Wilhelm Heitmeyer, geboren 1945, arbeitet seit 1982 in der empirischen Forschung zu Rechtsextremismus, Gewalt und Fremdenfeindlichkeit, zu ethnisch-kulturellen Konflikten, zu sozialer Desintegration. Berühmt sind die von ihm initiierten Langzeituntersuchungen zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit.

Zehn Jahre lang erschienen ihre Ergebnisse jährlich in einem Band der Edition Suhrkamp unter dem Titel „Deutsche Zustände“. Heitmeyer initiierte auch das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. Er war von 1996 bis 2013 dessen Direktor und ist jetzt als Senior Research Professor dort tätig. Heute sitzt er anlässlich weiterer Termine in Berlin in meinem Büro lachend auf der Couch, das Aufnahmegerät auf seinem Knie und den Tee in Griffnähe.

Gibt es etwas Ihrer Forschungsarbeit Vergleichbares?

Es war die größte und am längsten laufende Untersuchung zu dem, was wir gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nennen. Dabei geraten bestimmte Menschen allein aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit in den Fokus von Abwertung, Diskriminierung und Gewalt – unabhängig von ihrem individuellen Verhalten. Wir konnten langfristige Entwicklungen aufzeigen. Es wäre angesichts der heutigen Lage wichtig weiterzumachen. Ich hoffe daher, dass mein Nachfolger Andreas Zick die erforderliche Unterstützung erhält, um weiter arbeiten zu können. Das Ausmaß von Vorurteilen, Abwertungen, Diskriminierungen und Gewalt ist keine Naturkonstante, sondern abhängig von gesellschaftlichen Verhältnissen. Deshalb sind Langzeituntersuchungen so wichtig. Sie sind aber auch rar. Was für mich die Frage aufwirft, ob diese Gesellschaft – ob ihre Interessengruppen, Eliten, Medien und politischen Institutionen – das überhaupt wissen wollen.

Hat die Fremdenfeindlichkeit während Ihres Untersuchungszeitraumes kontinuierlich zugenommen?

Nein. Bis Mitte des ersten Jahrzehnts war eher eine Abnahme zu beobachten. Der machte aber die Finanzkrise 2008 den Garaus. Sie müssen diese Entwicklungen immer im gesellschaftlichen Kontext sehen und mit den Aktivitäten von Mobilisierungsakteuren. Schon 2002 haben wir auf die Gefahr des Rechtspopulismus hingewiesen. Wir hatten ihn gemessen mit Fragen nach Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und autoritärer Aggression. Danach stellte sich ein Potenzial von 20 Prozent in der Bevölkerung heraus. Zwischen 2009 und 2011 stiegen bei diesem Potenzial die wahrgenommene Einflusslosigkeit als ein Grundelement von Wut, die Bereitschaft an Demonstrationen teilzunehmen sowie die individuelle Gewaltbereitschaft deutlich an. Das war vor dem Aufkommen von Pegida oder AfD. Die Mobilisierungsakteure haben es geschafft, die individuellen Ohnmachtsgefühle in kollektive Machtgefühle zu verwandeln. Es gibt aus deren Sicht nichts Größeres – wer immer die Opfer sind.

Man hätte also etwas tun können?

Solange das Potenzial sich nicht auf parteipolitischer Ebene zeigte, wurde es von den politischen Eliten nicht ernst genommen. Insbesondere nicht von den konservativen Parteien, die sich für unsere Ergebnisse nie interessiert haben. Als Wissenschaftler wundert man sich nicht über die Erfolge wie die der AfD. Man wundert sich darüber, weshalb sich bei den politischen und medialen Eliten so viele plötzlich wundern. Man konnte es schon lange wissen. Aber man wollte es nicht wissen. Es gab und gibt einen weit verbreiteten politischen Autismus. Die prekäre Zivilität wollte man nicht wahrnehmen. Und auch für intelligente Wochenblätter war das „Bielefelder Alarmismus“.

Kommen bei Ihnen da nicht Zweifel an Ihrer Arbeit auf?

Man wird mürbe. Ich hatte 1987 meine erste Untersuchung zu rechtsextremistischen Orientierungen bei Jugendlichen vorgelegt. Damals sagte man mir: „Hör auf damit. Unsere Jugend hat ihre historische Lektion gelernt.“ 1997 machte ich die erste Untersuchung zu islamistischen Einstellungen bei türkischen Jugendlichen. Mit z. T. unerfreulichen Ergebnissen. Damals attackierten mich massiv Migrationsforscher und Islamverbände, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Es war eine empirische Untersuchung. Ihre Kernaussage war der Hinweis auf die negativen Folgen von Desintegration und fehlenden Anerkennungen. Mitte der 80er-Jahre untersuchten wir die nationalistischen und gewaltorientierten Einstellungen bei Fußballfans. Zahlreiche Bundesligavereine beschimpften uns massiv. Natürlich kommen Zweifel an der eigenen Arbeit auf angesichts dieses gesellschaftlichen Selbstbetruges. Und es ist kein Trost, dass er in fast allen Bereichen stattfindet.