Berlin - Einen Schlips trägt Heinz Buschkowsky nicht, als wir ihn in seinem Amtszimmer im Rathaus treffen. Schade, wir hatten uns schon auf das neueste Tiermuster gefreut.

Herr Buschkowsky, der Deutsche Olympische Sportbund lässt über Forsa fragen, was Berlin von Olympia hält. Wurden Sie angerufen?

Wurde ich nicht.

Was halten Sie denn von Olympia?

Zuerst stellt sich mir die Frage, ob wir überhaupt die Reife besitzen, solch ein Weltspektakel wirklich zu wollen und es dann auch professionell über die Bühne zu bringen. In Berlin scheinen mir da die Karos recht klein geworden zu sein.

Berlin kann die Spiele nicht?

Zweifeln kann man daran schon. Hier hat sich die Meinung breit gemacht: „Das kostet Geld, bringt Veränderungen – und überhaupt will ich meine Ruhe im üblichen Trott.“ Wir wollen zwar die liberalste Metropole der Welt sein, aber wenn der Bär mal richtig steppen soll, werden wir schnell hasenfüßig.

Gibt es eine Stimmung pro Olympia ?

Ich nehme überhaupt keine positiven Emotionen wahr. Nur die, die wie immer gegen alles sind, laufen sich warm. Irgendwie erinnert das an das schief gegangene Bewerbungsdesaster der frühen Neunzigerjahre. Damals wussten wir auch nicht, ob wir die Spiele wollen. Jetzt entscheidet eine Telefonumfrage über Hamburg oder Berlin. Bei der Bürgerbefragung im Herbst sind die Messen längst gesungen. Da hätte der Senat früher Gas geben sollen.

Glauben Sie, die Berliner könnten sich begeistern lassen?

Die Berliner schon. Aber mehr als die Hälfte unserer Einwohner sind ja keine Originale mehr.

Wie meinen Sie das?

Die vielen Zuzügler der vergangenen Jahre aus Klein- und Mittelstädten haben auch eine gewisse Provinzialität mitgebracht. Sie sind einfach keine Großstädter, sie haben keine Bindung an die Geschichte dieser Stadt, kein Gespür, wie sie tickt, kein Gefühl für das Gesamtinteresse. Eine Weltstadt muss sich so verkaufen und beweisen, dass sie eine ist. Das war schon beim Tempelhofer Feld so: „Wohnungsbau immer gern, aber nicht bei mir um die Ecke. Die Wiese gehört meinem Wauwi.“ Das ist minimalistisches Denken. Das ist nicht Berlin.

Was denn sonst? Die Stadt lebt doch in dieser Spannung zwischen Kiezglück und Metropolenwahn.

Wer hier nicht geboren und aufgewachsen ist, kann das vielleicht schlecht nachvollziehen. Der Berliner ist von sich aus ein fast scheues Wesen, verfügt aber über eine große Klappe. Motto: „Mir kann keener – maximal ick mir selber.“ Manche halten das für überheblich. Das trifft es aber nicht. Die typische Berliner Haltung ist: „Wenn die Welt eben will, dann soll sie ruhig kommen und bei uns ein bisschen Olympia lernen. Wir werden sie gebührend empfangen und zeigen, wie man das so macht.“ Das ist rustikaler Charme, ohne jedes Muffensausen. Wenn aber die Mehrheit diesen Stallgeruch gar nicht mitbringt und eher Unisex-Toiletten und Coffee-Shops für weltstadtwürdig hält, dann wird es schwer mit Olympia, der größten Veranstaltung auf dem Globus. Deswegen glaube ich, dass es nicht klappen wird.

Sind Sie denn persönlich dafür?

Ich bin für alles, was die Stadt stärkt. Suchet der Stadt Bestes, steht schon in der Bibel. Olympia würde uns schmücken und wäre eine Visitenkarte der Premiumqualität. Doch mein Bauchgefühl sagt mir, dass der DOSB gar keine Lust auf Berlin hat. Man kommt nur an der Hauptstadt protokollarisch gar nicht vorbei. Daher müssen sie jetzt so tun, als ob sie uns ernst nehmen. Ich glaube, dass die Entscheidung für Hamburg gefühlsmäßig längst gefallen ist. Das Theater mit Wackel-Berlin will man kein zweites Mal.