Herr Enderlein, Front National, AfD, FPÖ, die Wahren Finnen – was unterscheidet die rechtspopulistischen Parteien in Europa eigentlich?

Mir gefällt es nicht, alle Parteien in einen Korb zu werfen und vom Aufstieg des Populismus zu sprechen. Es gibt europaskeptische und offen europafeindliche Parteien. Zu den Europakritikern würde ich die britischen Konservativen und PiS in Polen zählen. Aber auch linkspopulistische Parteien wie Syriza oder Podemos sind durchaus europaskeptisch. Und dann sind da die Souveränisten wie der Front National in Frankreich, die Ukip in Großbritannien, die AfD bei uns und die Wahren Finnen. Das sind nationalistische Parteien, die glauben, dass die Zukunft der Welt eher im abgeschlossenen Nationalstaat liegt, als in einer offenen Gesellschaft Europas. Fremdenfeindlichkeit ist leider oft Teil dieser pseudo-nostalgischen Nationalstaatsromantik.

Was eint die AfD und den FN?

Nicht viel. Aber in vielen Ländern Europas entsteht heute das Gefühl, Europa sei verantwortlich für alle Probleme. Die Eurokrise hinterlässt Spuren. Politikwissenschaftler wissen, dass ökonomische Krisen immer Populismen hervorbringen. Europa ist ein idealer Sündenbock für frustrierte Menschen.

Und was unterscheidet sie?

Der FN ist zu einer fest etablierten Partei in Frankreich geworden. Leider. Er stützt sich auf offen rechtsextremes Gedankengut, auch wenn Marine Le Pen versucht, die Partei viel stärker in die Mitte zu manövrieren und hoffähig zu machen. Die AfD ist ganz anders. Sie ist aus einer Bewegung deutscher Nationalökonomen entstanden, die ordnungspolitisch gegen den Euro argumentiert haben. Inzwischen ist die AfD aber zu einem Auffangbecken für fremdenfeindlichen Populismus geworden. Ich sehe nicht, dass sie in Deutschland politisch Fuß gefasst hat. Ich will diese Bewegung als Partei auch nicht ernst nehmen. Sie hat weder Programm noch Linie. Das mag sich ändern, aber das wird dauern.

Oder sie wird wieder verschwinden.

Es gab immer wieder Parteistrohfeuer – aus allen politischen Ecken von den Piraten über die Schill-Partei bis zu den Republikanern, die alle in einer bestimmten politischen Konjunktur schnell nach oben kamen und dann wieder verschwanden. Aber seit den Grünen hat sich in Deutschland keine neue Partei mehr langfristig verankert. Mir ist nicht klar, wofür die AfD steht. Inzwischen versucht sie, auf die Flüchtlingsdiskussion aufzuspringen und fremdenfeindliche Parolen zu ihrem Programm zu machen. Hier ist der Unterschied zu Frankreich wichtig. Der FN war zwar über Jahre eine Protestbewegung, er ist aber erst in den letzten Jahren zu einer ernst zu nehmenden Kraft geworden. Daher ist der FN auch besser mit der österreichischen FPÖ zu vergleichen, die auch von einer extremen Ausrichtung zu einer festen politischen Kraft geworden ist.

Spielt der Anschlag in Paris dem Front National in die Hände?

Das Geschäftsmodell jeder populistischen Partei ist das wahllose Vermengen von politischen Themen, die nichts miteinander zu tun haben, aber den Menschen Angst machen. Und genau das tut auch der Front National, wenn er suggeriert, dass die Terrorattacken, die Flüchtlingswelle, die Integrationsprobleme um arabischstämmige Franzosen, die Wirtschaftskrise, die hohe Arbeitslosigkeit Probleme sind, die mit offenen Grenzen und Europa zu tun haben. Nationale Souveränität wird als Allheilmittel gegen die Übel unserer Zeit propagiert.