Berlin - Der Islamwissenschaftler und Politologe Michael Lüders verfolgt seit Jahrzehnten Politik und Gesellschaft im Orient. In seinem aktuellen Bestseller „Wer den Wind sät“ beschreibt er, wie die Eingriffe des Westens immer wieder Gewalt und Chaos hervorbrachten – wozu er den Aufstieg des Islamischen Staates (IS) nach dem Golfkrieg 2003 zählt. Auch die aktuelle Reaktion Europas auf die Pariser Anschläge sieht er in dieser Reihe.

Herr Lüders, nach allem, was Sie über die Denke des IS wissen: Wird er sich mit Anschlägen in Deutschland rächen, wenn die Bundeswehr in Syrien und Irak mitmischt?

Das ist zu befürchten. Zwar ist ein großer Vorteil, dass Deutschland keine Banlieues hat wie Frankreich: Vorstädte mit Hunderttausenden, die völlig ausgeschlossen sind von sozialer Teilhabe und jeder gesellschaftlichen Perspektive. Darum gibt es hier nicht diese Rückzugsräume für IS-Terroristen, in die selbst die Polizei kaum Einblick hat. Darum sind Anschläge wie in Paris da leichter vorzubereiten, und der IS sucht und findet da leicht Rekruten. Aber in dem Maße, wie sich Deutschland mehr und mehr militärisch engagiert, wird es auch vermehrt ein Anschlagsziel für den IS.

Wähnt sich also die IS-Führung in Syrien in einem Krieg mit allen westlichen Staaten, die den IS dort bombardieren – und sieht die örtlichen Terroristen als seine Soldaten?

Nein. Man darf sich nicht von den Bildern martialischer, vollbärtiger Gotteskrieger täuschen lassen, die im IS-Gebiet die Leute köpfen. Das sind die Bodentruppen des IS, die das blutige Geschäft verrichten. Auch der berüchtigte Kalif Baghdadi ist nur die Gallionsfigur. Die Masterminds sind die sunnitischen Ex-Generäle des gestürzten irakischen Machthabers Saddam Hussein. Das sind kühl kalkulierende Strategen, die ihren Machtverlust in der Region wettmachen wollen.

Die Sunniten hatten seit osmanischer Zeit das Sagen im Irak – das beendete der Sturz von Saddam durch die US-geführte Koalition 2003. Für diese Demütigung wollen sie sich rächen. Ihr Operationsziel bleiben Irak und Syrien. Aber sie wollen die Mächte, die sie geschwächt haben, nun ihrerseits schwächen – und wissen eben, wie man das erreicht.

Klare Ziele des IS

Nur durch Terrorangst?

Nein, dahinter stecken zwei klare Ziele: Erstens, den Westen in einen Bodenkrieg in Syrien hineinzuziehen, den er nicht gewinnen kann. Und zweitens, die innenpolitische Lage bei uns zu destabilisieren, indem Rechtspopulisten und Islamisten oder auch verunsicherte Flüchtlinge irgendwann aufeinander losgehen und wir Verhältnisse bekommen wie in den 1920er Jahren in Deutschland. Das sind kluge Köpfe, die zu Saddams Zeiten Kontakt in alle Hauptstädte Europas hatten.

Und die nun Befehle an örtliche Dschihadisten geben?

Vermutlich keine direkten Befehle. Es scheint eher ein Ideenaustausch zu sein, gemeinsames Pläneschmieden. Dafür spricht, dass ein Haupttäter von Paris ja zuvor in Syrien und da gut vernetzt war, sogar mit dem IS kämpfte. Da treffen sich Leute mit ähnlicher Ideologie, die aus verschiedenen Gründen dem Westen den Krieg erklärt haben – und hecken dann offenbar gemeinsam ihre Taten aus.

Was kann man in Syrien tun, um den IS militärisch zu besiegen?

Rein militärisch ist das nicht zu schaffen. Der IS ist zugleich Guerilla-Bewegung, Terrororganisation und Staatsbildungsprojekt. Gegen eine so diffuse Organisation Krieg zu führen, ist schwer. Ich kenne kein Beispiel der jüngeren Geschichte, wo eine reguläre Armee eine Guerilla-Truppe besiegt hätte. Die Erfahrung von USA und Nato in Afghanistan und Irak sollten da zu denken geben – scheinen aber für die derzeitigen Entscheidungen in Paris und Berlin keine Rolle zu spielen.

Im nächsten Abschnitt: Gemeinsamkeiten von Taliban und IS und wieso auch eine große Militärkoalition nicht viel ausrichten kann