Interview mit Petro Poroschenko: Die Wahrheit bleibt auf der Strecke

Berlin - Die ARD hat den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko interviewt. Sie hat ihm damit Gelegenheit gegeben, auf die Herausforderung des russischen Präsidenten Wladimir Putin zu antworten, der dem Autor Hubert Seipel zwei Wochen zuvor seine Sicht der Dinge darlegen durfte. Der Zuschauer weiß nun, dass die Wahrheit in einem Krieg immer von beiden Seiten unter die Räder gerät. Allerdings konnte er auch erkennen, dass es unterschiedliche Arten gibt, die Unwahrheit zu sagen.

Petro Poroschenko hat auf die unangenehme Frage nach dem Einsatz von Streubomben im Kampf gegen die prorussischen Kämpfer in der Ostukraine nicht ausweichend geantwortet, er hat geleugnet, dass sie von der ukrainischen Armee eingesetzt worden sind. „Es gibt keine internationale Organisation, die behaupten würde, dass die Ukraine solche Waffen einsetzt.“ Das ist richtig und falsch zugleich. Ein Bericht von Human Rights Watch belegt den Einsatz von Streubomben in Donezk und legt zumindest nahe, dass die ukrainsche Seite sie eingesetzt hat.

Soldaten auf Urlaub

Man kann dem ukrainischen Präsidenten also vorhalten, dass er die Unwahrheit sagt. Er sagt auch, die ukrainische Armee sei „hochpatriotisch, hochprofessionell und diszipliniert“. Es steht keinem Journalisten an, der nicht in der Ostukraine war, das in Zweifel zu stellen. Wer aber sicher nicht in Zweifel ziehen kann, dass seine verzweifelt schlecht vorbereitete und ausgerüstete Armee professionell und diszipliniert kämpft, ist der eben erst gewählte ukrainische Präsident. Es wird von ihm erwartet, dass er seine Truppe wenigstens mit Worten unterstützt.

Die Wahrheit wird also auch auf ukrainischer Seite gebeugt, allerdings aus anderen Motiven. Er lasse nicht zu, dass ihm oder dem Land, dass er vertrete, gedroht werde, sagt Petro Poroschenko, auch nicht vom russischen Präsidenten Putin. Auch das ist nicht die Wahrheit. Tatsächlich sagt Poroschenko alles, was er sagt, aus der Position des Bedrohten und Angegriffenen.

Die andere, russische Seite der Unwahrheit lautet, es befinden sich keine russischen Truppen in der Ostukraine. Kämpfende russische Soldaten auf ukrainischem Territorium sind solche auf Urlaub. Gefallene werden in aller Heimlichkeit verscharrt und nachträglich ausgemustert.

„Frieden gibt es, sobald es in der Ukraine keine ausländischen Truppen mehr gibt“, sagt der ukrainische Präsident. Jedenfalls wird es ohne einen russischen Abzug keinen Frieden geben, das hat der ukrainische Präsident klar gestellt. Die Antworten Poroschenkos sind denn auch in vielem aufschlussreicher, als die Monologe des russischen Präsidenten Putin. Zu verdanken ist das vor allem dem Umstand, dass Poroschenko vom Leiter des ARD-Studios in Moskau befragt wurde, wie man das von einem Journalisten erwarten kann: professionell und um die Wahrheit bemüht.