Herr Tästensen, wie ist gegenwärtig die Situation bei Ihnen im Nordirak?

Die GIZ ist in der kurdischen Provinz Dohuk an der Grenze zu Syrien und der Türkei aktiv. Die Provinz, nur etwas größer als das Saarland, hat normalerweise etwa 1,4 Millionen Einwohner. Aus Syrien sind etwa 85.000 Menschen hierher geflüchtet. Wegen des Vormarsches des Islamischen Staates sind in den vergangenen eineinhalb Jahren 500.000 Iraker dazu gekommen, die hier Schutz suchen. Dabei handelt es sich überwiegend um Jesiden aus dem Sindschar-Gebirge. Es gibt Orte, da leben inzwischen mehr Flüchtlinge als Einheimische. Setzt man Einwohner und Vertriebene ins Verhältnis, dann würde das für Deutschland eine Zahl von 30 Millionen Flüchtlingen bedeuten!

Wo leben all diese Menschen?

Der Raum ist beengt. Die Front zwischen der IS und der kurdischen Peschmerga ist lediglich 20 Kilometer entfernt. Es gibt zum einen 18 große Flüchtlingscamps, wo jeweils Zehntausende auf engstem Raum überwiegend in Zelten leben. Der Großteil der Menschen ist bei Freunden oder Verwandten untergekommen oder sie haben eine Unterkunft gemietet, wenn sie noch über Geld verfügen. Zahlreiche Vertriebene haben auch Schutz in den vielen Rohbauten gesucht, die es hier gibt.

Warum gibt es so viele davon?

Der Krieg hat die früher boomende Wirtschaft im Nordirak einbrechen lassen. Auch der Verkauf von Rohöl bringt angesichts des Preisverfalls nicht mehr viel ein. Viele Bauprojekte mussten aus Geldmangel eingestellt werden. Sie bieten sich jetzt als Notunterkunft an. Allerdings muss man bedenken, dass wir hier Winter haben mit Schnee und Minusgraden.

Wie helfen Sie konkret?

In den Camps haben wir bisher für etwa 4000 Familien Fundamente gebaut, damit die Zelte trocken stehen und nicht im Matsch versinken. Die Menschen, die in Rohbauten untergekommen sind, haben wir mit speziellen Schutz-Sets versorgt, die wir zusammengestellt haben. Sie bekommen zum Beispiel Folien, Latten und Werkzeuge, um Fenster und offenen Wände abzudichten. Wir stellen auch Öfen und Brennmaterialen wie Kerosin zur Verfügung.

Was ist in den Camps noch vordringlich?

Eine weitere wichtige Aufgabe, die wir übernommen haben, ist der Bau von geschlossenen Abwasserkanälen. Wir hatten bereits die ersten Cholera-Fälle – verursacht durch Abwässer, die offen durch die Lager laufen. Der nasskalte Winter macht alles noch schwieriger. Außerdem haben wir bisher fünf Krankenstationen und 14 Schulen gebaut. Trotzdem sind die Klassenzimmer noch immer überfüllt. Die Kinder werden in drei Schichten unterrichtet.

Was die Menschen mürbe macht, ist die Ungewissheit und das erzwungene Nichtstun. Was haben Sie hier anzubieten?

Wo es möglich ist, binden wir bei Bauprojekten Flüchtlinge ein, bieten eine Beschäftigung und zumindest eine einfache Qualifizierung. In diesem Jahr wollen wir zudem mehrere Projekte zur Berufsbildung starten – für Maurer, Klempner, Schreiner. Vor allem diese Berufe wird man für den Wiederaufbau in Syrien brauchen, wenn der Krieg einmal vorüber ist. Die heutigen Flüchtlinge werden dann gefragte Arbeitskräfte sein.

Ihr offizielle Auftrag des Entwicklungsministeriums lautet: „Fluchtursachen bekämpfen“. Glauben Sie wirklich, dass Ihre Arbeit Flüchtlinge davon abhält, nicht doch nach Europa weiter zu ziehen?

Davon bin ich überzeugt, ja. Es stimmt einfach nicht, dass alle Syrer die Hoffnung aufgegeben haben. Die meisten wollen zumindest in der Nähe ihrer Heimat bleiben, wo ihre Sprache gesprochen wird und sie mit der Kultur vertraut sind. Alle wissen, dass sie in Europa über lange Zeit Fremde sein werden und erst ihre Kinder wirklich Fuß fassen können. Um hier in der Region zu bleiben, nehmen sie eine Menge Leid in Kauf. Kritisch wird es für sie, wenn ihre Kinder nicht zur Schule gehen können.

Den Kindern keine Zukunftsperspektive bieten zu können ist für die Menschen ein Fluchtgrund. Das ist ihnen extrem wichtig. Deshalb ist die Bildung auch einer unserer Schwerpunkte bei der Hilfe. Tausende Kinder können nach vielen Monaten ohne Schule nun wieder etwas lernen. Das gibt den Menschen das Gefühl von Normalität, es strukturiert den Alltag. Natürlich ist es auch wichtig, trocken und warm zu wohnen und etwas zum Essen zu haben. Aber wir haben gemerkt, dass das alleine nicht genügt

Wie sieht die Lage bei den irakischen Binnenflüchtlingen aus?

Die Jesiden, von denen viele Bauern sind, wollen unbedingt wieder in ihre angestammte Heimat zurück und ihr Land bestellen. Wir beobachten, dass sie nach der Befreiung ihrer Heimatgebiete so schnell wie möglich wieder dorthin gehen. Bis zu 35.000 Jesiden haben sich schon auf den Weg gemacht oder sind bereits wieder zurückgekehrt. Das ist doch ein sehr positives Zeichen.

Das Gespräch führte Timot Szent-Ivanyi