Zwei Mädchen in einem Ort nahe Qaleh Ganj. Touristen sind in der Gegend gern gesehen. Im Gespräch mit ihnen proben die jungen Leute ihre Sprachkenntnisse.
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TeheranFünf Mädchen und eine junge Frau bauen sich in einem Café in Qaleh Ganj vor den ausländischen Gästen auf wie die Orgelpfeifen. Qaleh Ganj im Südosten des Iran liegt nahe der Grenze zu Pakistan und ist Luftlinie etwa 1000 Kilometer von Teheran entfernt. In der Nähe befindet sich eine berühmte archäologische Ausgrabungsstätte, zu der manchmal ausländische Besucher kommen. Die Stadt selbst hat keine Attraktionen, aber doch alles, was eine kleine Stadt selbst in der iranischen Provinz so haben muss: einen Basar und Moscheen, Hotels und auch ein modernes großes Einkaufszentrum.

Und in einem ziemlich schicken Café in dieser Mall haben sich die Mädchen aufgebaut. Die junge Frau, die die Mädchen zu dieser Aufstellung dirigiert, stellt sich als Elham Karimi vor und als Direktorin einer privaten Englisch-Schule. Ihre Schülerinnen sollen die Gelegenheit nutzen, um bei den Ausländern ihr Wissen anzuwenden. Zuerst schauen alle verlegen drein, schubsen sich gegenseitig an, und schließlich nimmt die Kleinste – fünf Jahre alt, große Augen und noch ohne Kopftuch – ihren Mut zusammen, sagt ihren Namen, nennt ihr Alter und fragt, woher die Besucher kommen. Nun legen auch die anderen los.

Sprachkenntnisse werden ausprobiert

Elham Karimi ist sichtlich stolz. Die Zahl ihrer Schüler, erzählt sie, wachse beständig. Die Kinder sollen das Abitur machen und studieren. „Einige Familien jedoch – und zunehmend mehr – wollen bald ins Ausland gehen“, sagt Elham Karimi. „Und ihre Kinder sollen mit dem Sprachunterricht darauf vorbereiten werden.“

Viele Iraner haben zwar auch schon in den vergangenen Jahrzehnten ihr Land verlassen: Sie flüchteten vor dem Schah-Regime, dann ab 1979 vor den Repressalien gegen Oppositionelle in der Islamischen Republik. Oder sie gingen in den Westen, um dort zu studieren oder zu arbeiten. Doch derzeit ist die wirtschaftliche Lage angespannt wie schon lange nicht mehr in der Islamischen Republik.

Auf Schritt und Tritt werden fremdländisch aussehende Leute von Iranern angesprochen und Sprachkenntnisse ausprobiert. Sie berichten, dass sie Lehrer, Krankenschwestern oder Ärzte, Taxifahrer oder Ingenieure sind, sie erzählen von langwierigen Visa-Anträgen und erklären, dass sie so schnell wie möglich auswandern möchten.

Vor allem junge Iraner wollen weg. Als sich die iranische Führung Mitte November – offenbar aus Finanznot in den Staatskassen – gezwungen sah, die enormen Benzinpreissubventionen zu kürzen, entlud sich der unter der Oberfläche gärende Unmut in Massenprotesten.

Von Aufbruchstimmung zu Wirtschatskrise 

Noch vor zwei, drei Jahren war das anders, da herrschte Aufbruchstimmung. Im Juli 2015 hatten sich die UN-Vetomächte, Deutschland und der Iran in Wien auf das Atomabkommen geeinigt. Es sollte durch streng überprüfbare Auflagen verhindern, dass der Iran Nuklearwaffen baut.

Die westlichen Staaten sicherten im Gegenzug die schrittweise Aufhebung der Sanktionen zu. Der Iran konnte seine Ölexporte erhöhen, ausländische Firmen standen Schlange, um Aufträge zu ergattern oder zu investieren. Die Ein- und Ausfuhrzahlen für Industrie- und Konsumgüter stiegen. Immer mehr Touristen kamen in den Iran. Im ganzen Land blühte das Baugewerbe auf, neue Läden, Cafés und Restaurants entstanden, Häuser und ganze Stadtkerne wurden renoviert, Handwerksbetriebe und Unternehmen gegründet.

Im Mai 2018 jedoch kündigte US-Präsident Donald Trump das Abkommen auf, nannte die Vereinbarung den „schlechtesten Deal aller Zeiten“ und verhängte ein strikteres Sanktionsregime als jemals zuvor. Wie sehr sich seither die Stimmung im Land und auch die Zustände hier verändert haben, ist auf dem Weg von Qaleh Ganj nach Bandar Abbas zu beobachten. Die grau-braune, schroffe Gebirgslandschaft geht allmählich in sanfte Hügel, dann in eine weite Einöde über. In den Ortschaften stehen viele Häuser leer oder Rohbauten entlang der Straße, aus denen mehrstöckige Villen, Fabriken oder Lagerhallen entstehen sollten. Doch nirgends sind Bauarbeiter zu sehen, die Rohbauten wirken wie schockgefrostete Ruinen. Geschäfte sind geschlossen, Fabriken liegen verlassen.

Den Leuten sei das Geld ausgegangen, erklärt ein junger Mann, der mit Familie und einem voll beladenen Kleintransporter an einer Tankstelle eine Pause macht. Farhad Amiri hat seine Felder verpachtet, die auch wegen der anhaltenden Dürre nichts mehr eingebracht hätten, und will nun nach Bandar Abbas, wo Verwandte von ihm leben. Er hofft, dort Arbeit zu finden.

Die Hafenstadt liegt an der Straße von Hormus. Es ist die wichtigste Seestraße für den globalen Ölhandel – und derzeit die Gegend, wo sich Kriegsschiffe der USA und Irans gefährlich nahekommen. An der Ufer-Promenade sind in der Ferne Containerschiffe zu sehen, am neuen Hafengebäude legen Fähren zu den Inseln ab. In der Stadt fahren jetzt in der Mittagszeit kaum Autos, die Straßen sind angesichts der heißen Temperaturen menschenleer. Nur zwei Marinesoldaten stehen auf einem in den Rasen gerammten Kutter, heroisch aufgereckt mit Panzerfaust und Maschinengewehr im Anschlag, zur Landesverteidigung bereit – was sie ohne Unterlass Tag und Nacht demonstrieren, denn Kutter und Soldaten sind aus wetterfestem Styropor.

Wirtschaft im freien Fall

Massoud Abdullahi sitzt unter einer Markise an einem wackligen Tischchen, hat vor sich ein Glas Tee stehen und bleibt fast so unbeweglich wie die Styropor-Figuren. Das ist zum Teil der Hitze geschuldet, zum großen Teil aber wohl seiner Erschöpfung. Der Rücken ist krumm, sein Haar zeigt graue Strähnen, im Gesicht sind tiefe Falten eingegraben. Massoud hat einen kleinen Shop im Basar, wo er Schuhe verkauft. Nach Ladenschluss, erzählt der 36-Jährige, fährt er aber noch Taxi und ab 24 Uhr arbeitet er bis fünf Uhr früh als Nachtwächter in einem Hotel. Auch er fragt, ob Deutschland Arbeitskräfte sucht. Er könne Schuhe reparieren oder Taxi fahren. Doch eigentlich weiß er selbst, dass er damit kaum Chancen hat. Nein, einen Krieg fürchte er nicht. Aber er sei dieses ständige Auf und Ab leid. Vor vier Jahren habe er für seine Familie am Stadtrand ein Haus gebaut, für das er den Kredit abzahlen muss. „Und das Leben wird von Tag zu Tag teurer“, sagt er.

Irans Wirtschaft befindet sich nach der Kündigung des Atomwaffenvertrags wieder im freien Fall. Die Wachstumsrate wird für 2019 mit rund minus sechs Prozent angegeben. Der Kurs des iranischen Rial zum Dollar oder Euro verfällt rapide, ebenso rasant steigt die Inflation. Schon 2018 erhöhten sich die Verbraucherpreise um 31,2 Prozent, 2019 um 37,2 Prozent. Ebenso wachsen die Arbeitslosenzahlen, offiziell liegt die Rate bei über 15 Prozent.

Drohenden Unmut über diese prekäre Not versucht die iranische Führung einzudämmen, indem sie Preise zum Beispiel für Brot durch massive Subventionen stabil hält. An die Ärmsten und einige Staatsbedienstete werden zudem Nahrungsmittelpakete verteilt. Zudem wird an den Widerstandswillen der Iraner appelliert, und tatsächlich empfinden viele Iraner den Kurswechsel des Westens gegenüber ihrem Land als zutiefst ungerecht. Doch als die Regierung die Benzinpreise um fast 50 Prozent erhöhte, kippte die Stimmung: Einen Tag später begannen landesweit die Proteste, in deren Verlauf nach Angaben von Amnesty International mehr als 300 Menschen getötet wurden. Die iranische Führung weist diese Darstellung zurück, legt jedoch keine eigenen Angaben vor.

Nach der Aufkündigung des Atomabkommens hatte Donald Trump in einem Tweet mit dem „offiziellen Ende des Irans“ gedroht – wobei unausgesprochen die Hoffnung mitschwang, dass die Iraner gegen ihre Führung aufbegehren. Wie 2009, als nach der Wiederwahl des Hardliners Mahmud Ahmadinedschad zum Präsidenten landesweit Massenproste ausgebrochen waren. Nicht nur in den großen Städten wie Teheran, Shiraz oder Isfahan.

Isfahan, ein bedrohtes Stadt

Isfahan ist die wahrscheinlich schönste Stadt im Iran. Es gibt viele Parks und prachtvolle Gärten im Zentrum, große Bäume säumen die Straßen, neben denen in kleinen Kanälen Wasser fließt. Ihr Prunkstück aber ist der Meidan-e Emam im historischen Zentrum. Ende des 16. Jahrhunderts wurde der Platz mit dem damaligen Namen Naqsch-e Dschahan (Abbild der Welt) auf Befehl von Schah Abbas I. angelegt. Später erhielt er den Namen Meidan-e Schah und nach der islamischen Revolution 1979 zu Ehren von Ajatollah Khomeini den heutigen Namen.

Seit 1979 zählt der 90.000 Quadratmeter große Platz zum Weltkulturerbe. Mit seiner perfekten Symmetrie, seinen Arkaden und prächtigen Moscheen ist er eine architektonische Meisterleistung. Am Abend drängen sich hier die Menschen, Isfahaner genauso wie immer noch Touristen, die sich trotz der politischen Lage nicht von ihrer Reise haben abbringen lassen. Teenager nerven Spaziergänger mit ihren Skateboards. Mädchengruppen picknicken auf dem Rasen. Familien haben sich, beladen mit Einkäufen im Basar, erschöpft auf den Bänken niedergelassen.

Im Falle eines Kriegs mit den USA und auch mit Israel, das sich von der Islamischen Republik bedroht fühlt, wäre das schöne Isfahan aber wohl eines der Hauptziele amerikanischer und israelischer Bomben. Denn in der Wüste vor Isfahan, nur etwa 20 Kilometer vom Meidan e-Emam entfernt, befindet sich eines der wichtigsten Zentren des iranischen Atomprogramms, wo Uran angereichert wird. Die Arbeiten waren stillgelegt worden, doch nach Aufkündigung des Atomvertrages wird dort jetzt wieder mit Hochdruck gearbeitet.

Die Menschen werden vorsichtiger

„Das ist doch zutiefst ungerecht. Wir haben uns an das Abkommen gehalten, das haben uns doch auch die Kontrolleure der Atomenergiebehörde in Wien bescheinigt. Und dann?“, sagt Maryam und macht einen Handkanten-Schlag nach unten ins Leere. „Aus. Ende. Das war’s.“

Die 24-Jährige sitzt mit einer Freundin in einem Café in einer Seitengasse am Meidan e-Emam. Sie hat ihr Architekturstudium gerade beendet – und auch sie möchte nach Deutschland. Maryam würde zwar lieber in die USA gehen, wo Verwandte von ihr in Los Angeles wohnen. Aber für die USA bekäme sie niemals ein Visum, sagt sie. Also will sie nach Deutschland.

Für Politik, sagt die junge Frau, interessiere sie sich nur mäßig. Dafür schätzt sie die Lage ziemlich gut ein. Einerseits merke man, erzählt sie, dass die Leute wieder ängstlicher werden und sich hüten, allzu laut Kritik zu üben. Andererseits seien die Zügel wieder etwas gelockert worden. „In der Kulturszene ist ungeheuer viel in Bewegung“, sagt sie. „Es gründen sich immer neue Bands, es finden Konzerte statt.“ Und auch bei der Einhaltung der islamischen Bekleidungsvorschriften werde nicht so genau hingeschaut. „Wenn es im Iran eine massive und ständige Protestbewegung gibt, dann manifestiert sie sich darin, wie die Frauen die Bekleidungsvorschriften umgehen und brechen“, meint Maryam.

Tatsächlich sind die Mäntel der Mädchen und Frauen zurzeit ziemlich kurz und die Kopftücher sehr klein. Fingernägel und Lippen leuchten knallend rot. Maryam liegt, was Aussehen und Auftreten betrifft, akkurat im Trend. Ihre Skinny-Jeans sind knalleng, statt Mantel trägt sie eine lange Seidenbluse, das Kopftuch ist bunt, und wenn es nach hinten rutscht, bleibt es dort eine ganze Weile liegen. Mehr Opposition aber kommt für sie nicht infrage.

Ob der Unmut in einen neuen, großen Aufstand umschlagen könnte? Sie winkt ab und schaut sich nervös um. Ein kurzer Hauch von Missmut verfliegt, dann strahlt sie aber wieder und erzählt einen Witz: „Was war die größte Leistung von Christopher Columbus? Er reiste in Amerika ohne Visum ein!“