Dieses undatierte Foto zeigt Hella Mewis, Kulturvermittlerin aus Deutschland, auf einem Boot auf dem Fluss Tigris in Bagdad, Irak.
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BerlinHella Mewis ist wieder frei. Die Berliner Kuratorin und Kulturmanagerinin, die in der irakischen Hauptstadt Bagdad am Montagabend auf offener Straße von bewaffneten Männern in ein Auto gezogen und verschleppt worden war,  konnte am Freitagmorgen von irakischen Sicherheitskräften befreit werden. Am Freitagmittag bestätigte Bundesaußenminister Heiko Maas, dass die 48-Jährige soeben in der deutschen Botschaft in Bagdad eingetroffen sei. Es gehe ihr, berichtet dpa mit Bezug auf „Diplomatenkreise“ den Umständen entsprechend gut. Näheres ist noch nicht bekannt.

Hella Mewis lebt seit sieben Jahren in Bagdad und betreibt dort seit 2015 das Tarkib Baghdad Contemporary Arts Institute, das insbesondere jungen bildenden und darstellenden Künstlern und Künstlerinnen Arbeits- und Ausstellungsräume sowie Zusammenhang und internationalen Austausch verschafft, oft in Kooperation mit dem dortigen Goethe Institut. In Berlin, wo Mewis bis 2012 im Theaterhaus Mitte gearbeitet hatte, zeigte sie im Oktober 2016 in der Akademie der Künste die  Theaterarbeit „in_visible“  der Autorin Aya Mansour und der Schauspielerin Labwa Saleh über irakische Frauen, die versuchen, sich in der patriarchalischen Gesellschaft Freiräume zu erkämpfen.

Ein Fahrrad spielte dabei damals eine große Rolle. Und als blonde Ausländerin, die ungeschützt unter Irakern lebt und selbstbewusst mit dem Fahrrad durch die Stadt fährt, ist Hella Mewis in Bagdad auch weit über die kulturelle Nische hinaus bekannt. Ob sie keine Angst habe, freiheitliche Werte als Frau so offensiv zu vertreten, wird sie dauernd gefragt. Ihre Antwort darauf ist zum einen, dass sie sich in Bagdad vom ersten Moment an hoffnungslos heimisch gefühlt habe, zum anderen, dass Aufgeben nie eine Lösung sei.

Die angstvoll-erschütterten Reaktionen aus dem irakischen und deutschen Tarkib-Umfeld auf die Nachricht von Hella Mewis’ Entführung haben über die Sorge um die Person hinaus dreierlei (wieder einmal) gezeigt: Erstens, wie unglaublich viel eine einzelne fröhlich-entschlossen-tatkräftige Person noch unter ungünstigsten Umständen in Bewegung bringen und bewirken kann. Zweitens, für wie gefährlich gewaltvoll-reaktionäre Kreise (aus welcher Ecke auch immer) Kultur und Freiheit halten. Und drittens, wie gefährdet beides ist.

Der vergleichsweise schnelle Erfolg, den das Auswärtige Amt in offenbar guter Zusammenarbeit mit irakischen Behörden hatte, ist dankenswert und ermutigend. „Nicht mit uns!“, ist die Botschaft, und wohl nicht nur die mit Mewis befreundete irakische Aktivistin Sirka Sarsam wird jetzt hoffen, „dass die Entführung nicht ihre Zukunftspläne im Irak ändert“. In jedem Fall sind finanzielle und ideelle Unterstützung der Kulturarbeit von freiheitlichen Initiativen in unfreien Verhältnissen nie Luxus, sondern buchstäblich ein Lebensmittel.

Bisher bekannte sich niemand zu der Entführung. Der Verdacht richtete sich bisher vor allem gegen die irantreue Schiitenmiliz Kataib Hisbollah und die sunnitische Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Ein Sprecher von Kataib Hisbollah hatte eine Beteiligung der Miliz aber indirekt abgestritten. Zellen des IS sind im Irak weiter aktiv. Die Gruppe hat dort in vergangenen Jahren aber an Einfluss verloren.

Im Irak wurden nach dem Sturz von Diktator Saddam Hussein im Jahr 2003 mehrfach deutsche Staatsbürger entführt. 2005 wurde die Archäologin Susanne Osthoff verschleppt und nach 23 Tagen Geiselhaft wieder freigelassen. 2006 wurden Thomas Nitzschke und René Bräunlich entführt, Techniker eines Leipziger Anlagenbauers. Sie kamen mehrere Monate später frei. 2007 wurden die Deutsche Hannelore Krause und ihr damals 20 Jahre alter Sohn Sinan in Bagdad entführt. Die Mutter wurde freigelassen. Ob Sinan noch lebt, ist bis heute unklar. (mit dpa)