Drei Oscars und 15 weitere Nominierungen sprechen genauso für Meryl Streep wie die Tatsache, dass die Schauspielerin auch mit 64 Jahren noch immer ein Kassenmagnet ist. Jetzt ist die Amerikanerin in dem Film „Im August in Osage County“ zu sehen, einer Adaption des Pulitzer-Preis-prämierten Theaterstücks von Tracy Letts.

Miss Streep, kannten Sie das Theaterstück und interessierte Sie deshalb die Rolle der Violet Weston?

Ja, ich hatte die New Yorker Inszenierung gesehen und wusste, dass das eine starke Rolle ist. Aber ich wollte sie eigentlich nicht spielen, sondern habe im Gegenteil ein paar Mal abgesagt.

Warum das?

Ach, mir gefiel der Gedanke einfach nicht, Zeit in der Haut dieser Frau verbringen zu müssen. Ihre Seele erschien mir wie vergiftetes Terrain, um es mal so pathetisch auszudrücken. Man sagt ja immer, dass solche emotionalen Abgründe für Schauspieler die spannendsten Herausforderungen sind. Aber ich wollte weder diese Krebserkrankungen und die Schmerzen spielen noch 40 Zigaretten am Tag rauchen müssen. Ich hatte einfach keine Lust darauf, mich mit den körperlichen und mentalen Qualen zu belasten, mit dem Hass, der von dieser Frau ausgeht und auch auf sie zurückfällt.

Und wer oder was änderte Ihre Meinung?

Letztlich war es eine Freundin. Sie erinnerte mich daran, was für eine tolle Mutter ich hatte und wie sehr ich sie geliebt habe. Sie meinte: Du musst dieses furchtbare Familienoberhaupt für uns alle spielen, die nicht Dein Glück hatten. Für uns, die ihre erfüllten Leben nicht wegen, sondern trotz ihrer Mütter hatten und uns von diesen Fesseln frei gemacht haben. Da habe ich realisiert, was für eine Leistung es ist, aus solchen familiären Kreisläufen aus Wut, Eifersucht, Abhängigkeiten oder gar Missbrauch auszubrechen. Ich begann, eine neue Seite an der Geschichte des Drehbuchs zu entdecken.

Sie sind selbst Oberhaupt einer großen Familie. Gibt es Tricks, wie man verhindern kann, dass gemeinsame Abendessen oder Feiertage so eskalieren wie in „Im August in Osage County“?

Ich glaube, diese Tricks gibt es nicht. Bei großen Runden, also wenn wirklich die gesamte erweiterte Familie zusammenkommt, gibt es immer jemanden, der zu viel getrunken hat, mies drauf ist oder irgendwie herumpöbelt. Auch bei uns. Dann versuchen alle anderen, das irgendwie zu ignorieren oder davon abzulenken. Aber irgendwann knallt es dann doch.

Vielleicht sollte man doch so wie Violet von vornherein immer ehrlich sagen, was man denkt...

Na ja, das sorgt ja auch nicht für Familienfrieden, wie Sie in dem Film sehen. Wobei ich sagen muss, dass ich das beim Spielen sehr erfrischend und befreiend fand. Dass Violet nicht die geringste Lust zum Lügen und Heucheln hat, ist eine ihrer wenigen positiven Eigenschaften. Sie sagt, wie es ist. Nur Freunde macht sie sich damit eben nicht.

Sie selbst nehmen auch nicht oft ein Blatt vor den Mund. Unter anderem preisen Sie öffentlich Kolleginnen wie Viola Davis oder Ihre „Im August in Osage County“-Schwester Margo Martindale. Fühlen Sie sich verpflichtet, mit Ihrem Ruhm andere zu förderm?

Durchaus, aber das hat nichts mit meinem Erfolg oder meinem Alter zu tun. Jeder sollte sich doch für Kollegen einsetzen, die er schätzt. Es gibt so viele tolle Schauspieler und Filme, die einfach übersehen werden. Das mindeste was ich tun kann, wenn ich ein Mikrofon vor der Nase habe, ist nicht nur über mich selbst zu sprechen.

Weil Sie einen gewissen Einfluss haben …

Womöglich verändere ich damit gar nichts, aber der Versuch ist es wert. Immer nur über Missstände zu schweigen, aus Angst man könnte anecken oder sich selbst schaden, finde ich furchtbar. Dieses permanente, aber vollkommen belanglose Geplapper auf allen Kanälen, das unsere Welt gerade in einen neuen Turm von Babel verwandelt, genauso. ’Wie war es, mit Julia Roberts zu drehen?’ Mann, hängen mir solche Fragen manchmal zum Hals heraus. Deswegen bin ich froh über jeden, der mit lauter Stimme und gerade heraus Klartext spricht. Und tue es manchmal selbst.

Kürzlich verurteilten Sie in einer Laudatio für Emma Thompson niemand Geringeren als Walt Disney als Sexisten und Rassisten!

Für meinen Geschmack bekam diese Geschichte etwas zu viel Aufmerksamkeit. Ich wollte einen Kontext schaffen, um über die Frau zu sprechen, die Emma in „Saving Mr. Banks“ spielt – und natürlich über Emma selbst, die in unserer Branche eine echte Ausnahmeerscheinung ist. Dafür bezog ich mich auf Walt Disney als Mann seiner Zeit, der auch nicht anders war als die meisten seiner Geschlechtsgenossen damals. Nichts von dem, was ich gesagt habe, war irgendwie neu. Dass Machtmenschen wie er damals eher frauenfeindlich waren, ist doch ein alter Hut. Aber trotzdem ging es plötzlich nur noch darum, was ich über Disney gesagt hatte, statt um Emma.

Sie haben gerade gesagt, dass Sie keine Lust haben über die Arbeit mit Julia Roberts zu sprechen...

So meinte ich das nicht! Ich sage Ihnen gerne etwas über Julia. Sie hat eine Qualität, die verdammt selten ist, und das ist ihre Zugänglichkeit. Selbst wenn sie, wie in „Im August in Osage County“, eine vollkommen verschlossene, wenn nicht gar verbitterte Frau spielt, fühlt man als Zuschauer sofort mit ihr mit. Das ist eine ganz besondere Gabe.

In Ihrem nächsten Film spielen Sie mit Ihrer Tochter Grace Gummer...

Ach, Sie meinen „The Homesman“. Ich habe da nur einen winzigen Auftritt, sozusagen als Gefallen für meinen Freund Tommy Lee Jones, der Regie geführt hat. Für mich war das nur ein Drehtag, während Grace eine wirklich große Rolle hat und drei Monate drehte. In einer Szene tauchen wir beide auf, interagieren aber leider nicht. Deswegen kann ich gar nichts dazu sagen wie es ist, mit der eigenen Tochter zu arbeiten. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Das Gespräch führte Patrick Heidmann.