Berlin - Verändert sich durch weit verbreitete Angst die DNA unserer Gesellschaft? Wird unser Leben ähnlich wie das der Menschen in Israel, wo man sich an Terror gewöhnen musste? Der Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer, Direktor der Stiftung „Futurzwei“ und Autor des Buches „Die smarte Diktatur“, warnt davor, Freiheiten aufzugeben.

Herr Welzer, haben Terroranschläge und Amoktaten in so rascher Abfolge wie zuletzt das Potenzial, unsere Gesellschaft zu verändern?

Das kommt darauf an, ob unsere Gesellschaft mit Hysterie reagiert. Wenn so schnell so viel auf einmal passiert, erfordert es Selbstbeherrschung, Hysterie zu vermeiden.

Im ungünstigen Fall läuft es so: Die Unsicherheit in der Bevölkerung stachelt Politiker zu Überwachungsmaßnahmen an, die dann doch keine Sicherheit bringen, weil sich solcher Terror nicht verhindern lässt. Und die Rechtsradikalen instrumentalisieren die Situation erfolgreich, um für ihre menschenverachtenden Zwecke Werbung zu machen.

Und im günstigen Fall?

Wenn es gut läuft, finden wir zur Gelassenheit. Wir müssen uns klar machen, dass diese Form von Terror dann siegreich ist, wenn sie Gesellschaften dauerhaft in Angst und Schrecken versetzt. Das ist ihr einziger Zweck. Bekämpfen können wir solche Taten also nur, indem wir uns nicht einschüchtern lassen.

Stärke können wir tatsächlich nur dadurch zeigen, dass wir uns in unserem normalen Leben nicht beeinträchtigen lassen. Auch wenn es gerade in den vergangenen Tagen sicherlich schwierig war, sich der Dramatik der Ereignisse zu entziehen.

Was ist denn falsch daran, wenn Politiker über neue Sicherheitsmaßnahmen diskutieren?

Der Mechanismus ist doch so: Sicherheitspolitiker fühlen sich dazu veranlasst, irgendetwas zu tun – und das ganz unabhängig davon, ob das Ganze wirklich etwas nützt oder nicht. Sie fühlen sich schlicht und einfach in der Pflicht, nicht tatenlos mit solchen Dingen umzugehen. Das ist fatal.

Warum?

Es suggeriert eine Möglichkeit, die es nicht gibt: Es lässt sich keine absolute Sicherheit vor Terror oder auch Amoktaten herstellen. Wenn Sie an Nizza denken, müssen sie auch konstatieren: Wir können ja keine Lastwagen abschaffen. Jeder beliebige Gegenstand kann zu einer Waffe werden. Man muss einfach offen damit umgehen und sagen: Wir haben ein riesiges Problem. Und für dieses Problem liegt im Moment kein Lösungsformat vor.

Würden es sich Politiker damit nicht auch zu einfach machen?

Nein, im Gegenteil. Dass die Politik und die Gesellschaft hysterisch werden, ist doch genau das, was die Täter wollen. Der Amokläufer will für den Zeitpunkt seiner Tat die Allmacht und Stärke spüren.

Der Terrorist ganz genauso – nur dass er sich auch noch einredet, er täte es für einen großen, alles überstrahlenden Zweck. Terroristen wollen die große Bühne für sich. Sie wollen leere Innenstädte. Sie wollen unsere Art zu leben verhindern. Das befeuert ihr Omnipotenzgefühl. Wenn wir unsere Freiheit beschränken, lockt das Terroristen eher an, als dass es sie abschreckt.