Irgendwie ist man überrascht, dass Anika Decker ohne Hund oder irgendein anderes Haustier in der Lobby des Hotels und VIP-Clubs Soho House erscheint. „Keinohrhasen“, „Zweiohrküken“ und „Rubbeldiekatz“: Die bisherigen Filmerfolge der 39-jährigen Drehbuchautorin lassen schließlich auf eine ausgeprägte Tierliebe schließen. Doch sie hat keinen Aufpasshund an ihrer Seite. Und auch Deckers neues Kino-Werk kommt ohne Tiernamen aus. Die Großstadt-Single-Komödie heißt „Traumfrauen“ und ist das Regie-Debüt der Wahl-Berlinerin, die gleich ums Eck vom Soho House wohnt und zum Gespräch im eleganten Schwarz erschienen ist. Im Gespräch wirkt sie dann aber ausgesprochen sonnig, frisch und selbstironisch. Ihre Sätze beendet sie gerne mit einem entwaffnenden mädchenhaften Lachen.

Sie sind im hessischen Stadtallendorf aufgewachsen. Welche Attraktionen gibt es da?

Die junge Stadt im Grünen, wo Einkaufen Spaß macht – so heißt der offizielle Werbeslogan.

Margot Käßmann, die ehemalige Bischöfin und EKD-Vorsitzende, ist auch in Stadtallendorf aufgewachsen.

Wirklich? Wusste ich gar nicht.

Und Eike Immel, der frühere Torwart der Nationalmannschaft, ist dort geboren.

Das weiß ich wiederum, denn er war ein ehemaliger Schüler meiner Mutter. Darauf war sie auch sehr stolz.

Was kommt im Film Ihrer Kindheit vor?

Wir hatten das Glück, ein Haus direkt am Waldrand zu haben. Wir haben Banden gegründet, Lagerfeuer gemacht, Mais-Labyrinthe gebaut – zum großen Ärger der Bauern. Und ich habe mich gefreut, wenn der Schäfer mit den neuen Lämmchen auf dem Feld war.

Sie wirken so, als hätten Sie früh mit den Jungs herumgerauft.

Nee. Wir haben uns aus Spaß auf die Fußbälle von meinem Bruder und seinen Freunden geworfen, aber nur, weil wir abwechselnd in alle Nachbar-Jungs, die dort spielten, verliebt waren. Ich war ein totales Mädchen.

Welche Erinnerungen haben Sie an den Sommer 1995?

1995? Da hatte ich mein Abitur-Zeugnis in der Tasche und wollte unbedingt weg in eine Großstadt. Eine Woche später saß ich im Zug Richtung München. Eingeschrieben habe ich mich fürs Literaturstudium, aber eigentlich wollte ich Journalistin werden. Und ich dachte ganz naiv: Wenn ich erst mal in dieser Film- und Medienstadt München bin, dann traue ich mir vielleicht irgendwann zu, mich an der Journalistenschule zu bewerben. Aber dann war ich ziemlich schnell pleite und habe alle möglichen Jobs gemacht. Unvergesslich ist der mexikanische Party-Service: Ich stand neben einer Plastikpalme und habe mit Sombrero, Poncho und Schnurrbart Essen ausgegeben.

Warum haben Sie sich nicht an der Münchener Filmhochschule beworben?

Ich hatte dieses Klischee im Kopf: Filmemacher sind Jungs, die schon ganz früh ihre Experimental-Streifen mit der Super-8-Kamera Filme gedreht haben. Ich hatte mit 19 einfach nicht das Selbstvertrauen, ich habe viele Filme geguckt, fand „Harry und Sally“ toll, aber ich wusste wenig übers Kino.

Im Jahr 1993 hat die Filmstudentin Katja von Garnier großes Aufsehen mit ihrem Abschlussfilm „Abgeschminkt“ erregt – eine Großstadt-Single-Komödie mit Frauen in den Hauptrollen und die Initialzündung für Komödien wie „Der bewegte Mann“.

Großartig. „Abgeschminkt“ hab ich mir ein paar Mal angeschaut.

Ihre Lieblingsszene?

Da wartet Katja Riemann nervös darauf, ob dieser Typ sich meldet. Sie ruft dann ihre Freundin an, aber nur um sich zu vergewissern, ob ihr Telefon funktioniert. Das war damals wirklich neu und erfrischend. Kein deutsches Nachdenk-Fernsehen.

Ein früher Einfluss auf die heutige Filmemacherin Anika Decker?

Wahrscheinlich. Aber noch mehr haben mich das US-Kino und -Fernsehen geprägt. Ich weiß noch: Meine Lehrer-Eltern haben sich lange gegen das Privatfernsehen gesträubt, aber als wir dann endlich auch so eine Schüssel auf dem Dach hatten, konnte ich nicht genug bekommen von Serien wie „Friends“ und „Seinfeld“ – und später natürlich alles von Quentin Tarantino bis Woody Allen. Da gab es plötzlich andere Frauenbilder: überdreht, irre, auch ziemlich egoistisch.

Ihr Film „Traumfrauen“ ist eine Großstadt-Single-Komödie des Jahres 2015, und Sie haben für Ihr Regie-Debüt mit Iris Berben, Hannah Herzsprung, Karoline Herfurth und Elyas M’Barek gleich ein Star-Ensemble des deutschen Filmes versammeln können. Wie schafft man das?

Ich kenne viele der Schauspieler seit Langem. Ich habe durch einen Zufall sogar Hannahs erstes Casting gesehen. Da war sie 15, und ich habe damals in München für eine Agentur gejobbt. Hannah hatte sich für die Familienserie „Aus heiterem Himmel“ beworben, und man spürte sofort diese Wahrhaftigkeit in ihrer Darstellung. Wir haben uns dann später wieder getroffen und angefreundet, und mir war klar, dass Hannah dabei sein muss, wenn ich ein eigenes Projekt verfilme. Das Gleiche gilt für Elyas. Wir sind seit Jahren befreundet. Und ich wollte schon länger eine Rolle für ihn schreiben, eine, die nicht an seine „Fack Ju Göthe“-Performance anknüpft. Das ist auch unmöglich zu toppen. Für mich war es deswegen reizvoller, ihn eher die feinen Töne spielen zu lassen.

Sie wurden im Jahr 2007 schlagartig bekannt – als Co-Drehbuchautorin von Til Schweigers Erfolgskomödie „Keinohrhasen“. Zuvor haben Sie sich in den unterschiedlichsten Jobs in der Filmbranche versucht, auch als Spieleerfinderin für „Big Brother“.

Ja, bei mir wurde es erst ab 30 lustig. Die Zeit von 20 bis 30 ist für viele die Studienzeit, von der sie im Nachhinein gerne schwärmen. Das trifft auf mich überhaupt nicht zu. Ich konnte noch nicht einmal irgendeine Ausbildung vorweisen, nur ein früh abgebrochenes Studium. Deshalb habe ich rackern müssen. Aber so habe ich auch Kraft und Biss entwickelt, denke ich.

Wo wollten Sie hin?

Im Bezug aufs Schreiben habe ich mir zunächst wenig zugetraut, ich spürte immer diese Ehrfurcht vor gut geschriebener Literatur. Aber ich wusste, dass ich hart arbeiten kann, und dachte, dass ich vielleicht durch Fleiß jemand werde, der mit Autoren zusammenarbeitet. Aber irgendwann habe ich es dann Gott sei Dank doch selbst versucht.

Womit?

Ich erhielt aufgrund meiner Probearbeiten die große Chance, für einen Privatsender Ideen für Serien-TV-Movies zu entwickeln. Leider gab es dafür sehr wenig Geld. Mein erster richtiger Autorenjob war dann im Team der ZDF-Telenovela „Tessa – Leben für die Liebe“, und ich war so glücklich, als ich dann meine erste Szene geschrieben habe. Ein Kollege, dem ich sie zeigte, hat mich in der Küche pseudo-väterlich zur Seite genommen und gesagt, gut, dass er sie als Erster zu lesen bekomme, vor dem Chef. Denn leider hätte ich weder ein Gefühl für Figuren noch für Dialoge und Handlung. Da habe ich mich verkrochen und erst mal geheult.

Hat dieser Ex-Kollege Ihnen später Blumen geschickt?

Nein. Aber ich bin ihm sogar dankbar.

Wofür?

Für die Erkenntnis, dass ich in solchen Firmen-Apparaten nicht sehr gut funktioniere. Denn es war eine Befreiung, als ich mich schließlich als Autorin selbstständig gemacht habe. Intuitiv hatte ich schon länger gespürt, dass irgendetwas Kreatives in mir steckt, aber ich wusste lange nicht, wo das Ventil ist, um es herauszulassen.

Im nächsten Abschnitt erklärt Anika Decker ihr Verhältnis zu Til Schweiger und wie sie auf den Stoff von „Traumfrauen“ gekommen ist.