Rüdiger Nehberg ist ein drahtiger Mann, dem es schwerfällt, sitzen zu bleiben. Immer wieder springt er auf und zeigt mir, wie man an Armen und Beinen gefesselt im Wasser schwimmt oder wie er sich die Larven der Dasselfliege aus den Beinen presste. Als Survival-Pionier hat er so einiges erlebt. Wir sind in seinem schönen Haus, eine ehemalige Mühle, in Rausdorf 22 Kilometer östlich von Hamburg. Nehberg hört aufmerksam zu, und er erzählt gerne. Er tut das sehr oft. Nicht nur in seinen Büchern, sondern auch in vielen Vorträgen. Nehberg, der in einem Monat achtzig wird. zeigt keine Spur von Müdigkeit. Im Gegenteil, je länger das Interview dauert, desto mehr kommt er in Fahrt.

Herr Nehberg, 25 Jahre lang waren Sie Chef einer Konditorei mit fünfzig Angestellten.

Die Konditorei existiert noch immer. In Hamburg, unmittelbar an der U-Bahn-Station Wandsbek Gartenstadt. Ich hörte damit auf, als der Konkurrenzdruck stärker wurde, ich mich also mehr hätte um das Geschäft kümmern müssen, mich aber stärker für die brasilianischen Yanomami-Indianer einsetzen wollte – da wählte ich die Freiheit und verkaufte den Laden. Ein Mitarbeiter übernahm ihn. Er macht das sehr gut. Ich muss mich wirklich nicht schämen. Es steht ja immer noch Konditorei Nehberg dran.

Wenn Sie nichts als diese Läden aufgebaut hätten, wäre Ihr Leben schon eine Erfolgsgeschichte. Sie haben sich aber außerdem noch um Menschenrechtsfragen gekümmert und in Deutschland das Thema Survival, die Kunst zu überleben, eingeführt. Heute ist das ein Branche. Das ist ein Vielfaches von dem, was in ein Menschenleben passt.

Mag sein. Irgendwie habe ich das aber wuppen können. Durch die vielen Bücher, die im Laufe meines Lebens zustande gekommen sind, war ich irgendwann mehr Buchladen als Konditorei. Jetzt habe ich dreißig Bücher veröffentlicht. Dadurch hatten die Läden natürlich ein besonderes Image. Das half auch beim Brötchenverkauf. Aber ich machte außerdem sehr besondere Werbeaktionen. In meinem Schaufenster stand zum Beispiel 1989 ein lebensgroßer Gorbatschow aus Marzipan. Ich hatte ihm den Nobelpreis umgehängt, als man das in Oslo noch nicht angedacht hatte. Oder ich verteilte ein paar Tage lang Zahnbürsten mit einem Informationsblatt. Sinngemäß: „Nicht der Konditor ist schuld an eurer Karies, sondern die mangelnde Pflege. Ein sauberer Zahn wird nicht krank!“ Die Aktion war mit der Zahnärztekammer und der Verbraucherzentrale abgestimmt und hatte eine große Medienresonanz. Der Laden brummte.

Sie haben halbe Kontinente auf dem Rad durchquert, sind über den Ozean im Tretboot – alles im Urlaub?

Schon als Lehrling dachte ich: So willst du nicht leben. Fünfzig Wochen arbeiten, jede Woche 80 Arbeitsstunden, zwei Wochen Ferien. So war das ja nach dem Krieg. Ich habe mir darum immer unbezahlte Urlaube ausbedungen. Das funktionierte. Ich saß am längeren Hebel: Bäcker und Konditoren waren immer knapp. Außerdem gab es in vielen Läden Zeiten, in denen viel zu tun und solche, in denen nichts los war. Da war ich unterwegs. Auch als Selbstständiger. Meine Kollegen schüttelten den Kopf. „Dein Laden geht pleite, wenn du Urlaub machst.“ Aber diese Einstellung war niemals meine Philosophie. Deshalb achtete ich sehr darauf, Mitarbeiter zu haben, die bestens ohne mich auskamen. Ich musste mir nie Gedanken machen, der Laden könnte pleite sein, wenn ich nach vier Monaten wiederkam. In meiner Angestelltenzeit hatte ich in erbärmlichen Bruchbuden gearbeitet. Dort habe ich gelernt, wie man Mitarbeiter auf keinen Fall führen sollte.

Ökonomisch hatten Sie nie Sorgen?

Ich lebe nicht anspruchsvoll. Als ich den Laden verkauft hatte, hielt ich einfach mehr Vorträge. Die Bücher verkaufen sich gut, ich gab Survival-Kurse … Wichtig war mir immer, mich nicht von einer einzigen Einnahmequelle abhängig zu machen.

Das Haus hier, ein großes Grundstück …

Das habe ich mir 1980 von den Tantiemen meines Bestsellers „Überleben ums Verrecken“ gekauft. Ursprünglich war dies ein Mühlengrundstück. Das Haus war völlig heruntergekommen. Zweimal hatte man es mir schon angeboten. Zweimal hatte ich abgelehnt. Dann hatte ich mehr Fantasie. In einer großen Wanne voller Mürbeteig habe ich mir die Landschaft vorgeformt: Bäche, Wasserfälle, Teiche; Bäume, Findlinge. Ich konnte mir plötzlich vorstellen, was man daraus machen konnte.

Wie kommt man auf die Idee, Survival-Experte zu werden?

Ich wollte nie Survival-Experte werden. Den Beruf gab es ja noch gar nicht. Das hat sich einfach entwickelt. Zum einen hat mich die Kriegszeit geprägt. Ich bin 1935 geboren. Ich habe den Krieg also noch bewusst miterlebt, Flucht, zwei Jahre Internierung in Dänemark, dann zurück ins zerstörte Deutschland, die Notzeiten nach dem Krieg, vor allem den Hunger. Zum anderen war ich besessen von der Leidenschaft, allein zu reisen. Zunächst orientierten sich diese Reisen noch an Straßen und Bequemlichkeiten der Zivilisation. Ich träumte aber immer von den Einsamkeiten der Erde. Wüsten, Dschungel, Ozean. Da wagte ich mich anfangs nicht hin. Bis ich in den Sechzigerjahren in den USA auf das Wahnsinnsthema Survival stieß. Ich war begeistert. Es ist die Rückbesinnung auf Urinstinkte und Urfertigkeiten, wie jedes freilebende Tier sie besitzt. Das Überleben notfalls komplett ohne Ausrüstung, allenfalls mit improvisiertem Steinmesser und Grabstock, aber mit Insekten oder dem Verzehr der eigenen Körpersubstanz. Ich kann tausend Kilometer ohne Nahrung marschieren und verliere dann pro Tag ein Pfund Körpergewicht. Das habe ich bewiesen mit meinem Marsch von Hamburg nach Oberstdorf. Am Ziel angekommen, sah ich aus wie mein eigener Leichnam. Durch verschiedenste solcher Selbstversuche wurde ich für viele Menschen zum Ratgeber.

Lesen Sie weiter, wie Rüdiger Nehberg seine ersten harten Erfahrungen in der marokkanischen Wüste macht, zurück nach Deutschland kehrt, nur um dann seine Atlantiküberquerung zu starten - mit einem Tretboot.