Berlin - Herr Lindner, ein Jahr nach dem Start der großen Koalition haben Union und SPD ihr Umfragewerte gehalten, die FDP schafft kaum die Hälfte. Was haben Sie falsch gemacht?

Christian Lindner: Es ist wie im Fußball. Wir haben die FDP nach ihrem Abstieg in die Zweite Liga übernommen. Für den Aufstieg 2017 haben wir unsere klassische Haltung wiedergefunden: Wir setzen auf starke Wirtschaft, beste Bildung und Respekt vor der Vielfalt in unserem Land.

Seltsam, die große Koalition macht die Politik, die Sie ihr unterstellen – sozialdemokratisch, mit Hang zum Geld verteilen. Trotzdem findet ihre Kritik wenig Gehör.

Lindner: Wir sind Anhänger der Pressefreiheit. Natürlich würde ich mehr mir Platz für unsere Positionen wünschen. Entscheiden müssen aber Sie, welche Argumente Sie präsentieren.

Wenigstens Angela Merkel wundert sich, dass viele die FDP abschreiben.

Lindner: Es geht doch nicht um die FDP als Partei, sondern um eine Idee. Im Bundestag fehlt eine Stimme für wirtschaftliche Freiheit und gegen Bürokratie, für die Freude an Chancen und für Bürgerrechte. Keiner denkt trotz staatlicher Rekordeinnahmen und Niedrigzinsen daran, dass die Bürger eine Belastungsgrenze haben. Alle Parteien wollen dem Soli eine Ewigkeitsgarantie verpassen – wie die Sektsteuer von Kaiser Wilhelm.

Das formulieren Sie schön drastisch. Aber fantasievolle Kampagnen gegen diese Politik gibt es nicht.

Lindner: Warten Sie mal ab. Wir werden aber seriös bleiben. Ihre Fragen zeigen einen bemerkenswerten Wandel. Vor einem Jahr bin ich gefragt worden: Warum ist die FDP noch nötig? Heute fragen Sie: Wie findet die FDP wieder Gehör?

Sie betonen ihre Seriosität. Aber wenn ich an Wahlkämpfe denke mit dem Satz „Keine Sau braucht die FDP“ oder die Hamburger Kandidatin Frau Suding als der richtige Mann präsentiert wird...

Lindner: Das wollen Sie doch nicht in einen Topf werfen.

Beides sind verzweifelte Versuche, originell zu sein.

Lindner: Nein, in Zeiten der Frauenquote ist da eine Botschaft. Katja Suding wurde lange als die hübsche Frau der FDP abgetan. Mit dem Klischee spielen wir, denn sie hat ja bewiesen, dass sie ein ganzer Kerl ist. Der FDP liegt die Weltoffenheit und wirtschaftliche Stärke Hamburgs am Herzen, die man gegen grüne Bremser und die aus ehemaligen Schill-Leuten bestehende AfD verteidigen muss.

Aber der ganze Kerl hat in den Umfragen ganze zwei Prozent.

Lindner: So habe ich 2012 meinen Wahlkampf auch begonnen. Liberale lieben Herausforderungen. Sichere Karrieren gibt es bei uns keine, aber dafür das gute Gefühl einer inneren Unabhängigkeit.

Brauchen Sie keine neuen Kanäle um die Menschen zu erreichen?

Lindner: Schon, aber mir ist der Inhalt wichtiger als die Verpackung. In Dresden gehen Menschen auf die Straßen, um vor der Islamisierung des Abendlandes zu warnen, …

… die AfD findet das gut.

Lindner: Die Angst von Pegida vor angeblicher Islamisierung ist absurd. Ich fordere eine republikanische Kultur, in der Religion keine politische Kategorie ist. Wer die Werte des Grundgesetzes akzeptiert, der hat Respekt verdient. An welchen Gott man auch glaubt. Unsere innere Liberalität ist in Gefahr, wenn man Flüchtlingen in Not ihr Recht auf Asyl abspricht.

Müssten sie nicht versuchen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen?

Lindner: Ängste nehme ich ernst, ich würde nicht pauschal von „Nazis in Nadelstreifen“ sprechen. Wer unbestreitbare Integrationsprobleme in Deutschland leugnet, treibt die Menschen in die Arme von konzeptlosen Populisten. Die Lösung liegt aber nicht in Abschottung und Ressentiments, sondern in mehr Bildung und damit besserer Integration. Und gegen die Mikro-Gruppe der Salafisten unter den Muslimen muss der Rechtsstaat genauso wehrhaft sein wie gegen Neonazis oder Linksextreme. Ansonsten sollten wir in Zuwanderung einen Gewinn sehen. Wir brauchen sogar ein Zuwanderungsrecht nach kanadischem Vorbild, um die besten Bewerber auszuwählen. Es fehlen Hunderttausende von Fachkräften in den kommenden Jahren.

Damit ist vor Jahren schon Innenminister Otto Schily gescheitert...

Lindner: Und weil einmal eine grundlegende Reform nicht durchgesetzt werden konnte, versuchen wir nur noch das kleine Karo? Nein, Deutschland sollte sich wieder große Lösungen zutrauen.

Innerparteilich haben sie einen „Zukunftsdialog“ begonnen.

Lindner: Ja, denn Liberalismus hat nichts mit dem Streben nach Einkommen zu tun. Er ist eher wie das Gefühl, als man in die erste eigene Wohnung gezogen ist: Die Freude an der Unabhängigkeit und die Lust, die eigene Zukunft anzupacken.

Und dieses Gefühl soll in ein neues Grundsatzprogramm hinein.

Lindner: Wir werden eine Art Manifest verfassen. Die FDP war für Veränderung und Fortschritt offen. Wir leben jedoch in einer Zeit, die geprägt ist von Sicherheitsdenken, Besitzstandswahrung und Neid.

Das hat schon Ihr Amtsvorvorgänger Guido Westerwelle behauptet.

Lindner: Und er hatte Recht. Dann kam die Agenda 2010, die gerade zurückgedreht wird. Wenn Merkel und Gabriel das fortsetzen, sind wir bald wieder so verkrustet wie am Ende der Regierung von Helmut Kohl – mit einem Unterschied: Damals hat der Bundesrat blockiert, der von der SPD unter Oskar Lafontaine geführt war. Heute blockiert die Regierung sich selbst.