Interview mit Juliette Binoche: Über ihren neuen Film „So wie du mich willst“

Juliette Binoche ist eine Ikone des internationalen Films – und dennoch kein unnahbares Leinwandwesen. Zum Gespräch über ihren neuen Film „So wie du mich willst“ (Kinostart: 8. August) kommt die Französin in schlichter schwarzer Hose und roter Bluse, mit kurzen, unlackierten Fingernägeln. Im Film spielt die 55-Jährige eine Frau, die sich mit einem verjüngten Internet-Profil in eine virtuelle Affäre stürzt.

Madame Binoche, sind Sie schon mal auf eine falsche Online-Identität hereingefallen?

Wenn Sie wüssten, wie oft ich dubiose Mails von reichen Prinzen bekomme, die mich bitten, ihnen Geld zu überweisen. Mein Spam-Ordner ist voll davon!

Nutzen Sie Social Media?

Ja, ich liebe Instagram. Mir gefällt es allgemein, Dinge mit anderen zu teilen, ob nun Beobachtungen, Erkenntnisse oder Wissen. Vielleicht bin ich ja auch deshalb Schauspielerin geworden.

Sind Sie vorsichtig mit dem, was Sie posten? Haben Sie ein öffentliches Profil?

Ja, klar, jeder kann mir folgen. Anfangs habe ich schon sehr gut überlegt, was ich posten sollte und was nicht. Inzwischen mache ich mir da keine großen Gedanken mehr.

Wonach entscheiden Sie, was Sie für „postenswert“ halten?

Keine Ahnung! Ich kann Ihnen mein Profil zeigen, aber ich kann mich nicht selbst analysieren. Ich interessiere mich für Politik, also ist das Teil meines Profils. Manchmal produziere ich einfach nur lustige Videos mit verstellter Stimme und stelle die auf Instagram. Schöne Outfits poste ich natürlich auch mal.

Haben unsere Social-Media-Identitäten überhaupt noch mit uns zu tun?

Wenn man sich bei Instagram von seiner besten Seite zeigt, ist das etwas anderes, als mutwillig eine komplette Fake-Identität zu erfinden. Ich nutze Social Media, damit ich Persönliches teilen kann. Das ist authentisch. Meine Filmfigur aber gibt vor, eine 24-Jährige zu sein und ködert mit Lügen einen Lover. Da geht es um das genaue Gegenteil: hinter einer fremden Identität zu verschwinden.

Empfinden Sie Sehnsucht nach dem Gefühl, jung zu sein? Oder schätzen Sie die Vorteile, ein gewisses Alter zu erreichen?

Absolut, man wird mit den Jahren selbstbewusster. Junge Menschen sind oft unsicher, die Angst nicht gut anzukommen, kann riesig sein. Ich will definitiv nicht mehr 20 sein. Wenn man ehrlich mit sich selbst ist, ist die Freiheit, die man im Alter verspürt, so wertvoll, dass man sie nie gegen Jugend eintauschen würde. Ich finde auch, dass die Schönheit des Alters der Schönheit der Jugend vorzuziehen ist. Natürlich, das Gesicht wird älter, Falten tauchen auf, aber man gewinnt Unabhängigkeit, klare Haltungen und Souveränität.

Würden Sie zustimmen, dass Frauen ab einem gewissen Alter praktisch unsichtbar werden? In der Gesellschaft kaum noch eine Rolle spielen?

Doch, definitiv. Man fühlt sich wie ein Relikt aus einer anderen Zeit, vergessen, zurückgelassen. Die Gesellschaft nimmt sich, was sie will – und viele bleiben dann auf der Strecke. Meine Figur im Film ist ganz klar ein Opfer der Gesellschaft. Sie versucht mit einer neuen Identität die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen. Sie will sich nehmen, was ihr weggenommen wurde. Selbstverständlich hat sie ein schlechtes Gewissen deswegen, aber sie kann es sich eben auch schönreden. Sie spielt ein brutales Spiel, mit sich selbst und anderen Menschen.

Gibt es etwas, was einer Juliette Binoche Angst machen kann?

Ich mache mir momentan Sorgen, dass ich zu viel arbeite. Ich habe kaum noch Freizeit, und das macht mir manchmal Angst.

Warum arbeiten Sie denn so viel?

Ich brauche das Gefühl, so aktiv wie möglich zu sein, solange ich noch am Leben bin! (lacht)

Das klingt nach dem Teufelskreis eines Workaholics.

Ich muss ja nicht arbeiten, ich will es. Die Arbeit ist meine Antwort auf die Frage, warum ich hier bin und lebe. Trotzdem sollte ich es vielleicht etwas ruhiger angehen lassen.

Welchen Ausgleich haben Sie?

Ich trainiere viel. Man kommt dabei runter – ich achte auf meine Atmung, fühle den Raum, in dem ich mich befinde. Sport verbindet mich mit meinem Körper und lässt mich achtsamer werden. Das wirkt sich positiv auf den ganzen Tag aus.

Wenn man Sie live erlebt, ist man frappiert von Ihrem jugendlichen Enthusiasmus …

Ich fühle mich sehr vital und bin gern am Leben. Das spürt man auch, denke ich. Filme zu drehen und Geschichten zu erzählen, lässt uns wieder zu Kindern werden. Es ist ein wunderbares Spiel, das wir alle spielen: „Was wäre wenn …?“

Verspüren Sie dennoch manchmal den Wunsch, unbekannt zu sein?

Nö. Wenn ich einkaufen gehe, denke ich sicher nicht daran, dass mich Leute erkennen könnten. Gerade weil ich mich nicht künstlich verstecke, falle ich kaum weiter auf.

Was lieben Sie an Ihrem Beruf am meisten?

Die Freiheit, alles sein zu können, was ich will. Ich kann so alt oder jung sein, wie ich will. Alles ist nur ein großes Spiel. Ich überlasse die Verantwortung auch gerne den anderen am Set und versuche, mir meine Leichtigkeit zu bewahren. Das ist übrigens auch eine gute Maxime für das Leben im Allgemeinen: Man muss sich nicht alles im Leben anheften und sich mit jedem Gewicht belasten.