Schon vor knapp 20 Jahren beschrieb der Soziologe Richard Sennett in seinem Buch „Der flexible Mensch“ die wachsende Sehnsucht nach Verwurzelung und Tradition in Zeiten der Globalisierung. Wir fragten ihn, ob der Wahlerfolg von Donald Trump auch eine Folge dieser Entwicklung ist.

Professor Sennett, wie ist Ihre Stimmung nach der Wahl?

Ich stehe immer noch unter Schock. Im Grunde war es vorauszusehen. Doch die Folgen werden unglaublich weitreichend sein.

Was sind die wichtigsten?

Das Abrücken der USA vom Klimavertrag ist von größter Bedeutung. Die durch den Klimawandel verursachten Probleme werden nicht eingedämmt, sondern noch größer. Trump glaubt nicht an den Klimawandel, deshalb ist das kein Problem für ihn. Doch für unsere Enkel ist das schrecklich.

Was droht uns noch?

Er wird Europa im Stich lassen. Dazu zählt auch die Nato. Das bedeutet, dass wir Russland und seinen hegemonialen Absichten stärker ausgesetzt sind. Die Länder im Osten könnten zerbrechen, wenn wir nichts unternehmen. Das ist es, worauf sich die Menschen in Europa fokussieren sollten. In Großbritannien ist es so: Würde man heute ein Votum über den Brexit durchführen, gäbe es niemanden mehr, der dafür stimmt. Denn der Brexit isoliert die Briten von Europa und macht sie abhängiger von den Vereinigten Staaten.

Und die Europäer müssen nun alleine klar kommen?

Sie werden mehr Geld für das Militär ausgeben müssen, um vor Russland sicher zu sein. Auf Amerika können sie sich nicht mehr verlassen.

Liegt darin nicht auch eine Chance für Europa, enger zusammenzurücken?

Ja, und zwar nicht nur in militärischer Hinsicht. Die Europäische Union muss integrationsfähiger werden, weniger ausschließend. Und was wichtig ist: Sie muss sich von der durch die Deutschen betriebenen Austeritätspolitik verabschieden. Stattdessen sollte man Europa als ein Ganzes sehen und nicht als eine Union, in der die Reichen den Armen diktieren, was sie zu tun haben.

Sind Jean-Claude Juncker oder Angela Merkel die Richtigen dafür?

Ich weiß es nicht. Ich habe großen Respekt vor Merkel. Aber wer der richtige politische Führer ist, ist nicht entscheidend, sondern wofür das europäische Projekt steht. Fakt ist, die USA werden protektionistisch, der Handel mit ihnen wird radikal abnehmen. Europäische Studenten werden Schwierigkeiten haben, in den USA zu studieren. Amerikanische Unternehmen wie Google oder Microsoft dominieren stattdessen den europäischen Markt. Das ist es, was Trump will, er will die amerikanische Hegemonie. Er will ökonomische Hegemonie, kombiniert mit Isolationismus.

Haben der Brexit und Trumps Erfolg ähnliche Wurzeln: den Protest gegen die Globalisierung?

Der Brexit war auf die Einwanderung fokussiert. Es war eine sehr lokale Denkweise: Wenn wir Briten Europa verlassen, werden wir weniger Einwanderer haben. Ein weiterer Unterschied: Das Vereinigte Königreich hat keine stagnierende Ökonomie. Die amerikanische Wirtschaft stagniert hingegen für die Mehrzahl der Menschen, die Trump gewählt haben, die Verlierer. Die meisten Wähler Trumps verfügten über keine höhere Bildung, anders als die Briten, die gegen den Brexit gestimmt haben.

Also war es in den USA eine Reaktion wütender weißer Männer und Frauen?

Ja, die Wut war ausschlaggebend, das Ressentiment. Es gab eine Menge Verlierer in den Perioden des Wirtschaftsbooms in den 1990er-Jahren und zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Für viele Menschen in den USA stagnierten die Einkommen, sie fühlten sich zurückgelassen und nahmen daher extreme Positionen ein. Das ist irrational, aber denken Sie an Deutschland, wo Hitler aus denselben Gründen gewählt wurde. Auch die Deutschen träumten davon, dass er ihre Probleme löst.

Was erwarten Sie nun für die USA?

Ich glaube nicht, dass Trump sich länger als eine Wahlperiode hält. Aber man darf seine emotionale Instabilität nicht unterschätzen. Sie wird mit der Zeit immer deutlicher ans Tageslicht treten. Er wird immer unberechenbarer werden und die Gesellschaft zugleich instabiler. Als US-Präsident hat er absolute Macht und ein Kabinett von ergebenen Pagen. Niemand wird ihn aufhalten.

Kommt es zum Bürgerkrieg?

Wir können so etwas in der Art erwarten. Es werden sich 30 Millionen Menschen gegen ihn stellen, das ist die Zahl, die er loswerden will.

Warum ist Hillary Clinton derart gescheitert? Wäre Bernie Sanders der bessere Kandidat gewesen?

Sanders hätte viel besser gegen Trump abgeschnitten. Clinton hat eine armselige Kampagne gefahren. Sie repräsentierte eine erschöpfte politische Klasse, die ganze Clinton-Klasse der 1990er-Jahre. Jeder hätte es besser als sie machen können. Bernie Sanders hingegen war ein absolut bewundernswerter Kandidat, und er hätte Trump sicher geschlagen. Aber nun steht die Demokratische Partei vor einer großen Krise. Die gemäßigte Linke der Demokraten war ein Produkt, das unter ihrer Kontrolle stand. Sie ist eine Art Parallele zu den Institutionen der Demokratischen Partei, die ihre Kandidatur sicherstellten.

Leben wir in einer Zeit wie in den 1920er-Jahren?

Ja, wie in den späten 20er-Jahren. Die waren sehr ähnlich zu dem, was heute passiert. Ich denke aber nicht, dass Trump wie Hitler ist. Er ist eher wie Mussolini. Er ist diese Art von Faschist, unstetig und unberechenbar. Ich denke auch, dass er für eine Menge Korruption sorgen wird, er sagte ja schon, dass er die Regierung wie ein Unternehmen führen will. Und er wird sich und seine Familie begünstigen. Auch Mussolini sorgte für ein extrem korruptes System Anfang der 30er-Jahre. Ich zeichne Ihnen ein dunkles Bild. Aber ich denke, dass wir in sehr finsteren Zeiten leben. Wer glaubt, dass wir weitermachen können wie bisher, liegt vollkommen falsch.

Das Gespräch führte Michael Hesse.