Erstmals begegnet sind sie sich 1984. Damals traf der US-Journalist Walter Isaacson einen leicht reizbaren jungen Steve Jobs, der sehr schnell gekränkt war, wenn er es mit seinen neuen Produkten nicht automatisch auf das Cover des Time-Magazin schaffte, für das Isaacson damals arbeitete. Als der Apple-Mitbegründer den Journalisten 20 Jahre später fragte, ob er sich vorstellen könnte, seine Biografie zu schreiben, lehnte Isaacson ab: „Vielleicht in zehn oder 20 Jahren, wenn du im Ruhestand bist.“

Isaacson, der nach seiner Zeit bei Time unter anderem im Vorstand von CNN saß, hat sich mit Biografien über Henry Kissinger, Benjamin Franklin und Albert Einstein einen Namen gemacht. Doch auch als Jobs Jahre später wegen der Biografie noch einmal nachfragte, lehnte Isaacson wieder ab – „irgendwann vielleicht“. 2009 rief ihn schließlich Jobs’ Frau Laurene an und sagte unverblümt, dass ihr Mann schwer krank sei: „Wenn Sie je ein Buch über Steve schreiben wollen, sollten Sie es jetzt tun.“ Issacson sagte zu. In den darauffolgenden Monaten führte er zahlreiche Gespräche mit Jobs, seiner Familie und seinen Rivalen. Das Ergebnis ist eine Biografie, die ein überraschend vielschichtiges und vor allem kritisches Bild des visionären Apple-Lenkers zeichnet.

Mr. Isaacson, hätten Sie gerne mit oder unter Steve Jobs gearbeitet?

Er wäre sicher ein sehr inspirierender Boss gewesen. All die Mitarbeiter, die er in den Jahren um sich geschart hatte, sind ihm gegenüber immer sehr loyal gewesen. Vorausgesetzt, sie schafften es, seine brutale, manchmal erbarmungslose Ehrlichkeit zu ertragen. Dennoch wollten die meisten am liebsten unmittelbar in seiner Nähe sein. Sie wollten mit ihm marschieren.

Sie beschreiben in Ihrer Steve-Jobs-Biografie, wie der Apple-Chef bei einem Vorstellungsgespräch einen Bewerber mit Genuss demütigt, indem er ihn plötzlich fragt, wann er seine Jungfräulichkeit verloren habe. Wer will unter so einem Chef arbeiten?

Selbst diejenigen, die furchtbar unter solchen Attacken gelitten haben, sind später, nachdem sie mir all die Horror-Geschichten erzählt hatten, zu einem erstaunlichen Schluss gekommen. Sie sagten mir: Steve habe sie, trotz allem, dazu gebracht, Dinge zu machen, die sie sich selbst nicht zugetraut hätten.

Waren das alles Masochisten?

Na ja. Es ist ein bisschen komplexer. Steve verstand es, um sich herum ein „reality distortion field“ aufzubauen, wie es einer seiner Mitarbeiter mal genannt hat – eine Art Umfeld, in dem die Realität verzerrt wahrgenommen wurde. Steve konnte andere davon überzeugen, dass Wirklichkeit formbar ist, er konnte die Fakten so hinbiegen, wie er sie brauchte. Das machte er mit einer Mischung aus charismatischer Rhetorik oder eben Furor. Damit hat er viele in seiner unmittelbaren Umgebung zunächst aufgebracht, aber auch gefordert. Er brachte sie dazu, ihre Grenzen zu überschreiten, über sich hinauszuwachsen. Das wurde zu seiner Taktik.

Jobs war ein Machtmensch, der in seinem Apple-Imperium die absolute Kontrolle hatte. Sie haben ihn während der zwei Jahre, die Sie an dem Buch arbeiteten, mehr als 40 Mal gesprochen, durften mit seiner Vermittlung Weggefährten, Familienmitglieder und selbst Rivalen wie Bill Gates interviewen – und dennoch wollte Jobs ihr Buch nicht gegenlesen. Warum sind Sie von seinem Kontrollwahn verschont geblieben?

Das ist in der Tat kurios. Am Anfang hat mich das zunächst verwirrt, ich habe mich dann mit einer gewissen Demut an die Arbeit gemacht. Als ich Steve fragte, warum er mir all diese Freiheiten gab, die er in seinem Unternehmen sonst ja nie oder nur selten gewährte, sagte er mir: „Ich will, dass es ein unabhängiges Buch über mich wird und kein betriebseigenes Produkt.“ Er fand, eine Biografie, die ohne seine Kontrolle zustande käme, hätte mehr Glaubwürdigkeit. Das war ihm sehr wichtig.

Aber als ihm der Entwurf für den Buch-Titel nicht zusagte, konnte sich der Design-Perfektionist in ihm nicht zurückhalten und er setzte seinen Cover-Wunsch durch.

Das stimmt. Das ursprüngliche Cover-Design gefiel ihm überhaupt nicht. Er machte daraufhin klar, dass er bei der Gestaltung mitreden wollte. Und das hat er dann auch gemacht.