Berlin - Angela Merkel hat am Mittwoch erklärt, warum der Lockdown bis zum 7. März verlängert werden müsse. Dabei operierte sie auch mit vielen Zahlen und Fachbegriffen wie Inzidenzzahl, R-Wert und Mutante. Sie sagte zum Beispiel, dass man über weitgehendere Lockerungen erst nachdenken könne, „wenn man mit den Inzidenzzahlen wirklich runterkommt“. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD), sieht Lockerungen für Kultur und Einzelhandel zum Beispiel erst ab einer „7-Tage-Inzidenz von 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner“.

Was ist mit alledem gemeint? Zunächst zur 7-Tage-Inzidenz: Sie erfasst eine Relation. Liegt die Inzidenz bei 35, dann gibt es 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, gemessen an der Gesamtfallzahl der zurückliegenden sieben Tage.

Das Problem: Der Inzidenzwert erfasst nicht die wirklich Erkrankten, sondern die Infizierten, die getestet wurden. Man kennt die wirkliche Zahl der Neuinfektionen gar nicht. Denn sehr viele Fälle verlaufen symptomlos. Die Dunkelziffer kann man nur schätzen. Und die Zahlen – ob 50, 35 oder gar 10 – sind ganz willkürlich festgelegt, nicht auf der Grundlage von Studien. Auch hat man damit die ursprüngliche Strategie „Flatten the Curve“ verlassen.

Man misst nicht mehr an der aktuellen Zahl der schweren Fälle oder der Überlastung von Kliniken, wenn man allein die Inzidenz in den Mittelpunkt der Debatte rückt. Aber dahinter steckt die Idee, wie sie zum Beispiel von der Forscher-Initiative „No Covid“ vertreten wird. Hier gilt nur: Je weniger Infizierte, desto besser. Weil Gesundheitsämter dann die Kontakte der Infizierten besser verfolgen können.

Der R-Wert wiederum sagt aus, wie viele Menschen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Liegt er bei 1, dann stecken 100 Menschen etwa weitere 100 Menschen an. Um ihn zu ermitteln, werden die gemeldeten Neuinfektionen eines Tages mit den Neuinfektionen von vor vier Tagen verglichen. Liegt er weit über 1, dann könnte die Kurve steil ansteigen. „Wir müssen den R-Wert deutlich unter 1 bringen, etwa auf 0,7, damit die Fallzahlen zügig sinken“, sagte die Göttinger Physikerin Viola Priesemann vor einiger Zeit im Interview mit der Berliner Zeitung.

An diesem Wert orientierte sich auch die Kanzlerin am Mittwoch. „Wir wissen, dass unser R-Faktor nicht unter 0,7 liegt“, sagte sie. „Er liegt meistens bei 0,8 oder 0,85.“ Und sie warnte vor den britischen und südafrikanischen Virus-Varianten, die noch ansteckender seien und damit den R-Wert wieder über 1 bringen könnten. Dann würden die Zahlen schnell wieder hochgehen. Die mutierten Viren seien schon in Deutschland, und Experten sagten, sie könnten bis Mitte März die Oberhand gewinnen. Die Zeitspanne bis dahin sei „existenziell“, sagte Merkel. Man müsse unbedingt jetzt eine mögliche dritte Welle bekämpfen. Und das könne man nur, wenn man mit den Inzidenzzahlen runterkomme.

Der R-Wert ist allerdings auch eine sehr stark schwankende Größe. Er hängt ebenfalls vom Umfang der Tests ab. Je mehr getestet wird, desto höher ist er. Und auch er erfasst nicht die Dunkelziffer von symptomlos Infizierten. Er berücksichtigt nicht, wie viele Infizierte überhaupt ansteckend sind. Und je weniger Fälle es insgesamt gibt, desto stärker kann er ansteigen, wenn es plötzlich stärkere Ausbrüche an einzelnen Orten gibt. Es gibt also lauter Unsicherheiten – auch unabhängig von sich möglicherweise ausbreitenden Mutanten.

Wenn man ungefähr abschätzen will, wann Berlin den angestrebten „Inzidenzwert von 35“ erreichen könnte, muss man sich die jüngste Entwicklung ansehen. Der Inzidenzwert sank vom 12. Januar bis zum 11. Februar von fast 200 auf 62,9. Seit Anfang Februar ist ein deutliches stetiges Absinken erkennbar. Und wollte man ein Lineal anlegen und einen Strich ziehen, dann könnte man in 15 Tagen bei einer Inzidenz von unter 35 sein, also Ende Februar/Anfang März. Und in etwa acht Tagen wäre man bei 50.

Doch das ist eine Milchmädchenrechnung. Denn man muss den R-Wert dazunehmen. Und dieser schwankt, allein im Februar zwischen 0,69 und 0,93. Das kann an vielem liegen. Erkennbar ist allein ein Trend. Und es ist klar: Je weniger Fälle, desto besser können die Gesundheitsämter sie nachverfolgen und desto regionaler kann man handeln.

Merkel sagte am Mittwoch zugleich: Man müsse auch beobachten, „welcher Schritt welche Auswirkungen“ hat und was das für die Entwicklung der Fallzahlen bedeute. Genau solch eine Analyse – wie einzelne Lockdown-Maßnahmen konkret wirken – haben Kritiker bisher vermisst.