, Stieg Larssons Bücher für den amerikanischen Markt zu erschließen – und zwar in der Version, wie ich sie sehe und interpretiere. Ich finde es absolut elektrisierend, vielleicht das – wenn alles gut geht – erste Franchise für Erwachsene in den USA kreieren zu können. Also etwas, das ganz bewusst über die Harry-Potter-, Vampir- und sogar Bond-Film-Schiene hinausgeht.

Haben Sie das schon Daniel Craig erzählt?

Sicher. Und Daniel stimmt mit mir hundertprozentig überein. Nichts gegen das Bond-Franchise, aber es ist Popcorn-Kino. Unser Film hier ist ab 18. Gerade, weil er Themen wie Gewalt und Sex nicht weichzeichnet oder trivialisiert, sondern roh, hart und mitunter sehr brutal zeigt. Aber nie als Selbstzweck, nie als reiner Schauwert, das ist mir wichtig. Alles, was im Film zu sehen ist, hat eine zwingend dramaturgische Stringenz.

Wie bereiten Sie sich als Regisseur auf explizite Sex-Szenen vor?

Auf Sex-Szenen kann man sich nicht wirklich vorbereiten – außer damit, dass man Vertrauen aufbaut. Daniel Craig und Rooney Mara haben viele „Trockenübungen“ durchlaufen, bevor sie zum ersten Mal nackt waren und wir schließlich mit dem Filmen begonnen haben. Das größte Hindernis beim Drehen dieser Sequenzen war dann aber nicht etwa die Zurschaustellung von Nacktheit, sondern die schneidende Kälte. Wir haben, der authentischen Atmosphäre wegen, große Teile des Films im Winter in Schweden gedreht. Manchmal haben Daniel und Rooney dermaßen mit den Zähnen geklappert, dass ich den Tontechniker fragte, ob das Sound-System kaputt sei. Das war wirklich hart. Aber da muss man durch.

Sollte „Verblendung“ ein Erfolg an der Kinokasse werden …

… dann bekommen wir sicher grünes Licht für die beiden weiteren Teile der Trilogie. Ich würde sie wahnsinnig gerne machen. Und Daniel und Rooney haben natürlich auch schon ihr Okay gegeben.

Damit wären Sie die nächsten drei bis vier Jahre an einen Stoff gebunden.

Und wenn schon! Vielleicht machen wir aus dem dritten Buch sogar zwei Filme. Es ist ja ziemlich dick. Mit einem solchen Stoff, einem so versierten Drehbuchschreiber wie Steve Zaillian, solch fantastischen Schauspielern bin ich gerne die nächsten Jahre involviert. Aber ich habe ja noch ein anderes Projekt in der Pipeline: den Jules-Verne-Klassiker „20 000 Meilen unter dem Meer“. Zurzeit bin ich in einer sehr kreativen Phase, von der aus ich mich in alle Richtungen weiterentwickeln kann.

Sie sagten einmal: „Filme beendet man nicht, man gibt sie auf.“

Das ist leider die Wahrheit. An „Verblendung“ habe ich fünf Tage vor der Weltpremiere in London noch gearbeitet. Aber irgendwann muss man notgedrungen loslassen.