Seine Stimme klingt nach respektvoller Distanz und schlägt dann um in in begeisterte Neugier. Für die BBC-Dokumentation „Unsere Erde 2“ hat Günther Jauch den Sessel des souveränen Fragestellers verlassen, um den Wundern der Natur zu einer Stimme zu verhelfen. Deutschlands beliebtester TV-Unterhalter hat sich für den faszinierenden Naturfilm ganz auf eine dienende Rolle als unsichtbarer Sprecher beschränkt. In einem Berliner Hotel stand der eher interviewscheue Moderator einen Tag lang für Gespräche zur Verfügung. Gut gelaunt und auskunftsfreudig.

Herr Jauch, Sie haben sich, bedingt durch die Synchronisationsarbeiten zum Film, „Unsere Erde 2“ sehr oft angesehen. Was beeindruckt Sie nachhaltig?

Das ist ein Film, aus dem man staunend herausgeht , und so etwas passiert einem ja nicht mehr sehr oft im Leben. Man ist fasziniert, was es für Tiere gibt, wie sie sich bewegen und was sie in genau 24 Stunden machen. Ich dachte, ich kenne das alles, aber ich habe noch nie gesehen, wie gerade geschlüpfte Echsen von Dutzenden von Nattern verfolgt werden. Ich habe noch nie einen Bullenkampf unter Giraffen erlebt oder mitbekommen, wie Wale schlafen. Ich wusste nicht, dass es eine Konkurrenz zwischen Kolibris und Bienen gibt, die durch einen Regentropfen entschieden werden kann, weil er die Biene völlig aus dem Konzept bringt. Das alles sind Dinge, die einen wirklich staunen lassen. Ich bin schon als Kind mit den Filmen von Bernhard Grzimek und Heinz Sielmanns „Expeditionen ins Tierreich“ aufgewachsen. Das hat mich seinerzeit enorm fasziniert, aber wenn man sieht, mit welch technischem Aufwand ein Naturfilm heute gemacht wird, dann verblüfft mich das noch immer. Als Fernsehmensch fragt man sich sofort: Wie haben die das gemacht? Als Kinobesucher kann man einfach nur genießen. Es reicht, sich faszinieren zu lassen und irgendwie beseelt aus dem Film zu kommen.

Sie leihen einem Film ihre Stimme, der zunächst als Bilderrausch wahrgenommen wird. Wie findet man dazu die passenden Worte? Haben Sie selbst am Manuskript mitgeschrieben?

Das Wichtigste bei der Arbeit am Text war, sich zu beschränken. Es gibt Sprechpausen von bis zu drei Minuten in dem Film. Es ging uns darum, die Bilder nur dort zu unterstützen, wo es nötig schien. Und wir haben versucht, platte Moralisierungen zu vermeiden.

Die Originalstimme stammt von Robert Redford, die deutsche Stimme in Teil 1 von Ulrich Tukur. Haben Sie sich an den Vorbildern orientiert?

Robert Redford hatte ich mit seiner Originalstimme gar nicht im Ohr, wir kennen ihn ja eher durch die deutsche Synchronisation. Aber ich muss sagen, dass der eine tolle Stimme hat und es Spaß macht, ihm zuzuhören. Es wäre aber falsch und auch gar nicht möglich, ihn einfach zu kopieren. Von Teil 1, den Ulrich Tukur gesprochen hat, habe ich mir nur die Bilder angesehen, weil ich durch seine Interpretation nicht beeinflusst werden wollte.

Sie befinden sich als Sprecher in Konkurrenz zu den Bildern, aber auch zur Musik. Wie sind sie vorgegangen?

Ja, es ist tatsächlich ein Dreiklang. Das Faszinierendste sind die Bilder, die Musik ist wichtig, weil sie dem Film eine enorme Wucht und Dynamik verleiht. In der Reihenfolge der Gestaltungselemente erhält der Sprecher nur die Bronzemedaille.

Ihr Kommentar hat philosophische Anklänge, manchmal erinnern Sie aber auch an einen Biologielehrer. Was wollten Sie vermitteln?

Das Wichtigste war, dass die Bilder etwas von dem besonderen Wert der Natur vermitteln. Die Fähigkeit der Natur scheint ja da darin zu bestehen, alles in einer wunderbaren Balance zu halten. Und man sollte beim Betrachten des Films von ganz allein darauf kommen, dass es nur der Mensch ist, der diese Balance durcheinanderbringt und tatsächlich auch stört. Die unausgesprochene Botschaft des Films ist wertvoller als jedes Abschlusskommuniqué einer Greenpeace-Konferenz. In dem Film kommt der Mensch nur ganz am Rande vor und außer von mir wird tatsächlich von niemandem auch nur ein Wort gesprochen.

Welche Rolle spielt dabei die einzigartige Tradition der BBC für Dokumentarfilme?

Zwischen dem ersten und zweiten Teil von „Unsere Erde“ liegen zehn Jahre. Das ist eine andere Taktung als bei „Fack ju Göthe 1, 2, 3“, und daran lässt sich auch eine besondere Ernsthaftigkeit ablesen, mit der man an die Vorbereitung eines solchen Films gegangen ist. Und wenn Sie dann erfahren, dass allein für eine kleine Szene mit einer Springmaus 31 Drehtage veranschlagt worden sind oder dass die Anreise zu der Pinguin-Kolonie allein 7 Tage gedauert hat, dann sind das unvorstellbare Dimensionen für eine Fernsehproduktion. Ein „Tatort“ umfasst durchschnittlich etwa 18 Drehtage. Man kann sich kaum vorstellen, welche persönlichen Opfer die Filmteams auf sich genommen haben, um solche Bilder einzufangen. Aus dem Material, das für den Film gedreht worden ist, könnte man mehr als 12.000 DVDs anfertigen.

Das heißt, es wird auch eine Mehrfachverwertung geben?

Es gibt den Film wohl auch in einer 6-Stunden-Fassung, aber wie genau die Verwertungsketten einer solchen Produktion sind, entzieht sich meiner Kenntnis.

Wenn man etwas seiner Stimme leiht, dann hat das auch eine politische Dimension. Welche hat der Film für Sie?

Was mir am besten gefällt, ist die Tatsache, dass er nicht mit dem Holzhammer daherkommt. Der Film öffnet die Augen für die Vielfalt und Schönheit der Natur. Gleichzeitig gelingt es, ein Empfinden dafür auszulösen, dass diese Natur etwas Fragiles und Schützenswertes ist. Der Mensch kommt im Film nicht vor, aber es kommt auf ihn an, diese Balance zu erhalten.

Sie gelten ja als der Moderator, dem die Deutschen vertrauen. Nicht wenige halten Sie für einen geeigneten Bundespräsidenten. Schmeichelt Ihnen das oder macht es Ihnen auch Angst?

Das spielt für mich keine allzu große Rolle. Wir haben eine großartige Verfassung, die vorsieht, dass der Bundespräsident nicht direkt gewählt wird, und damit ist die Frage, glaube ich, erledigt. Was die allgemeine politische Verantwortung betrifft, geht der Weg ins Parlament nun mal über die Parteien. Abgesehen davon, dass ich mit der einen oder anderen Partei von Haus aus meine Schwierigkeiten habe, gehören Kompromissbereitschaft oder Parteidisziplin nicht gerade zu meinen hervorstechenden Tugenden. Obwohl ich ein politisch interessierter Mensch bin, stellt sich für mich die Frage einer politischen Karriere nicht.

Sie moderieren seit 19 Jahren die Sendung „Wer wird Millionär“. Geht das ewig so weiter?

Für eine Unterhaltungssendung bei einem Privatsender ist das tatsächlich eine methusalemische Dimension. Ich habe, seit es die Sendung gibt, mit RTL einen wunderbaren Handschlagvertrag. Das bedeutet: Jeder kann jederzeit sagen, wann die Zeit gekommen ist.

Gibt es andere Fernsehformate, die sie noch reizen würden?

Ganz ehrlich, ich sehe nicht die Sehnsuchtssendung, die ich unbedingt noch machen müsste. Über ein Projekt wie „Unsere Erde“ kann ich mich wirklich freuen. Es hat mich vor neue Herausforderungen gestellt, und ich bin dankbar dafür, die Gelegenheit bekommen zu haben. Zu einem früheren Zeitpunkt hätte ich das zeitlich gar nicht geschafft. Und ich scheine ohnehin der Typ für die langlebigen Formate zu sein. „Wer wird Millionär“ läuft seit 19 Jahren, das Sportstudio habe ich 10 Jahre moderiert, die Champions-League 15 Jahre, die Vierschanzentournee lief auch 10 Jahre, Stern-TV habe ich sogar 21 Jahre moderiert. Und mein kleines Weingut habe ich auch schon seit acht Jahren. Man kann also nicht sagen, dass ich hektisch oder besonders kurzatmig wäre.