Interview mit Klimaforscher Hans-Joachim Schnellnhuber: „Schluss mit der Verschwendung“

Herr Schellnhuber, sind diese G7-Ziele wirklich so ein Meilenstein?

Hans-Joachim Schellnhuber: Sie sind substanziell und gehen auf alle zentralen Erkenntnisse der Forschung ein. Es gibt ein Bekenntnis, die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen – wir wissen, dass jenseits dessen unbeherrschbare Risiken lauern. Zudem sollen die Energiesysteme auf erneuerbare Quellen umgestellt werden. Und sehr wichtig: Es findet sich erstmals in einem G7-Beschluss das Ziel der Dekarbonisierung im 21. Jahrhundert, der Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas. Eine klare Ansage nicht nur von Deutschland und Frankreich, sondern auch den USA und Japan für die Klimakonferenz im Dezember.

Die G7 wollen „im Lauf des Jahrhunderts“ auf fossile Energie verzichten. Wann müsste es geschafft sein, um das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten?

Die Berechnungen werden immer präziser. Klar ist, dass es möglichst im dritten Quartal des Jahrhunderts geschehen muss. Das heißt, wir müssen bis 2070 bei Null sein mit klimaschädlichen Abgasen.

In nur 55 Jahren soll die ganze Welt Kohle und Erdöl überwinden?

Wichtiger, als eine Jahreszahl einzuhalten, ist die Einsicht dahinter: Dass wir nicht ein Jahrhundert lang zwei Betriebssysteme für unsere Zivilisation fahren können, das fossil-nukleare und das effizient-erneuerbare System nebeneinander. Wenn sich das neue System durchsetzt, das in ökonomischer, sozialer, ökologischer – in jeder Hinsicht überlegen ist, dann wird sich das schon in ein, zwei Jahrzehnten abzeichnen. Dann entsteht eine Dynamik, durch die es sehr schnell geht – wie wir es bei den erneuerbaren Energien in Deutschland sehen. Ich glaube, dass die Dekarbonisierung im Wesentlichen bis Mitte des Jahrhunderts geschafft ist – wenn der Wille da ist.

Was müssen die Politiker, etwa in Deutschland, jetzt konkret tun?

Zunächst müssen die widersinnigen Effekte unserer eigenen Politik abgeschafft werden, etwa Subventionen für Kohle und Öl. Zweitens muss Energie überall effizienter genutzt werden: Schluss mit der Verschwendung! Ein riesiger Brocken dabei ist der Gebäudebestand, der viel intensiver gedämmt werden muss. Das würde auch dem deutschen Mittelstand sehr gut tun. Drittens: Wenn nicht mehr Kohle, sondern die Erneuerbaren unsere Vollversorgung übernehmen sollen, braucht es ein ganz neues Energiesystem. Energiespeicher und -netze müssen auf die Quellen – Wind, Wasser, Sonne und so weiter – abgestimmt und enger zusammen gedacht werden. Auch wenn es, wie derzeit in Bayern, etwa über die Stromnetze immer wieder Diskussionen gibt.

Große CO2-Produzenten wie China und Indien fehlten in Elmau. Nutzt es etwas, wenn nur die G7 mit ihren elf Prozent Anteil an der Weltbevölkerung den Kohleausstieg planen?

Die USA ist der zweitgrößte CO2-Produzent, zusammen stoßen die G7 vierzig Prozent des weltweiten CO2 aus – das ist nicht irrelevant. Natürlich gibt es den unsichtbaren Achten am Tisch: China, das in den letzten zehn, 20 Jahren die weltweite CO2-Menge stark beeinflusste mit seiner Kohleverbrennung und massivem Bau neuer Städte. Aber neue Studien zeigen, dass der Höhepunkt des CO2-Ausstoßes in China schon 2025 ansteht, bei Kohle ist er vielleicht schon erreicht. China investiert bereits die weltweit größten Summen in Erneuerbare. Wenn die „Lokomotive der globalen Innovation“, als die sich die G7 begreifen, umsteuert, kann das einen großen Sog auslösen. Potente Regionen wie China, Südafrika oder Kalifornien würden auf die neue G7-Philosophie einschwenken müssen, um den Anschluss nicht zu verpassen.

Wird nicht in den G7-Staaten und erst recht in den Schwellenländern die Angst überwiegen, dass ein Kohle- und Öl-Ausstieg das globale Wirtschaftswachstum gefährdet?

Die Wirtschaft stagniert doch heute vielerorts trotz Kohle und Öl. Nur wenn wir in den großen Transformationsprozess zur Nachhaltigkeit eintreten, ist auf Dauer Wohlstand möglich. So können weltweit vernünftige Arbeitsplätze in Branchen mit Zukunft entstehen. Die Dekarbonisierung ist keine Bürde, kein Zwang, sondern im Gegenteil ein Anschubprogramm für die stagnierende Weltwirtschaft.

Noch fürchten aber eher die Kohlekumpel um ihre Jobs, wenn etwa Wirtschaftsminister Gabriel Klimaabgaben für Kraftwerke plant.

Die Furcht ist verständlich, auch bei der SPD, die eng mit der Arbeiterkultur in Kohle und Stahl verbunden ist. Aber die Frage der sozialen Gerechtigkeit wird eben durch eine neue Gerechtigkeitsfrage abgelöst: die zwischen den Generationen. Man kann das künftige Wohlergehen nicht einer einzelnen Branche opfern, an der vielleicht noch 20.000 Jobs hängen. Natürlich braucht es hier Sozialpläne und dergleichen. Aber entscheidend sind nicht die Arbeitsplätze der Vergangenheit, sondern die der Zukunft – mit einer neuen industriellen Revolution.

Das Interview führte Steven Geyer.