Interview mit US-Starjournalistin und Historikerin Anne Applebaum: „Trumps Wahlsieg ist der Anfang vom Ende Europas“

Köln - Frau Applebaum, was erwarten Sie von Trump als US-Präsident?

Was er nicht mag, sind Allianzen im Allgemeinen und die Nato im Besonderen. Die Nato ist ihm zu teuer, er versteht ihren Existenzgrund nicht und er will nicht, dass die Amerikaner in europäische Kriege involviert werden. Das sagt er immer und immer wieder. Zum ersten Mal übrigens in seinem Buch, das er im Jahr 2000 geschrieben hat.

Und worauf kann man sich noch einstellen?

Mit gleicher Festigkeit betont er, dass er nicht an Freihandel glaubt. Er will Nafta, das Freihandelsabkommen mit Mexiko, aufkündigen. Und er spricht darüber, die USA aus dem System der Welthandelsorganisation WTO austreten zu lassen. Ein System von Handelsregeln, Systemen und Übereinkommen, das die USA und die Europäer über Jahrzehnte aufgebaut haben, wird zuletzt von ihm attackiert werden. Das sind die beiden wichtigsten Punkte.

Wird er die Nähe zu Russland suchen?

Ja. Ich kann zwar keine Prognosen abgeben, aber er ist sehr eindeutig darin, dass er Putin unterstützen will und dass er Autokratien eher unterstützt. Anders als Hillary Clinton, die einen eher anti-russischen Kurs steuern wollte. Trump will Russland unterstützen, was das genau bedeutet, bleibt noch offen. Vielleicht will er Sanktionen lockern oder aufheben, Russland in Bezug auf die Ukraine freiere Hand geben. Wir wissen es noch nicht. Ich kann kein Orakel spielen, aber es ist möglich, dass er über Europa hinweg mit Russland einen Deal schließen wird.

Europa wird mehr auf eigenen Füßen stehen müssen?

Absolut. Europa wird eigenständiger werden müssen. Es steht nun allein da. Die einzigen Institutionen in der Welt, welche Demokratien weltweit unterstützen, sind nun europäische Institutionen.

Was bedeutet das? Mehr Militär?

Europa braucht ein stärkeres Militär, denn von nun an ist es nicht mehr sicher, ob Amerika in einem Angriffsfall Europa helfen wird oder nicht. Ich meine Europa als ganzes, nicht nur ein einzelnes Land. Man benötigt eine militärische Organisation, weil die Nato so nicht mehr funktionieren wird.

Was waren die Gründe für Trumps Wahlerfolg?

Er will das Wirtschaftswachstum in den USA verdoppeln.

Ich denke, dass er keine Idee hat, wie er das anstellen will.

Können die Republikaner ein Korrektiv zu Trump sein?

Trump hat gewonnen und führt sie nun an. Es gibt viele, viele Opportunisten, die in seiner Regierung arbeiten wollen. Es ist nicht zu erwarten, dass sie nun eine Gegenkraft bilden.

Kontrafaktisch argumentiert, hätte der Demokrat Bernie Sanders gegen Trump gewonnen.

Ja, vielleicht hätte er das. Er hätte gewinnen können, weil er die Wut auf das Establishment nicht auf sich gezogen hätte.

Waren die Globalisierung und die Wirtschaftskrise von 2008 Gründe für die Wahl Trumps?

Durchaus möglich. 2008 konnten die Menschen den Eindruck gewinnen, dass das amerikanische Establishment der Wirtschaft nicht so kompetent ist, wie alle glaubten. Die Globalisierung machte den Menschen Angst, genauso wie der technologische Wandel. In den USA gehen viele Jobs wegen der Automatisierung und der Digitalisierung verloren.

Was erwarten Sie für die Zukunft?

Ich bin sehr besorgt. Ich mache mir Sorgen über die westlichen Demokratien und auch die Prosperität der USA. Die Europäer sollten am besten sehr genau darüber nachdenken, wie die EU künftig funktionieren sollte, wofür sie steht, was sie zu tun gedenkt, militärisch, ökonomisch und politisch.

Eine Chance für Europa, näher zusammenzurücken?

Ich hoffe und wünsche das. Es ist eine Gelegenheit. Aber es könnte auch der Anfang vom Ende Europas sein.

Amerika war immer der Leuchtturm der Demokratie. Ist es nun eher Deutschland?

Die Gefahren sind für beide gleich. Deutschland ist genauso stabil oder instabil wie die USA. All das ist auch in Deutschland möglich.