Katharina Bennefeld-Kersten, Jahrgang 1947, war Direktorin der Justizvollzugsanstalt in Celle. 1996 wurde sie einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Damals bot sie sich bei einer Geiselnahme in ihrem Gefängnis als Geisel im Austausch gegen eine Sozialarbeiterin an. 2015 veröffentlichte Bennefeld-Kersten gemeinsam mit anderen eine Studie über Selbstmorde in Haftanstalten.

Frau Bennefeld-Kersten, wie oft kommt es in Gefängnissen zu Selbstmorden?

Wir hatten von 2000 bis 2015 insgesamt 1189 Gefangene, die sich getötet haben – und zwar in allen Gefängnissen Deutschlands. Die Zahlen sind sehr unterschiedlich. Aber die Belegung ist ja auch sehr unterschiedlich. Die Belegung der Gefängnisse ist seit 2005 zurückgegangen und damit auch die Suizidraten. Je weniger Leute ich im Knast habe, desto weniger können sich umbringen.

Auch weil man bei weniger Leuten besser kontrollieren kann.

Weil die Bediensteten mehr Zeit haben. Und weil das Potenzial geringer ist. Zugleich haben die Länder in Sachen Suizidprävention viel getan.

Dazu kommen wir noch. Erst noch mal eine andere Frage: Wann ist denn das Risiko bei Häftlingen besonders groß?

Vor allem bei Untersuchungsgefangenen in der ersten Haftzeit. Dann wiederum, wenn sie in einer Einzelzelle untergebracht sind und zur Nacht. Sie werden aus ihrem normalen Umfeld herausgerissen und kommen in eine Reiz-arme Umgebung. Sie können nicht telefonieren. Und sie können mit niemandem reden. Mit den Bediensteten wollen sie erstmal nicht reden, mit den Gefangenen auch nicht. Trotzdem versuchen die Bediensteten, bei der Aufnahme ins Gespräch zu kommen. Aber das ist schwierig.

Und dann kommt es zu einer Kurzschlussreaktion?

Ja, es kommt zu einer Kurzschlussreaktion. Bei den Leuten bricht alles zusammen. Das ist für manche wie ein kleines Erdbeben. Sie können aber nichts machen. Sie können nicht zu ihrem Anwalt gehen. Sie können auch nicht mit ihrer Frau sprechen, die sich vielleicht trennen will. Stattdessen sitzen die Leute da und gucken Löcher in die Luft. Nachts holen einen die Probleme dann noch mehr ein. Die Leute können nicht schlafen. Und es sieht alles noch viel schwärzer aus, als es ohnehin schon ist.

Was geschieht denn an Suizid-Prävention in Gefängnissen?

Üblicherweise gibt es am Tag des Eintreffens ein ausführliches Zugangsgespräch. Wenn Fachleute nicht da sind, also Sozialpädagogen oder Psychologen, macht das der allgemeine Vollzugsdienst. Dabei wird geprüft, ob sie jemanden für suizidgefährdet halten. Anschließend werden entsprechende Maßnahmen ergriffen – entweder regelmäßige Kontrollen oder Zusammenlegung mit anderen Gefangenen. In einigen Ländern ist man dabei, suizidpräventive Räume einzurichten. Da werden die Gefangenen in der Nähe von Bediensteten untergebracht und können so auf eine Art und Weise untergebracht werden, bei der ihre Intimsphäre immer noch gewahrt ist. Auch im Gefängnis müssen wir die Menschenwürde wahren. Das ist oft eine Gratwanderung. Totalüberwachung ist die Härte.

Das heißt, Selbstmorde lassen sich in Gefängnissen nicht hundertprozentig verhindern?

Nein, hundertprozentig lassen sich Selbstmorde weder drinnen noch draußen verhindern. Aber es gibt Suizide, bei denen der Staat in der Verantwortung ist und mit seinen Möglichkeiten alles tun muss, um dem Suizid zu begegnen.

Wann sehen Sie die Verantwortung?

Besonders bei neu aufgenommenen Häftlingen, weil da das Risiko besonders groß ist. Der Staat fängt die Menschen weg. Dann muss er auch dafür sorgen, dass sie das überleben.

Gibt es Leute, die besonders beobachtet werden, etwa weil sie besonders prominent sind?

Ja, Thomas Middelhoff war so ein Fall. Aber generell wird bei einer Gefährdung immer hingeguckt – egal ob jemand prominent oder obdachlos ist. Umso schlimmer ist der Suizidfall von Leipzig für die Anstalt. Denn die Polizei wollte ja noch einiges von ihm wissen. Nun wird da nichts mehr draus. Wir erkennen die Gefahr nicht immer. Das ist das Problem. Wenn man jemanden nicht kennt, dann fällt auch nicht auf, dass er besonders miesepetrig ist. Dann denkt man, der ist immer so.

Sie sagten, die Lage habe sich in den letzten Jahren geändert. Was genau hat sich geändert?

Die Haltung der Aufnahmeabteilungen und die Fortbildung von Bediensteten. Die Anstalten insgesamt haben Suizide zum Thema gemacht.

Was sagen Sie nun zu dem Fall von Leipzig?

Dazu kann ich nichts sagen, weil ich den Fall nicht kenne.

Und was sollte jetzt passieren? Halten Sie eine besondere Untersuchung für nötig?

Das läuft automatisch. Wenn ein Suizid geschieht, wird geguckt, wie konnte das geschehen. Da mache ich mir gar keine Sorgen.

Das Gespräch führte Markus Decker.

K. Bennefeld-Kersten, J. Lohner, W. Pecher (Hrsg.): Frei Tod? Selbst Mord? Bilanz Suizid? Wenn Gefangene sich das Leben nehmen, Pabst Science Publishers, 368 Seiten, 35 Euro.