Berlin - Seit Jahren münden so manche Vorträge oder Vorlesungen von Personen mit legitimen Meinungen an deutschen Universitäten in tumultartigen Auseinandersetzungen. Denn die Studierendenschaft ist mit dem Inhalt nicht einverstanden. So flogen im Januar dieses Jahres die Fäuste der „Studis gegen rechte Hetze“, als unter anderem die Frauenrechtlerin Naila Chikhi zum Thema Kopftuch sprechen wollte. Im vergangenen Jahr war es der Wirtschaftsprofessor und AfD-Gründer Bernd Lucke, der an seinen Vorlesungen über Makroökonomik gehindert wurde. Weitere Vorlesungen konnte er nur unter Polizei-Aufsicht halten.

Jetzt haben Forscher in der Zeitschrift für Kölner Soziologie und Sozialpsychologie eine Studie vorgelegt, die zeigt, dass nicht wenige Studierende bereit sind, die Meinungs- und Redefreiheit einzuschränken, um mit abweichenden Meinungen nicht konfrontiert zu werden. Die Frankfurter Wissenschaftler haben die Studie an Studierenden, insbesondere Erstsemestern, der Sozialwissenschaften durchgeführt.

Die Ersteller betonen, dass sie sich eine besonders linke Studentenschaft als Stichprobe ausgewählt haben, ihnen zufolge gilt die Frankfurter Goethe-Universität als Kaderschmiede linker Politik. Und wenn dort restriktive Tendenzen zu finden seien, sei es auch woanders möglich. Die Forscher wurden fündig.

Intoleranz bei Migration, Islam und Geschlecht

Die Toleranz der über 900 Befragten ist nicht breit gefächert. So würde ein Drittel Bücher konservativer Meinungsvertreter aus den Bibliotheken entfernen wollen, zwischen einem Drittel und der Hälfte der Studenten möchte Redner mit streitbaren Positionen – beispielsweise, dass der Islam nicht mit dem westlichen Lebensstil vereinbar sei – sowie zu den Themen sexuelle Identität, Gender und Migration weder auf dem Campus zulassen, noch sollten sie eine Lehrbefugnis an der Universität erhalten.

Zudem spürt der Studie zufolge jeder Vierte einen gewissen Konformitätsdruck bei politischen Themen, ihre Meinung äußerten sie deshalb nur noch zurückhaltend. Ebenfalls ein Drittel gibt an, durch Aussagen anderer an der Universität gekränkt worden zu sein. Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass Studierende, die sich selbst links verorten, intoleranter gegenüber anderen Meinungen sind als Studierende, die beispielsweise CDU oder FDP wählen.

Doch die Studie hat ein eklatantes Defizit: die Daten, auf denen sie basiert. Zwar weisen die Ersteller auf die geringe Aussagekraft hin, der Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch, Professor an der Freien Universität, geht so weit, die Studie als unbrauchbar zu bezeichnen. „Ich wundere mich, dass die überhaupt veröffentlicht wurde.“ Er hält die Befragungen für nicht stichhaltig, kritisiert Methodik und die Fragen.

Studierendenschaft ist diverser geworden

Dennoch hält er die Ergebnisse der Studie nicht für besorgniserregend. „Die Studie zeigt, dass die Studierenden ein sehr gesundes Empfinden darüber haben, was die Meinungsfreiheit abdeckt. Natürlich kann man an der Uni diskutieren, wie viel Migration eine Gesellschaft aushalten kann oder wie das Verhältnis zwischen Islam und säkularer Gesellschaft ist“, sagt Stefanowitsch, „die Grenze liegt im humanistischen Ideal, das der Universität zugrunde liegt.“ Stefanowitsch spricht von einer „intellektuellen Fürsorgepflicht“ der Lehrenden gegenüber ihren Studierenden.

„Wer heute noch der Meinung ist, dass Homosexualität unmoralisch ist, hat an einer Universität nichts zu suchen“, so der Professor. „Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass man jede beliebige Position vertreten kann.“ Da die Thesen der Forscher bewusst radikal formuliert wurden, hätten die Studierenden mit solcher Radikalität diese Thesen abgelehnt.

Er gibt auch zu bedenken, dass die Studierendenschaft heterogener geworden ist. Studierende mit Migrationshintergrund sind heute keine Ausnahme mehr, sondern selbstverständlich. Auch ein offener Umgang mit sexueller Vielfalt gehört zum Alltag auf dem Campus. Demzufolge könnten heutzutage Gruppen widersprechen, die früher gar nicht Teil einer Diskussion waren.

Allgemein sieht Anatol Stefanowitsch kein Problem im Meinungsklima, insbesondere nicht in den Geisteswissenschaften. Die in Deutschland herrschende Freiheit von Lehre und Forschung kenne er aus keinem anderen Land. „Man kann uns nicht reinreden“, betont der Professor. Diese Auffassung teilen jedoch nicht alle Hochschullehrer. Eine 2019 durchgeführte Allensbach-Studie unter über 1000 Hochschullehrern zeigte, dass sich 30 Prozent durch „politische Korrektheit“ sowohl in der Forschung als auch in der Lehre eingeschränkt fühlen. Die größte Einschränkung in der Lehre nehmen der Studie zufolge mit 36 Prozent Hochschullehrer der Geisteswissenschaften wahr.